Magdeburg l Langsam, fast als wollte er ein Bild zeichnen, führt Christian Schmidt den Füller in seiner rechten Hand über den Papierbogen auf dem Tisch. Die blaue Tinte lässt in langem Bogen ein bauchiges L entstehen, dann ein i und ein e, bis schließlich das Wort „Liebe" dasteht. Es ist ein besonderer Tag für den Magdeburger – eine persönliche Premiere. Mehr als zwei Jahre hat er geübt. Mit über 50 und fast ergrautem Haar, schreibt Schmidt zum ersten Mal in seinem Leben eine Karte. Es sind Weihnachtsgrüße an die Familie. – Fast ein Jahr ist das jetzt her.

Vorher hat er Post immer nur bekommen, erzählt Schmidt, jetzt, gut acht Monate später, bei einem Lernkurs der Volkshochschule im Magdeburger Norden. Und selbst die konnte er mehr schlecht als recht entziffern, sagt er.

Sein Defizit hat Schmidt sein Leben lang erfolgreich verborgen. Eigentlich heißt er auch anders – „die Kollegen auf Arbeit“, sagt Schmidt.

Der Magdeburger ist keineswegs das, was man draußen auf der Straße als „beschränkt“ bezeichnen würde. Er ist handwerklich begabt, hat einen festen Job, die Wohnung und den eigenen Garten fest im Griff. Doch, obwohl er zur Schule ging, hat er als Kind niemals richtig lesen und schreiben gelernt. Und damit ist er nicht allein.

Experten sprechen bei Problemen, wie Schmidt sie hat, heute von „geringer Literalität“, früher war der Begriff „funktionaler Analphabetismus“ verbreitet. Betroffene können dabei in verschiedensten Stufen nur ungenügend lesen und schreiben. Für einen medialen Schock sorgte 2011 die Veröffentlichung der Leo-Level-one-Studie der Uni Hamburg.

Nachdem Zahlen zu Betrofffenen bis dahin stets nur geschätzt worden waren, lag jetzt erstmals das ganze Ausmaß des Problems schwarz auf weiß vor. Deutschlandweit waren demnach 7,5 Millionen Menschen von geringer Lese- und Schreibfähigkeit betroffen – das war rund jeder Siebte zwischen 18 und 64 Jahren. Allein auf Sachsen-Anhalt entfielen 150.000 bis 200.000 Betroffene. Laut einer aktuellen Studie ist die Betroffenenzahl zwar auf 6,2 Millionen gesunken – Experten deuten das aber eher als statistisches Echo ein alternden Bevölkerung denn als Trendwende dank Schule und Bildung: Die über 65-Jährigen sind schlicht aus der Erfassung gefallen.

Die Diagnose veranlasste Politik und Sozialeinrichtungen nach 2011 zum Handeln. Bund und Länder riefen eine „Nationale Strategie“ gegen funktionalen Analphabetismus aus. Sie ging 2016 in eine „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ über. Bundesweit bildeten sich Initiativen, mit dem Ziel, Betroffenen auch im höheren Alter das Erlernen von Lesen und Schreiben zu ermöglichen.

Mancher dürfte sich noch an einen Fernseh-Spot des Bundesverbands Alphabetisierung aus jener Zeit erinnern, in dem ein Chef seinen Lagerarbeiter anraunzt, weil dieser ein „Beladen verboten“-Schild scheinbar gedankenlos übergeht. Es stellt sich heraus, der Mitarbeiter kann nicht lesen. „Schreib dich nicht ab, lerne lesen und schrei- ben“, heißt es im Abspann des Spots. Das kostenlose Alfa-Servicetelefon für Betroffene (0800/53 33 44 55), dem die Werbung galt, es läuft bis heute.

In Sachsen-Anhalt gründeten mehrere Verbände der Erwachsenenbildung nach dem Leo-Schock das „Landesnetzwerk Alphabetisierung und Grundbildung“. Seit 2014 und noch bis 2020 fließen 7,8 Millionen Euro vor allem aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) in landesweit rund 25 Alphabetisierungs-Projekte, sagt Reinhild Hugenroth, Leiterin der Landesnetzwerkstelle. Auch das Bildungsministerium ist im Boot.

