Energiepreis-Schock

Chemie-Unternehmen: Wittenberger Düngemittelwerk SKW drosselt Produktion

Erstmals kappt ein ostdeutsches Chemie-Unternehmen wegen der stark gestiegenen Erdgaspreise die Produktion. Die Folgen sind noch nicht absehbar.

Von Steffen Höhne 06.10.2021, 07:00 • Aktualisiert: 06.10.2021, 09:05
SKW drosselt die Ammoniak-Herstellung um 20 Prozent.
SKW drosselt die Ammoniak-Herstellung um 20 Prozent. Klitsch

Wittenberg/MZ - In der vergangenen Woche ist es noch eine Drohung gewesen, nun Realität: Einer der größten Düngemittel-Hersteller Deutschlands, die SKW Stickstoffwerke Piesteritz, aus Wittenberg fährt die Produktion runter. Wegen der seit Wochen stark gestiegener Gaspreise werde die Ammoniak-Herstellung um 20 Prozent gedrosselt, teilte das Unternehmen mit.  „Das mittlerweile erreichte Niveau ermöglicht keine ökonomisch sinnvolle Produktion mehr, so dass wir uns zu diesem Schritt gezwungen sehen“, erklärte der Vorsitzende der Geschäftsführung Petr Cingr in einer Mitteilung.

Größter Ammoniak-Produzent Deutschlands

Die Dynamik des Preisanstiegs sei besorgniserregend, so Cingr weiter. „Wir fordern unverzügliches Handeln der Politik. Ohne staatliche Maßnahmen droht in Kürze ein Produktionsstopp. Die Konsequenzen betreffen dann nicht allein den Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt, sondern werden sich auf weiterverarbeitende Industrien, die Logistik und die deutsche Landwirtschaft auswirken.“

SKW Piesteritz ist nach eigenen Angaben der größte Ammoniak-Produzent Deutschlands. Ammoniak ist ein Vorprodukt der Düngemittelherstellung sowie einer Vielzahl chemischer Grundstoffe für die Industrie. Zuletzt haben den Angaben zufolge bereits etliche Unternehmen ihre Ammoniakproduktion gedrosselt, darunter BASF und der norwegische Düngemittelhersteller Yara.

Erdgaspreis hat sich verdreifacht

Ende vergangener Woche hatte bereits der Chef der Chemieparkgesellschaft Infra-Leuna, Christof Günther, davor gewarnt, dass steigende Strom- und Gaspreise die Produktion in der ostdeutschen Chemie gefährden. „Insbesondere das mittlerweile erreichte Niveau der Erdgaspreise droht für unsere Betriebe zur Existenzfrage zu werden“, so Günther, der auch energiepolitischer Sprecher des Verbands der Chemischen Industrie e.V. Landesverband Nordost ist. Unternehmen in Ostdeutschland stünden kurz davor, Anlagen stillzulegen.

Vor allem die Importpreise für Erdgas sind in den vergangenen Monaten extrem stark gestiegen. Im August kostete Erdgas gut 177 Prozent mehr als vor einem Jahr, teilte das Statistische Bundesamt zuletzt mit. Viele Haushalte trifft das bisher noch nicht unmittelbar, weil die großen Energieversorger langfristig -  mit Vorläufen von zwei Jahren -  ihr Gas einkaufen. In der Industrie sind die Einkaufszyklen viel kürzer.

Die stark gestiegenen Preise führen Energieexperten auf zwei Gründe zurück: Zum einen ist die Nachfrage der Industrie nach Abschwächung der Corona-Pandemie stark gestiegen, zum anderen weiten Lieferanten wie Russland ihre Erdgasproduktion kaum aus. Das führt zu den steigenden Preisen.

Nord Stream 2 soll schnell in Betrieb gehen

Die Rekordpreise müssen nach Ansicht von Günther ein Weckruf an die Politik sein. „Wenn sich die Energiepreise vervielfachen, dann ist das kein Betriebsrisiko, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem“, so Günther. Er fordert die Senkung von Steuern und Abgaben, die einen großen Teil der Energiekosten ausmachen.

Die Chemie-Unternehmen in Sachsen-Anhalt hoffen auch auf eine schnelle Inbetriebnahme der Gaspipeline Nord Stream 2, die durch die Ostsee führt. Die Inbetriebnahme der Leitung könne laut russischer Regierung zur Entspannung auf dem Gasmarkt in Europa beitragen, berichtet die „Tagesschau“. Die Internationale Energieagentur (IEA) hatte Russland kürzlich aufgefordert, mehr Erdgas nach Europa zu liefern, um dort die aktuelle Knappheit und die damit einhergehende Preissteigerung abzufedern.