Fußball-WM

Sachsen-Anhalt fährt nach Brasilien

Eine Berufung in die Fußballnationalmannschaft - davon träumt wohl fast
jeder deutsche Kicker. Für drei junge Männer aus Sachsen-Anhalt wird
dieser Traum wahr. Sie reisen im Sommer zur IT-Fußball-WM für Behinderte
nach Brasilien.

Von Oliver Schlicht

Burg l Montag, 16.40 Uhr. In der Sporthalle Medigreif gleich neben der Lernbehindertenschule in Burg. In 20 Minuten beginnt das Fußball-Training. Christoph Senftleben, 23 Jahre, hat sich schon ein bisschen warmgeballert. Schicke grüne Nike-Schuhe an den Füßen, Sporttrikot, nur die blau geblümten Shorts weisen auf einen gewissen modischen Freigeist hin.

Vor drei Wochen hat Christoph einen Anruf bekommen - vom Trainer der Landesauswahl, Steffen Winkelmann. Und der hatte eine gute Nachricht: "Gemeinsam mit John und Günter aus Salzwedel wurde ich in den Kader der Nationalmannschaft berufen. Ich habe mich total gefreut", erzählt er. Winkelmann war vom Bundestrainer der Nationalmannschaft, dem ehemaligen Profifußballer vom 1. FC Nürnberg, Jörg Dittwar, informiert worden.

26 Spieler wurden bislang in den erweiterten Kader für Brasilien berufen. 18 Feldspieler und zwei Torwarte werden am Ende tatsächlich nach Südamerika fliegen. Die Entscheidung über diesen Spielerkader fällt - ähnlich wie in der DFB-Nationalmannschaft - erst etwa sechs Wochen vor dem Turnierstart im Juli. Nicht selten, so wird berichtet, springen auch Spieler selbst ab, weil die mentale und psychische Belastung des "Fußball-Rummels" zu groß wird.

Zwei aus Salzwedel sind auch mit am Start

Mit den Mitspielern sind Günter Ahlfeld und John-Pierre Friedrichs gemeint, die beide beim BSV Salzwedel Fußball spielen. Alle drei Spieler hat der Landestrainer Winkelmann schon länger im Visier, wie er am Telefon bestätigte. "Die drei sind richtig gut. Sie haben sich in der Landesauswahl toll entwickelt." Winkelmann gilt beim Behinderten-Fußball als wichtiger Drahtzieher. Unter seiner Arbeit bei Lehrgängen in Salzwedel sind die Sportler zu einer echten Mannschaft herangewachsen. 2012 wurde die Sachsen-Anhalt-Auswahl sogar Deutscher Meister beim Meisterschaftsturnier der Länder in Duisburg.

Wer Christoph Senftleben in der Burger Sporthalle auf die Füße schaut, sieht sofort, dass hier ein echter Ballkünstler am Werk ist. Flinke Dribblings, sichere Ballannahme und kräftige Schussstärke wirken alles andere als behindert, sondern wären unter Umständen tauglich für die Bezirksliga - glauben seine Trainer.

Doch da spielt Christoph nicht Fußball. Sein Trainer beim TSV Einheit Burg, Michael Gnensch, weiß auch, warum: "Es ist immer das Gleiche. Wenn die Mitspieler erfahren, dass die Jungs bei der Lebenshilfe arbeiten, geht die Lästerei los. Da haben sie dann keinen Bock drauf. Fußballerisch könnten viele sofort mit klügeren Vereinsspielern mithalten." Der Trainer zuckt mit den Schultern. So ist das halt. Hier in der Sporthalle Medigreif beim Behindertensport sind sie alle gleich. Da zählt nicht, was jemand im Kopf hat, sondern ob es Spaß macht gemeinsam.

Langsam füllt sich die Halle. Etwa 20 junge Männer und Frauen kommen heute. Mit Kollegin Sonja Kaffka kümmert sich Gnensch um Behinderte, Senioren und Rehabilitationssportler. Über 500 Mitglieder hat der Verein. Jeweils einmal wöchentlich trainieren auch zwei Fußballmannschaften mit Behinderten.

