Magdeburg/Oschersleben l Irak, Syrien, Iran: Seit Beginn der Flüchtlingskrise vor zwei Jahren hat die Volksstimme immer wieder über Menschen berichtet, die nach Deutschland geflohen und in Sachsen-Anhalt gelandet sind. Sie erzählten von Erfahrungen im Kirchenasyl, von ihrem Weg zum Studium hier oder darüber, warum sie weiterziehen wollten. Vier dieser Menschen hat die Volksstimme noch einmal besucht. Was ist aus ihren Plänen geworden? Wie fühlen sie sich in Deutschland? Und wer lebt überhaupt noch in Sachsen-Anhalt?

Mohammad Herk blieb doch

Eigentlich wollte er schnell weg aus Oschersleben. „Mohamad Herk will gehen“ stand vor eineinhalb Jahren in der Volksstimme. In dem Bericht ging es darum, ob Flüchtlinge, die in Sachsen-Anhalt ankommen, das Bundesland nur als Durchgangsstation nutzen. Für Mohamad Herk fühlte sich das damals so an. Weggegangen aus Oschersleben ist er nicht. Trotzdem hat sich seitdem einiges geändert. „Ich habe hier Freunde. Es ist wie eine Familie. Die möchte ich nicht verlassen“, sagt der 34-Jährige aus dem syrischen Aleppo.  Mohamad Herks deutsche Familie, das ist ein Ehepaar aus dem Oschersleber Ortsteil Emmeringen, das ihm in allen Lebenslagen hilft und ihm auch mal ein Geschenk kauft. Außerdem das Team der „Tafel“ des Deutschen Roten Kreuzes, bei der Mohamad Herk seit gut einem Jahr ehrenamtlich aushilft. „Wenn man Deutsch lernen will, muss man immer Kontakt mit Leuten haben“, sagt er.

Stolz zeigt Mohamad Herk an seinem Wohnzimmertisch die Zertifikate für jeden bestandenen Deutschkurs. Etwas verschämt holt er einen großen Stapel Kinderbücher aus einem Regal hervor. „Auch so habe ich Deutsch gelernt, ganz am Anfang“, sagt er. Vor zwei Jahren hatte sich der Syrer noch eine Wohnung mit vier anderen Flüchtlingen in einem Randbezirk der Stadt geteilt. Vor ungefähr einem Jahr ist Mohamad Herk in eine eigene Wohnung in der Oschersleber Innenstadt gezogen. Das Leben in der Kleinstadt gefällt ihm. „Nicht zu viele Leute, es ist ruhig. Und ich habe einen Garten, dort kann man Shisha rauchen“, fasst er zusammen.

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Die Fremdenfeindlichkeit, wegen der Mohamad Herk das Bundesland einst verlassen wollte, begegnet ihm immer noch. „Machmal habe ich auch gedacht: ‚Ich hasse Oschersleben‘“, sagt er. „Aber es gibt hier auch andere Menschen.“

Mohamad Herk bezog nach seiner Anerkennung als Flüchtling Sozialhilfe. Seit zwei Monaten arbeitet er Vollzeit bei der Firma Enercon in Magdeburg. Dort wickelt er im Schichtsystem Kabel für die Windkraftanlagen des Herstellers auf. Dafür erhält er bei einer Zeitarbeitsfirma den Mindestlohn. Mohamads ganzer Stolz ist sein dunkelblauer Golf mit dem Baujahr 1999, mit dem er zur Arbeit pendelt. Im März hat er seine Führerscheinprüfung bestanden. Eine Fahrt nach Magdeburg und zurück kostet ihn 9 Euro, das hat er ganz genau ausgerechnet. Mehr Geld als vorher hat er trotz Job nicht in der Tasche.
Arbeit in Oschersleben konnte Mohamad Herk noch nicht finden. Auf Dauer zu pendeln ist zu teuer, sagt er. Und so könnte es sein, dass Mohamad Herk irgendwann doch noch aus Oschersleben weggeht. Dann aber unfreiwillig. (kb)

Ismail Smail ging nach Köln

Dieser Sommer soll für Ismail Smail ein ganz besonderer werden. Seit Juni ist der 23-Jährige in Köln. Am Rhein sucht der gebürtige Iraker sein Glück - privat und beruflich. Vor zwei Jahren berichtete die Volksstimme, dass Ismail Smail nach Frankreich abgeschoben werden sollte, weil er dort auf seiner Flucht registriert worden war. Das verhinderte damals die Evangelische Kirche Mitteldeutschland durch ein Kirchenasyl.

