Wefensleben l Die Nähmaschine rattert in der inzwischen viel zu klein gewordenen Werkstatt im ersten Stock einer alten Wefensleber Gutshof-Scheune. Der Arbeitsbereich – drei alte Tischtennisplatten auf Rolluntersätzen – ist vollgepackt mit Spezial-Textilien wie Klett-Flausch, Tyvek und Keder. Kisten, Kästen und Kartons stehen herum und zwischen dem geordneten Chaos eine 45-Jährige mit weißem Basecap – ihrem Markenzeichen.

Andrea Ammerich-Geier zündet sich ihre erste „John Players Special“ an. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt sie zwischen zwei Zügen. Es sieht zwar auf den ersten Blick nicht so aus, wenn man den Raum über eine eiserne „Hühnerleiter“ betritt, aber das Geschäft mit den Schutzmänteln für Roboter und Großwerkzeuge boomt.

Markenzeichen: Basecap

Die Unternehmerin erzählt: „Ich habe Damenschneiderin gelernt, dann eine Zeitlang als Textilrestauratorin im Helmstedter Kloster St. Marienberg gearbeitet. Da war feinste Handarbeit an historisch wertvollen Ausstellungsstücken gefragt“, sieht man ihr den Spaß heute noch an. Ein Gobelin im Schloss Jever und der Mantel des Rektors der Greifswalder Uni gingen durch ihre Hände. „Auch die textile Innenausstattung der berühmten Goldenen Kutsche aus Sondershausen habe ich aufgearbeitet.“

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Doch dann wechselte Ammerich-Geier innerhalb der Branche ihr Betätigungsfeld. Sie wurde Industrienäherin. Sie schneiderte für einen VW-Zulieferer Roboter-Roben.

Schweißzangen am Roboter

Doch irgendwann wurde ihr die Sache zu eintönig. „Ich hatte andere Vorstellungen“, sagt sie und greift erneut zur Zigarettenschachtel. „Anstatt nur vier, fünf Modelle, zum Beispiel Schutzbekleidung für Schweißzangen am Roboter oder für Lackierautomaten, in großer Stückzahl zu nähen, hatte ich die Idee, mehr auf die individuellen Bedürfnisse von Kunden einzugehen. Kleine Stückzahlen und Einzelstücke anzubieten.“ Ammerich-Geier kündigte.

2011 ging sie in die Selbständigkeit. Ideen- und Produktionsstätte wurde die Scheune, die ihr Freund – von Beruf Sattler und Raumausstatter – bereits als Hobbyraum genutzt hatte.

„Die Hardware“, sagt die Unternehmerin, „war vorhanden. Es ging nun darum, einen Kundenkreis aus mittelständischen Betrieben zu akquirieren.“

Ammerich-Geier sah sich vor Ort bei potenziellen Kunden um, sprach mit ihnen, welche speziellen Anforderungen der Maschinenbauer, Gießer, Sandstrahler an Textilien, die die teuren Maschinen schützen sollen, haben.

Abnehmer in Spanien und Russland

„Auf keinen Fall sollten es 0815-Produkte werden, sondern auf den Leib geschneiderte, die zum Beispiel vor Verschmutzungen, vor Hitze und aggressiven Chemikalien schützen. „Maschinen sind ähnlich empfindlich wie wir“, beschreibt die Frau mit dem auffälligen Goldschmuck an den Ohren und um den Hals ihre Philosophie.

Zur Palette der Wefensleberin und ihrer drei Mitarbeiterinnen gehören inzwischen Ummantelungen für Teile in spanischen Gießereien, in russischen Atomkraftwerken sowie Schmieden und Lebensmittelproduktionsstätten in Österreich. Anfragen gibt es aus dem Iran.

Teilweise werden die zu schützenden Teile in Großzeltgröße „eingehaust“. Das bisher schwerste Teil gehörte zu einer Sandstrahltechnik und wog an die 40 Kilogramm. „Immer mehr Kunden verstehen, dass sie ein Schutzanzug billiger kommt als Reparaturkosten und der daraus resultierende Arbeitsausfall.“

Die dritte Zigarette. Alle zwei Jahre schaut sich Ammerich-Geier auf dem Spezialtextil-Markt um. „Man muss auf dem Laufenden bleiben, wenn man keine Kunden verlieren will“, pustet sie den Qualm nach oben. Immer wieder gebe es neue hitzeabweisende Materialien, abriebfeste Stoffe, Fleece und Kautschuk.

Umzug in den Nachbarort

Die Firmenchefin hat bis heute nicht bereut, den Schritt in die Selbständigkeit gewagt zu haben. „Na klar, manchmal fragt man sich schon: Was mache ich hier eigentlich? Und am Anfang die Unsicherheit, war auch nicht schön. Aber zurück zur Fremdbestimmtheit? Nein.“ Dass es so gut laufen würde, habe sie sich 2011 nicht träumen lassen.

Demnächst wird die Frau, die nur ein paar Kilometer weiter aus Badeleben stammt, mit einem Teil ihres Unternehmens nach Völpke ziehen. „Die Entwicklung bleibt aber hier in diesen vier Wänden“, sagt sie.

Die Nähmaschine rattert immer noch. „Wir sind hier ein kleines, aber feines Team. Ich halte nicht viel davon, die Chefin heraushängen zu lassen“, drückt sie ihre Zigarette aus.