Halle/Leipzig (dpa) l Schon vor mehr als eineinhalb Jahren verkündete Innenminister Horst Seehofer (CSU), dass eine neue Bundesagentur für Innovationen in der Cybersicherheit in den Raum Leipzig/Halle kommt. Erst seit wenigen Wochen ist sie tatsächlich da und fährt im Übergangsquartier in Halle die Arbeit hoch. Doch was genau macht die neue Bundeseinrichtung? Gründungsdirektor Christoph Igel erklärt es im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Was hat Sie als renommierten Wissenschaftler gereizt, zur Bundeswehr zu wechseln und den Aufbau der Cyberagentur zu übernehmen?
Als ich die Wissenschaft verlassen habe, wusste ich nicht, dass ich Forschungsdirektor der Cyberagentur werde. Ich war nach mehr als 20 Jahren in der akademischen Welt zufrieden mit dem Erreichten und wollte etwas Neues machen. Dazu kam: Ich komme aus einer Region, geprägt von Kohle und Stahl und von sehr grundlegenden Veränderungen durch Strukturwandel. Als Heranwachsender hatte ich immer wieder das Glück, von Menschen gefördert zu werden. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Ich fand es an der Zeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Da ich eine lange innere Verbundenheit zu den Streitkräften habe, wählte ich die Bundeswehr. Und dort bin ich im wohlmeinenden Sinne des Wortes über die Cyberagentur gestolpert.

Denken Sie denn jetzt darüber nach, nach Halle zu ziehen oder ist der Aufbau der Cyberagentur ein Pendeljob?
Ich habe mit meiner Familie lange Zeit in Berlin gelebt. Als ich in die Bundeswehr eintrat, zeichnete sich aufgrund meiner militärischen Verwendung ab, dass eine räumliche Verlagerung ins Rheinland für das Familienleben positiv wäre. Also sind wir im September 2019 nach Bonn gezogen. Nun bin ich Forschungsdirektor der Cyberagentur geworden. Also sind wir Mitte August in den Raum Halle/Leipzig umgezogen. Ich hoffe, dass die Familie diesmal mehr als nur einige Monate am neuen Standort sein wird.

Der Umzug in die Region war Ihnen also wichtig?
Aber ja doch. Das ist wichtig, für die Familie, aus verschiedenen Gründen. Das hat auch etwas mit Ankommen zu tun, mit Identifikation. Auch als Geschäftsführer einer Bundeseinrichtung hat man einen regionalen Bezug. Die Region Leipzig/Halle hat eine tolle Lage, ist super angebunden, sehr lebenswert. Ich bin bundesweit viel unterwegs, in Berlin, in München, in Hamburg, in Frankfurt, um nur einige Orte zu nennen. Das Reisen aus der Region in diese Orte erlebe ich als sehr angenehm, man ist eben in der Mitte Deutschlands. Wir fühlen uns schon nach kurzer Zeit hier sehr wohl.

Auch die Cyberagentur ist nach Halle gezogen, doch viel mehr weiß man noch nicht. Womit beschäftigen Sie sich eigentlich?
Können wir durch zukunftsweisende Forschung einen Beitrag dazu leisten, dass Deutschland im Cyber- und Informationsraum souverän und sicher ist? Um diese Frage dreht sich alles, das ist der Kern unseres Denkens und Handelns. Und daraus abgeleitet die Frage, welche Kompetenzen und Fähigkeiten müssen wir in Deutschland in den nächsten Jahren entwickeln, um souverän und sicher zu sein? Konkret daher auch die Fragen: Welche Forschung muss die Cyberagentur stimulieren und finanzieren? Mit wem arbeiten wir zusammen? Aus Wissenschaft, Industrie, Start-up-Szene? Wie können wir die heute bereits bekannten oder zukünftigen Forschungsbedarfe in den Bereichen der Inneren und Äußeren Sicherheit, etwa für das Bundeskriminalamt oder die Bundeswehr, bestmöglich unterstützen?

Lässt sich das an einem Beispiel konkret erklären?
Nehmen wir das Beispiel Mikrochips und deren Verwendung im Digitalen. Wir benötigen sie für den Ausbau des Mobilfunks, zur Steuerung von Satelliten oder einfach nur zum Telefonieren und Surfen mit dem Smartphone. Wenn wir Mikrochips für derartige Anwendungen nutzen, müssen diese sicher sein, es dürfen keine Fehler, keine Hintertüren enthalten sein. Stellen Sie sich vor, Dritte hätten irgendwelche Zugriffe auf unsere Daten für solche Anwendungen oder könnten plötzlich unsere Satelliten und Smartphones steuern, ohne dass wir dies wollen. Das gilt es zu vermeiden.

Sie meinen die Frage, ob das chinesische Unternehmen Huawei 5G mit aufbauen darf, oder ob da Daten nach China abfließen könnten?
Nein, darum geht es nicht. Aber Chips sind der Nukleus digitaler Anwendungen. Damit werden autonom fahrende Autos wie auch Maschinenparks in der Industrie 4.0 gesteuert, die zivile Energieversorgung wie auch die technischen Geräte im Krankenhaus, die Logistik, digitale Kommunikation und Funk bei der Polizei und in der Bundeswehr. Wenn wir die Chips nicht selbst entwickeln, wenn wir nicht selbst souverän sind in Software und Hardware und diese prüfen können, dann wissen wir nicht, ob Hintertüren, ob unerwünschte Funktionen und Datenabflüsse möglich sind. Solche Anwendungen zu betrachten, Forschungsfragen daraus mit Expertinnen und Experten abzuleiten und zu beauftragen, dies können exemplarisch Fragen sein, mit denen wir uns als Cyberagentur beschäftigen.