Der gelernte Luftverkehrskaufmann sucht in Köln eine Wohnung und Arbeit. Letzteres konnte er in Magdeburg nicht finden. „Alles“ habe er versucht, sagt er in einem Telefonat mit der Volksstimme: „Vom ersten Tag in Magdeburg habe ich mich ehrenamtlich engagiert, mich eingebracht“, erinnert er sich.
Zurückkehren werde er aber  „zu 90 Prozent“ nicht mehr. Einmal liegt das an der fehlenden Perspektive an der Elbe. Doch auch die spürbare Ausländerfeindlichkeit in Magdeburg habe ihm zugesetzt. „Das ist nun anders“, sagt er froh. „In Köln sind die Menschen mit verschiedenen Kulturen aufgewachsen, in Magdeburg kam das vielleicht alles zu schnell.“ Nach mehr als zwei Jahren in Sachsen-Anhalt nun der Neuanfang in Köln. Dabei ist gar nicht vieles neu für den Iraker. Familie und Freunde wohnen bereits dort, die Arbeit sei nur eine Frage der Zeit. „Ich habe in meinem Leben immer gearbeitet, will auch so schnell wie möglich wieder arbeiten“, betont der junge Mann. Aber erst einmal sollen die eigenen vier Wände her. Seine berufliche Zukunft sieht er definitiv in Köln. „Am liebsten in meinem alten Beruf als Luftverkehrskaufmann“, sagt er. Aber auch eine entsprechende Ausbildung könne er sich vorstellen. „Ich bin ja noch jung“, sagt der 23-Jährige mit einem Lachen.

Dabei kann er die starke Referenz Lufthansa vorweisen. Damals im Irak hat er für die Airline gearbeitet, dort den Beruf gelernt. Dann kam der Krieg, er musste mit seiner Familie fliehen. 2014 war Deutschland das Ziel. Aber nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Bereits seit 1998 hat er in der Bundesrepublik gelebt, ist hier aufgewachsen, hat die Schule besucht. Aus familiären Gründen gingen die Smails wieder in die alte Heimat zurück. In Deutschland aber fühlt er sich wohl. Auch nach schwierigen Monaten sagt er mit fester Stimme: „Ich fühle mich mehr als Deutscher als als Iraker.“ Nach Bagdad, wo er gelebt hat, zieht ihn nichts zurück. Viel zu gefährlich sei es dort, ein menschenwürdiges Leben unmöglich. „In Deutschland habe ich gemerkt, dass ich Mensch bin.“ (fb)

Job für Nathan Ghazbaf

Fangen wir mit der Neuigkeit an, die für das Grinsen in Nathans Gesicht verantwortlich ist: Sie hat tiefdunkles Haar und ein warmes, etwas schüchternes Lächeln. Der 25-Jährige zeigt ihr Foto wie einen gut behüteten Schatz. Mit der schönen Afghanin hat er sich vor gut zwei Monaten verlobt.
Auch sonst hat sich im Leben von Nathan Salman Ghazbaf einiges getan. Was nicht verwundert. Immerhin wechselte er beim vergangenen Treffen mit der Volksstimme sogar seinen Namen. Vor einem Jahr war ein Redakteur in Magdeburg dabei, als der junge Mann im Adolf-Mittag-See stand und sich taufen ließ. Aus Mohammad wurde Nathan. Durch einen Freund im Fußballverein, erzählte er damals, hatte er im Iran zu Gott gefunden und kurz darauf wegen seines neuen Glaubens fliehen müssen.

Während Nathan im vergangenen Sommer noch in einer Gemeinschaftsunterkunft lebte und um seine Aufenthaltserlaubnis bangte, ist er nun als Flüchtling anerkannt und mit einem anderen Iraner in eine WG gezogen. Außerdem hat er seinen Wunschberuf gefunden: Verwaltungsfachangestellter. Klingt trocken, ist für ihn aber genau das Richtige, erklärt er. Denn Nathan möchte in der Agentur für Arbeit Flüchtlinge beraten. „Viele wissen wegen der Sprache nicht, was man in Deutschland machen kann.“ Er will es ihnen auf Persisch erklären.

Und es sieht gut aus: Ab Februar macht er ein Praktikum, und wenn alles klappt, beginnt er im August eine Ausbildung. Vorher will Nathan noch ein weiteres Sprachlevel ablegen, um die Chancen auf eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu erhöhen.