Der Begriff "Behinderte" ist etwas aus der Sprachmode gekommen, aber allgemein verständlich. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) spricht von Menschen mit "Intellektueller Beeinträchtigung", im Land Berlin lautet die Bezeichnung "Mentale Beeinträchtigung", in Sachsen-Anhalt sind sie offiziell "geistig beeinträchtigt".

"Sie können ihre Namen schreiben und arbeiten überwiegend in Werkstätten der Lebenshilfe", bringt es Michael Gnensch auf den Punkt. Beim Fußballspiel haben die jungen Männer Schwierigkeiten, sich zu merken, was der Trainer sagt. Und, was eine "hängende Neun" zu tun hat, wäre auch schwer zu vermitteln - aber das wissen auch viele "Normalos" nicht.

Die einen verteidigen, die anderen greifen an. So einfach ist der Fußball in der Sporthalle Medigreif. Dort hat inzwischen das Training begonnen. Am Rande erzählt Christoph, was ihm am Fußball gefällt. "So an anderen vorbeifummeln, finde ich toll. Ich habe mal sieben Spieler auf einmal stehen lassen", erzählt er stolz.

Am liebsten als Angreifer viele Tore schießen

Christoph spielt am liebsten Angreifer. Tore zu schießen ist für ihn das Größte. Seine Mitspieler sind stolz auf ihn und manche sind auch neidisch. "Einer hat gefragt, ob ich mich hochgeschlafen habe", erzählt Christoph und grinst. Als ob er das nötig hätte. Schließlich kann er nicht nur Fußball spielen, sondern hat auch eine Freundin.

Der Fußball-Bundestrainer beim DBS, Jörg Dittwar, sagt, dass in Sachsen-Anhalt die Trainer "einen guten Job machen". Gleich drei Spieler aus Sachsen-Anhalt zu nominieren sei aber trotzdem etwas Besonderes. Denn Dittwar bemüht sich, aus möglichst vielen Bundesländern Spieler in die Nationalmannschaft zu berufen. Das war nicht immer so.

Früher, erzählt er, kamen die meisten Spieler aus Nordrhein-Westfalen. "Dort war noch vor zehn Jahren das deutsche Zentrum des Behinderten-Fußballs. Vor allem deshalb, weil die Wege zwischen den Vereinen im dicht besiedelten NRW angenehm kurz sind. Lange Fahrten sind für die Behinderten nicht ganz einfach zu ertragen. Und nun bald bis Brasilien? "Das wird nicht einfach. Aber vor Ort in São Paulo werden wir gemeinsam in einem Hotel etwas separat untergebracht. Das Hotel wird im Wesentlichen nur zum Training und zu den Spielen verlassen. Anders ginge das nicht", erzählt er.

Ähnlich war die Organisation zum "IT Worldcup" - so der offizielle Name - auch in Südafrika, wo Jörg Dittwar zum ersten Mal als Bundestrainer zur WM gefahren ist. Dort wurden die Spiele auf Nebenplätzen vor wenigen hundert Zuschauern ausgetragen. "Einmal kamen sogar 3000 Zuschauer. Aber vor allem deshalb, weil jeder Zuschauer auch eine Mahlzeit bekommen hat", erzählt Dittwar schmunzelnd.

WM-Titel ist kaum erreichbar

Den WM-Titel hält der Bundestrainer für kaum erreichbar. Mit Saudi-Arabien und den Niederlanden sind zwei Nationen am Start, die in der Regel den WM-Titel unter sich ausspielen. "Manchmal ist mein Eindruck, dass sie es mit den Startberechtigungen der Teilnehmer dort nicht ganz so genau nehmen", so Jörg Dittwar augenzwinkernd. Zwar wacht der INAS-Weltverband darüber, wer beim "IT Worldcup" mitspielen darf (siehe Infokasten). Aber trotzdem ist die Teilnahmeerlaubnis natürlich immer auch eine Ermessensfrage.

Aber egal, ob der WM-Titel gewonnen wird oder nicht: Die Berufung in die Nationalmannschaft allein ist natürlich schon ein großer Sieg. Und über den dürfen sich Christoph, John und Günter - und natürlich ihre kundigen Betreuer - schon jetzt freuen.