Rietzel l „Zeit heilt alle Wunden. Dieser Spruch ist ganz großer Unsinn“, winkt Hagen Blum ab und spricht von dem schwarzen Loch, das auch mehr als 15 Jahre nach der Ermordung seiner Tochter Anja noch ihm und seiner Ehefrau zusetzt. „Inzwischen sind meine Eltern und auch mein Schwiegervater verstorben. Es ist immer schlimm, wenn man seine Eltern verliert. Aber letztlich ist das der Lauf der Zeit. Doch ein Kind zu verlieren und dann noch unter solchen Umständen, das ist einfach nur grausam.“ Er könne nicht vergessen. „Ich will es auch gar nicht!“

In der Nacht zum 11. Juni 2005 war Anja Blum nach der Disko in Burg mit ihrem Auto nach Rietzel (Jerichower Land) zurückgefahren und hatte es unweit des elterlichen Hauses abgestellt. Was dann passierte, lag drei Wochen lang im Dunkeln verborgen. Die Sache galt vorerst als Vermisstenfall. Die Polizei suchte mit einem Großaufgebot an Technik und Beamten nach der jungen Frau.

„Die Wahrsagerin sagte: Ich höre Schreie und Angst“

Silvia Blum, Anjas Mutter

Silvia Blum erinnert sich: „Mit jedem Tag der Ungewissheit wurde die Angst schlimmer: Da ist etwas Schreckliches passiert. Mein Mann und ich sind dann sogar nach Braunschweig zu einer Wahrsagerin gefahren. Sie hat gesagt: Ich höre Schreie und sehe Angst. Anja lebt nicht mehr. Sie ist aber in der Nähe.“

Hagen Blum, der während dieser Zeit 15 Kilo abgenommen hat, fügt an: „Trotzdem hatte man ja noch die Hoffnung, dass Anja vielleicht irgendwo festgehalten wird. Ob wir ohne den täglichen Zuspruch von Freunden und Verwandten die Zeit überstanden hätten ...?“

Dann kam der 26 Juni 2005. Ein heißer Sommertag. Silvia und Hagen Blum entschlossen sich, nach Hohenseeden zum sechs Kilometer entfernten Badesee zu fahren. „Die Decke ist uns auf den Kopf gefallen, und wir wollten ihn ein bisschen frei kriegen – wenigstens für eine halbe Stunde.“

Als sie bei Hohenseeden an einem Angelgewässer vorbeikamen, sahen sie dort ein Großaufgebot an Polizei. „Wir dachten, da ist in der Nacht nach dem Spargelfest bestimmt etwas passiert“, sagt Silvia Blum. Doch kaum seien sie am Badeteich gewesen, habe sie der Chef des Burger Polizeireviers Armin Friedrich angerufen und sie gebeten, sofort nach Hause zu kommen. „Da ahnten wir schon, dass sie Anja gefunden haben“, so die 60-Jährige.

Die Eltern erfuhren, dass ihre Tochter im See lag. „Wir wurden gefragt, ob wir jemanden kennen, der dort angelt“, erzählt Hagen Blum weiter. „Ich habe sofort gesagt: Unser Nachbar, der Sven B. Und ich habe gleich gewusst: Der war’s.“

Mit dieser Ahnung hatte der 61-Jährige Recht. Die Ermittler fanden den Slip Anjas im Nachbarhaus, das nur zehn Schritte vom Anwesen von Familie Blum entfernt lag. Auch DNA-Spuren der 20-Jährigen wurden entdeckt.

Das Landgericht Stendal verurteilt B. am 13. Juli 2006 wegen Vergewaltigung und Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe. Damit schloss sich das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft an. Der arbeitslose Maurer hatte Anja in der Nacht vor ihrem Haus überfallen, sie in sein Haus gezerrt, in der Scheune sexuell missbraucht und um die Tat zu verdecken, erwürgt. Später hatte er sie mit einem Handwagen zum See gebracht, ihre Leiche mit Ziegelsteinen beschwert und versenkt.

Die „besondere Schwere“ der Tat, die eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren verhindert, war von der Schwurgerichtskammer nicht ausgesprochen worden.

Hagen Blum kaufte 2007 das Nachbargrundstück, ließ das Mordhaus abreißen („Wir hätten den Anblick nicht länger ertragen“) und richteten auf der Freifläche einen kleinen Gedenkort für Anja ein.

Beim Abriss des Gebäudes erlebte der Vater den nächsten Schock. Er fand das Schlüsselbund seiner Tochter, das die Ermittler bei der Durchsuchung des Hauses wohl übersehen hatten.

Das Zimmer der Tochter sieht heute noch genauso aus, wie an jenem Tag, als sie zur Disco fuhr. „Ich kann dort nichts verändern“, sagt Silvia Blum leise, die viele Monate unter Depressionen litt und wie ihr Mann behandelt wurde. „Ich kann nicht einmal den Schrank öffnen, in dem Anjas Sachen hängen.“

Am 4. Januar dieses Jahres hat die Strafvollstreckungskammer am Stendaler Landgericht entschieden, den Mörder nicht nach 15 Jahren auf Bewährung auf freien Fuß zu setzen. Da die Entscheidung in nichtöffentlicher Sitzung fiel, können die Gründe nur erahnt werden. Zu den Voraussetzungen einer Bewährungsentlassung gehört unter anderem, dass das Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit berücksichtigt wird und dass unter diesem Blickwinkel eine Entlassung verantwortet werden kann.

Ebenso wird die Gesamtwürdigung von Tat, Persönlichkeit der verurteilten Person sowie ihrer Entwicklung während des Strafvollzugs herangezogen. Auch der Blick auf diese Punkte dürfte dafür gesorgt haben, dass das Gefängnistor für den Mörder vorerst geschlossen bleibt. Denn B. war bereits wegen sexueller Nötigung einer 60-Jährigen in Rietzel und schwerer räuberischer Erpressung zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Thomas Kramer von der Staatsanwaltschaft Stendal äußerte gegenüber der Volksstimme, dass die Anklagebehörde in ihrer Stellungnahme einer Haftaussetzung nach 15 Jahren widersprochen hat.

„Wird der Mörder unserer Tochter irgendwann wieder im Dorf auftauchen?“

Hagen Blum, Anjas Vater

Silvia und Hagen Blum sind froh darüber, dass das Gericht so entschieden hat. „Das ist erstmal gut so“, sagt Anjas Vater, „aber wie wird es weitergehen? Wird der Mörder unserer Tochter irgendwann mal wieder im Dorf auftauchen? Ich habe große Bedenken, was kommt.“ Und Silvia Blum wird noch deutlicher: „Ich habe schreckliche Angst. Es ist schon schlimm für mich, wenn ich in Burg die Mutter des Mörders auf der Straße treffe.“

Dann gehen die Eltern die zehn Schritte bis zur kleinen Erinnerungsstätte mit den Blumen und dem Steinstern.