Bei allen Veränderungen gibt es in Nathans Leben hier auch zwei Konstanten. Eine ist die freikirchliche Scala-Gemeinde. Fast jeden Tag geht er dorthin. „Das ist meine christliche Familie.“ Seine leiblichen Eltern leben weiterhin im Iran, er hat sie seit zwei Jahren nicht gesehen. Das setzt ihm zu.
Die zweite Konstante: sein Fußballverein. Nathan kickt beim Verbandsligisten Fortuna Magdeburg. Bevor er einen Sprachkurs besuchen konnte, lernte er Deutsch auf dem Rasen. So übersprang er sogar später ein paar Prüfungsstufen. Was das Team ihm bedeutet, merkt man, wenn er von einem Turnier aus seiner Anfangszeit erzählt, als er noch kein Deutsch konnte: Wie ihm ein Spieler in der Pause einfach etwas zu essen mitbrachte. Oder vom Trainer, der ihn bis heute immer mit dem Auto abholt.

Fußball, sagt er, wäre ein Grund, Magdeburg den Rücken zu kehren. Denn sein Traum ist es, wieder als Profi zu spielen, so wie einst im Iran. Lieber würde Nathan aber später hier leben, am besten im jungen Viertel Stadtfeld. Mit einem Auto. Und – da kommt wieder seine Verlobte ins Spiel – zwei Kindern. (es)

Einserstudentin Hiba Mahmood

Hiba kommt zum Interview mit einer Papierrolle unterm Arm. Die muss sie gleich bei ihrem Prof abgeben. Aufgerollt sieht man darauf ein Heer an akkuraten Bleistiftlinien, die 3D-Skizze einer Treppe. An der hat sie gestern noch bis Mitternacht gesessen, erzählt die Syrerin. „Zum Ende des Semesters haben wir immer sehr viele Aufgaben.“ Als die Volksstimme vor einem halben Jahr über Hiba Mahmood berichtete, begann sie gerade ihr Studium an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Schon für den Platz dort hatte sie kräftig geackert. Die heute 22-Jährige bestand nach nur acht Monaten Intensivkurs den nötigen Sprachtest. Dazu kam die Aufnahmeprüfung für Industriedesign mit Hausaufgabe, Präsentation und Eignungstest.

Inzwischen trägt Hibas Arbeit erste Früchte: Bis auf zwei Ausnahmen steht bisher bei jeder Note eine Eins vorm Komma. „Das Studium gefällt mir sehr gut. Wir haben so viele verschiedene Fächer. Da machen wir Plakate, Automodelle, kleine Filme.“ Es ist aber nicht nur der Inhalt. „Ich bekomme hier Hilfe von allen. Wir sind wie eine Familie.“ Was allerdings auch an der familiären Größe ihres Jahrgangs liegt, dort sind sie gerade mal knapp zwei Dutzend.

Im Vergleich zu ihrer Anfangszeit in Deutschland, erzählt die junge Frau, habe sich etwas Grundlegendes verändert: Sie hat jetzt das Gefühl, dazuzugehören. Aus ihrer Sicht liegt das vor allem an ihren Deutschkenntnissen. „Die Deutschen respektieren Leute, die ihre Sprache sprechen. Das merke ich zum Beispiel bei Behörden“, sagt sie. Und antwortet später bei der Frage, wo ihre Heimat ist, sehr klar: „Deutschland“. Nach nur zwei Jahren? „Ja. Für mich ist Heimat dort, wo man sich wohlfühlt.“

Bei ihrem Mann, glaubt sie, ist das noch anders. Wohl deshalb, weil seine Familie weiterhin im Krieg lebt und er, studierter Zahnarzt, noch an seiner deutschen Berufserlaubnis arbeitet.

Ob sie und ihr Mann wohl in zehn Jahren noch in Magdeburg wohnen? Hiba überlegt. „Magdeburg finde ich schön, ich mag das Grüne. Aber woanders habe ich wahrscheinlich bessere Arbeitsmöglichkeiten.“ Auf jeden Fall aber wollen die beiden dann immer noch in Deutschland leben.

An ihre alte Heimat, sagt die Syrerin, denkt sie nach wie vor oft. Zum Beispiel immer dann, wenn ihr mal wieder ein Unterschied im Alltag auffällt. So wie der in der Gästekultur: „In Syrien bekommt man fast jeden Tag Besuch, das ist hier anders.“ Es fehlt ihr aber auch nicht: „Ich habe ja nicht viel Zeit.“ (es)