Corona-Pandemie

Wie Sachsen-Anhalt zum Exportland für Corona-Impfstoffe wurde

Jeden Monat werden in Sachsen-Anhalt Millionen von Impfstoff-Dosen abgefüllt. Rund 30 Millionen waren es in den vergangenen Wochen bei IDT Biologika in Dessau-Roßlau. In Brehna (Anhalt-Bitterfeld) lässt Biontech in großem Umfang produzieren. Im europäischen Produktionsnetzwerk für Corona-Impfstoffe ist Sachsen-Anhalt damit ein wichtiger Standort.

Von Johannes Vetter
Das Unternehmen IDT Biologika  in Dessau-Roßlau ist auf Vektor-Impfstoffe spezialisiert.
Das Unternehmen IDT Biologika in Dessau-Roßlau ist auf Vektor-Impfstoffe spezialisiert. Foto: dpa

Dessau-Roßlau/Brehna

In der Corona-Pandemie hat sich Sachsen-Anhalt zum wichtigen Impfstoff-Exportland entwickelt. Die Chargen nur weniger Produktionstage würde genügen, um alle 2,2 Millionen Einwohner des Bundeslandes mit Corona-Impfstoff zu versorgen. Theoretisch.

Praktisch ist das Land eingebunden in ein europäisches Netzwerk der Impfstoff-Herstellung – mit Entwicklern, Produzenten und Abfüllanlagen. Dass das Land zum wichtigen Knotenpunkt in diesem System wurde, ist zwei Unternehmen zuzuschreiben: IDT Biologika aus Dessau-Roßlau und Mibe aus Brehna, eine Firma der Dermapharm-Gruppe. An beiden Orten verlassen monatlich Millionen Impfdosen die Werke.

IDT Biologika hat dieses Jahr nach eigenen Angaben bereits rund 30 Millionen Impfstoff-Dosen von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson abgefüllt. Und das „hauptsächlich in den letzten drei Monaten“, wie ein Sprecher des Unternehmens auf Nachfrage mitteilt. Die Wirkstoffe werden allerdings nicht in Dessau-Roßlau produziert.

IDT Biologika füllt Impfstoffe von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson ab

Nach Angaben des Unternehmens kommen sie tiefgefroren dort an. IDT-Mitarbeiter tauten sie dann auf und versetzten sie mit weiteren Substanzen, sodass eine Formulierung entstehe, also eine Impfflüssigkeit, die dann abgefüllt werde. Anschließend gebe es mehrere Qualitätskontrollen, darunter auch eine „optische Kontrolle jedes einzelnen Glasfläschchens“, wie der IDT-Sprecher erläutert. Dann werde etikettiert und abgepackt.

In Zukunft sollen in Dessau-Roßlau allerdings auch die Wirkstoffe produziert werden. Das Unternehmen hat mit Astra-Zeneca eine strategische Partnerschaft vereinbart und investiert gerade rund 100 Millionen Euro in den Standort. Im Jahr 2023 will das Unternehmen die neuen Produktionsanlagen in Betrieb nehmen und so bis zu fünf Millionen Impfstoff-Dosen pro Woche produzieren. Außerdem arbeitet IDT weiterhin an einem eigenen Corona-Impfstoff. Läuft alles nach Plan, will das Unternehmen die Zulassung dafür zu Beginn des Jahres 2022 beantragen.

Dessau-Roßlau als Zentrum für Vektorimpfstoffe

Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im vergangenen Monat bei IDT zu Besuch war, sprach er davon, in Dessau ein Vektorimpfstoff-Zentrum zu entwickeln. Aktuell beschäftigt die Firma rund 1600 Mitarbeiter. In der Impfstoff-Forschung kann das Unternehmen auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit fast Hundert Jahren werde dazu am Standort geforscht, heißt es von IDT.

Aus Brehna kommen bis zu zehn Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech

In Brehna produziert Dermapharm den mRNA-Impfstoff von Biontech bereits seit vergangenem Herbst. Im September war die Zusammenarbeit beider Unternehmen bekannt geworden. Wie Dermapharm-Chef Hans-Georg Feldmeier auf Nachfrage berichtet, können die Beschäftigten in Brehna monatlich bis zu zehn Millionen Impfdosen herstellen. In der Vergangenheit hatte er von einem „signifikanten Anteil“ an der Gesamtproduktion des Impfstoffes gesprochen.

Mittlerweile liegt die gesamte Produktionsmenge des Biontech-Impfstoffes aber deutlich höher. Dermapharm produziert den Impfstoff seit Ende April auch in Reinbek bei Hamburg. Im dortigen Werk liegt die Produktionskapazität laut Dermapharm bei bis zu 50 Millionen Dosen im Monat. In Brehna beschäftigt die Firma rund 650 Mitarbeiter.

Baut Moderna ein neues Impfstoffwerk in Ostdeutschland?

Der einzige in der EU zugelassene Impfstoff, der nicht in Sachsen-Anhalt abgefüllt wird, ist der des US-Unternehmens Moderna. Möglicherweise ändert sich das allerdings noch. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete Ende März, Moderna wolle ein Impfstoffwerk in Ostdeutschland bauen. Im April bestätigte der Europachef des Unternehmen gegenüber der „Wirtschaftswoche“, dass es dazu Gespräche mit der Bundesregierung gebe.