Also geht es nicht nur darum, Gefahren im Cyberraum abzuwehren oder vorherzusehen, sondern technologisch unabhängig zu sein?
Das eine bedingt das andere, es ist keine Entweder-Oder-Diskussion. Wir schauen in vier Bereiche der Forschung zur Cybersicherheit, die für jeden von uns von Belang sind. Erstens: Wie kann ich den Einzelnen präventiv dazu befähigen, die Sicherheit seiner Geräte zu prüfen? Zweitens: Wie stelle ich fest, dass ich gehackt wurde? Das ist etwa auch für die Industrie ein Megathema. Der dritte Schritt ist die Reaktion: Was ist zu tun, wenn man weiß, dass man gehackt wurde? Und letzter Bereich ist die Repression: Welche Sanktionen etwa strafrechtlicher Art können eingeleitet werden, wenn ich gehackt wurde? Das sind die Bereiche, das ist der Raum, in dem wir uns als Cyberagentur jeden Tag aufs Neue bewegen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, brauchen Sie dafür nicht nur IT-Experten und Ingenieure, sondern auch Geisteswissenschaftler.
Natürlich brauchen wir Spezialisten für Cybersicherheit, für Kryptographie, Quantentechnologie, für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen. Unser Forschungsverständnis und der Auftrag der Cyberagentur ist aber umfassender. Man darf andere Fragen nicht vergessen. Fragen zu volkswirtschaftlichen Effekten, Fragen juristischer Natur, zu Ethik oder auch zur Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft. Stellen Sie sich vor, morgen wird Deutschland nicht von Covid-19, sondern von einem Computer-Virus befallen. Unser ganzes Leben wäre davon betroffen. Daher setze ich mich sehr dafür ein, dass wir uns auch mit ethischen, politik- und sozialwissenschaftlichen oder volkswirtschaftlichen Forschungsfragen beschäftigen. Diese Bereiche sind auch anschlussfähig zu den Profilen der Universitäten in Halle, Leipzig und Jena.

Und was ist dann der Job der Cyberagentur dabei?
Wir sind kein nationales Forschungszentrum, sondern wir sind eine Forschungsagentur. Was machen Agenturen? Wir stimulieren Forschung, wir koordinieren Forschung, wir identifizieren Themen und beauftragen die besten Köpfe, um genau diese wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen. Wir managen also den Forschungsprozess. Wir schauen, wo die besten Köpfe in Deutschland sitzen und bei welchen Forschungsfragen sie helfen können. Daraus leitet sich auch ab, welches Personal, welche Mitarbeiter wir gewinnen müssen. Da kann vom Philosophen bis zum Hardcore-Informatiker alles dabei sein. Auch Hacker und Theologen sind willkommen. Wenn ich weiß, was erforscht werden soll, weiß ich, wen ich als Mitarbeiter haben muss.

Und welche Forschung finanzieren Sie nun?
Von der Grundlagenforschung bis hin zur Entwicklung von Prototypen und deren Erprobung in Anwendungssituationen. Wichtig ist, dass wir mittel- und langfristig denken – und genau so auch finanzieren. Innovation entsteht nicht auf Knopfdruck und kann nicht verordnet werden. Das heißt auch, unseren Wissensträgern die Ruhe zu geben, die sie brauchen. Kreativität entsteht nicht morgens von acht bis halb neun und auch nicht auf Zuruf. Das ist eine harte Arbeit, wo Menschen viel Zeit brauchen zum Nachdenken, zur Diskussion, zum Austausch. Wir wollen weg vom klassischen Ansatz: Drei Jahre Projektförderung und Abschlussbericht. Das funktioniert nach meinem Dafürhalten hier so nicht.

Sie müssen also noch die Forschungsfragen festlegen, aber wie viele Beschäftigte haben Sie jetzt schon fest an Bord?
Noch nicht mal eine Hand voll. Der Kaufmännische Geschäftsführer und ich als Forschungsdirektor gestalten derzeit das operative Geschäft der Cyberagentur. Der erste Mitarbeiter hat Anfang September begonnen, weitere werden zeitnah folgen. Wir gehen davon aus, dass wir in den ersten sechs Monaten auf vielleicht 15 oder 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwachsen werden. Insgesamt soll der Personalbestand der Agentur mal auf 100 anwachsen. Wenn wir nach sechs Monaten bei 20 wären, wäre das schon eine großartige Sache.

Wann ist mit Vollbetrieb zu rechnen?
Nach zwölf Monaten soll die Cyberagentur voll arbeitsfähig sein. Die Uhr tickt seit Juni. Also gehen wir davon aus, dass in 2021 der Vollbetrieb erreicht ist. Soweit der Plan. Am Ende hängt es jedoch davon ab, welche Forschungsfragen wir identifizieren und welche Forschungspartner mit uns arbeiten wollen. Denn das ist ein bemerkenswerter Umstand: Alle Menschen wollen sicher leben und sicher das Internet benutzen. Und gleichzeitig gibt es eine gewisse Zurückhaltung, dafür auch Forschung zu betreiben – gerade auch dann, wenn die Ergebnisse militärisch genutzt werden könnten.

ZUR PERSON: Christoph Igel, Jahrgang 1968 studierte Sport, Geschichte, Politik und Erziehungswissenschaften, habilitierte an der Uni Münster und war bis 2018 Wissenschaftlicher Leiter des Educational Technology Lab des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Seit Sommer dieses Jahres ist er Forschungsdirektor und Geschäftsführer der Cyberagentur.