Gardelegen l Der Bauernhof von Familie Wachtel in Estedt bei Gardelegen wäre ohne Milchviehhaltung kaum vorstellbar. „Wir haben einen neuen Stall gebaut und im vergangenen Jahr noch einmal erweitert, um die Produktion zu modernisieren“, erzählt Landwirt Andreas Wachtel. So können Kosten gespart werden. Mehreinnahmen durch einen Ausbau der Milchproduktion sind nicht möglich. Denn der Milchpreis ist im Keller. „Gut wäre, wenn bundesweit für bestimmte Zeiträume Festpreise festgelegt werden würden. Aber das bleibt wohl ein Traum“, sagt er.

Der Milchpreis, den die Wachtels über eine Erzeugergemeinschaft bekommen, sei noch im Limit. „Aber wir haben von mehreren anderen Betrieben im Umkreis von 50 Kilometern gehört, die aus der Milchproduktion aussteigen“, erzählt seine Frau, Christiane Wachtel.

Etwa 60 Milchbetriebe schließen

Bis zu zehn Prozent der Milchviehbetriebe in Sachsen-Anhalt könnten in diesem Jahr schließen – das befürchtet der Bauernverband Sachsen-Anhalt. „Das wären dreimal mehr als sonst“, sagte sein Sprecher Christian Apprecht. Von den derzeit 619 Betrieben müssten demzufolge etwa 60 dichtmachen. Grund ist der seit über einem Jahr fallende Milchpreis.

Der lag nach den jüngsten Zahlen aus dem November 2015 im Schnitt bei 26,5 Cent pro Liter. Je nach Molkerei könnten es auch zwei bis drei Cent mehr oder weniger sein. „Für die Bauern wären jedoch 35 Cent je Liter gut“, sagte Apprecht.

Zumindest mittelfristig macht Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in dieser Richtung Hoffnung. „Die EU-Kommission rechnet in absehbarer Zeit mit einem Erzeugerpreis von 35 Cent je Liter Milch“, sagte er der Passauer Neuen Presse.

In der derzeitigen Situation mache in Sachsen-Anhalt ein Landwirt pro Kuh und Jahr etwa 1000 Euro Verlust, rechnete Verbandssprecher Apprecht vor. Bei 500 Kühen wären das 500  000 Euro auf der Negativseite. Einige könnten das durch eine Biogas- oder Solaranlage ausgleichen. „Viele Milchviehhalter können jedoch schon jetzt nicht mehr schlafen.“

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, hat angesichts der wirtschaftlich „schlimmen Lage vieler Bauern“ ein Ende der Sanktionen gegen Russland gefordert. „Die Bemühungen hinsichtlich einer Aufhebung des Embargos müssen intensiviert werden“, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Im Monat bleiben brutto nur 1500 Euro

Als Antwort der EU-Sanktionen wegen der Ukraine-Krise blockt Russland Lebensmittelimporte aus der EU ab. Rukwied zufolge kostet das Embargo die deutschen Bauern jährlich fast eine Milliarde Euro.

Rukwied bezeichnete die finanzielle Lage vieler der etwa 300 000 Bauern als sehr schlecht. „Es bleiben im Monat vielleicht 1500 Euro brutto. Und das bei 70 Arbeitsstunden pro Woche.“ Mittlerweile seien die Einkünfte von Mitarbeitern auf vielen Bauernhöfen höher als der Bruttogewinn des Unternehmers.