Magdeburg l André Voß und seine Frau waren erleichtert, als die Kita Anfang Juni in Magdeburg wieder öffnete. Der Spagat zwischen Kinderbetreuung und Beruf war nicht mehr nötig. Theoretisch. Denn: Weil die Tochter ein paar Mal ins Taschentuch geschnaubt hatte, verweigerte die Kita die Betreuung. Fieber, Husten, andere Anzeichen einer Infektion oder Erkältung? Fehlanzeige! Dennoch mussten Voß und seine Frau zum Arzt. Der Corona-Test war negativ. Rhino-Viren? Nicht vorhanden. Und dennoch musste ein Elternteil zwei Tage mit der Tochter daheim bleiben, die kleinen, aber eben vermeidbaren Kosten für die Gesundschreibung bezahlt werden. Kein Einzelfall. Auch Kinderärztin Eva Schneckenhaus erlebt seit Wiedereröffnung der Kitas einen Ansturm von Eltern, deren Kinder oft gesund sind. „Die Eltern werden quasi gezwungen, zum Arzt zu gehen, weil die Kita die Betreuung schon oft verweigert, wenn das Kind zweimal niest.“

Dem rigorosen Agieren der Kitas liegt wohl auch große Verunsicherung zugrunde. So versendete das Gesundheitsministerium bereits am 26. Juni „auf Grund vermehrter Nachfragen“ ein dreiseitiges Papier mit zahlreichen „Klarstellungen“ an alle Träger. Demnach sei eine Wiederzulassung von Personen mit negativem Corona-Test abweichend vom generellen Ausschluss durch den Erlass vom 26. Mai trotz Erkältungssymptomen zulässig.

Wie das Sozialministerium gestern auf Anfrage bestätigte, soll bereits in den nächsten Tagen ein aktualisiertes Hygienekonzept veröffentlicht werden. Darin unter anderem auch enthalten: die Streichung des Verbots von Kita-Fahrten und eben die Regelung zur Betretung durch kranke Kinder. Zudem soll der Erlass vom 26.  Mai mit Wirkung zum 15. Juli noch einmal verändert werden. Diese Aktualisierung sei jedoch der anstehenden Sommerferienzeit geschuldet und der Tatsache, dass die aktuellen Vorgaben dann wesentlich schwerer umsetzbar sein werden.

Wie jedoch nun die Handlungsempfehlung aussieht an Einrichtungen, die Kinder mit Erkältungssymptomen vermuten, werde derzeit noch diskutiert. „Die Frage ist, ob die Pflicht des negativen CoronaTests bestehen bleiben soll, und wenn ja, wie das geschehen kann, ohne dass die Kinderärzte überlastet sind“, erklärte Ministeriumssprecher Andreas Pinkert.

Bislang müssen Eltern nach dem aktuellen Hygienekonzept jeden Morgen in der Kita für die Symptomfreiheit ihrer Kinder unterschreiben. „Klar ist, dass es auch für die Erzieher schwer ist, zu entscheiden, was sind wirklich Symptome und was ist vielleicht nur ein Niesen“, sagt Kinderärztin Schneckenhaus. Diese Entscheidungsfreiheit führt zu eben jener Unsicherheit und damit auch zum teils rigorosen Agieren. Auf Nummer sichergehen – eine aus Sicht der Einrichtung durchaus nachvollziehbare Entscheidung. „Wir sehen schon, dass es teils sehr streng gehandhabt wird“, sagt auch Andreas Steppuhn, Vize-Chef der SPD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt. „Das ist alles andere als ein Normalzustand.“

Neuer Erlass wird ab 15. Juli wirksam

Und sollte es, geht es nach vielen Elternteilen wie Voß, aber eben auch aus Sicht der Kinderärzte nicht bleiben. Denn: Die kalte Jahreszeit und damit eben die Grippe-Saison stehen im neuen Alltag mit Corona erst noch bevor. „Ich habe vor dem Herbst und Winter schon Angst, weil ich nicht weiß, wie ich das mit den vielen Abstrichen dann schaffen soll“, sagt Schneckenhaus. Dann, wenn viele Eltern und Kinder wieder in die Praxis kommen, weil ihr Kind tatsächlich krank ist. Meinung