Projekt der Volkshochschule

Eines der Projekte ist die „Lernwerkstatt“ der Volkshochschule Magdeburg. Jede Woche macht sie an fünf Orten der Landeshauptstadt Station. Wie Alphabetisierungs-Angebote anderer Verbände auch ist sie kostenlos, auf Wunsch anonym und ohne Anmeldung, sagt Dozentin Antje Kreßin. An diesem heißen Donnerstag Ende August findet der Kurs in einem Treffpunkt im Magdeburger Norden statt, nur einen Steinwurf vom Neustädter See entfernt. Gearbeitet wird im kleinen Seminarraum mit Kinderbüchern, Spielen, Lese- und Schreibübungen. „Die Verknüpfung mit Bildern und Aufgaben macht das Lernen interessant, sagt Dozentin Kreßin. Nebenbei erhöht es den Lerneffekt.

Hier, im Begegegnungszentrum des Plattenbau-Kiezes, wird das Angebot laut Kreßin stadtweit auch am besten angenommen. Voller könnte der Kurs trotzdem sein. Neben Christian Schmidt sitzt mit der 57-jährigen Brigitte Blumenthal heute nur eine weitere Teilnehmerin am Tisch.

„Ich arbeite hier, hab vom Angebot gehört und einfach gefragt, ob ich mitmachen kann“, erzählt die 57-Jährige freimütig. Von sich selbst berichtet sie, eine Lese- und Schreibschwäche zu haben.

Nur in den seltensten Fällen ist die Schwelle für Betroffene so niedrig wie bei Frau Blumenthal, sagt Dozentin Kreßin.„Es gibt viele Menschen, die ihre Lese- und Schreibprobleme gern angehen würden. Unser Problem aber ist, wie man sie erreicht“, sagt sie. Flyer oder Plakate fallen schließlich aus. Die Antwort der Volkshochschulmitarbeiter lautet bislang oft: Graswurzelarbeit. „Wir gehen in die Jobcenter oder sprechen Eltern in der Vorschule an. Nicht selten stellt sich dann heraus, dass auch Mama oder Papa nicht richtig lesen können.“

Mit etwas Glück nehmen Betroffene Hilfsangebote an. Die Folgen von Analphabetismus können verheerend sein. Von für Lesende selbstverständlichen Alltagsangeboten sind sie – je nach Schwere – oft von vornherein ausgeschlossen: So können sie Hinweisschilder nicht entziffern, Fahrkartenautomaten nicht bedienen und auch Behördenformulare etwa für Bildungs- und Teilhabeleistungen nicht ausfüllen – so entsteht leicht ein Teufelskreis.

Defizite fallen selten auf

Dem Umfeld fallen die Defizite dabei nur in der Minderheit der Fälle auf – auch weil Betroffene sich aus Scham meist bemühen, sie zu verbergen. „Oft fallen dann Sätze wie: ‚Oh, das Licht ist hier so schlecht, kannst du das mal ausfüllen‘ oder ‚Ich hab meine Brille vergessen, was steht da?‘“, sagt Antje Kreßin.

Fällt die Lese- und Schreibschwäche mit einer ungünstigen Persönlichkeit zusammen, drohen im schlimmsten Fall gar sozialer Abstieg und Isolation. Kreßin erzählt von einem jungen Familienvater ohne Schulabschluss und Berufsausbildung. „Er sitzt den ganzen Tag an der Spielkonsole und dirigiert alles an seine Frau, entwickelt kaum Eigeninitiative.“ Wenn eine solche Beziehung scheitert, sieht es schnell düster aus.

Bei Christian Schmidt lag der Fall anders. Der Magdeburger wurde von Anfang an selbst aktiv. Das mag auch an seiner Biografie liegen. Schmidt war Heimkind, die Eltern tranken. In der fünften Klasse suchten ihn epileptische Anfälle heim. Die Medikamente, die er verschrieben bekam, sorgten für bleierne Müdigkeit. „Ich bin im Unterricht ständig eingeschlafen“, erzählt er. Schon nach der fünften Klasse musste er die Schule verlassen. So vom Leben geprüft, war er früh gezwungen, wo es ging, für sich selbst zu sorgen.

Schmidt tat das, stieg ins Berufsleben ein. In seinem Job im Handwerksbereich brauchte er das Lesen und Schreiben kaum. Trotzdem nahm er sich sogar einen Privatlehrer, um seinem Lese-Trauma beizukommen. Echte Fortschritte kamen trotzdem erst mit der Lernwerkstatt der Volkshochschule. Konnte Schmidt am Anfang nur mit Mühe Buchstaben aufs Papier bringen, kann er inzwischen Sätze schreiben, erzählt seine Dozentin stolz.

Und Schmidt selbst? „Mit dem Romane-Lesen werde ich wohl nicht anfangen“, sagt er und lacht. Sehr wahrscheinlich werde er seiner Familie zu Weihnachten aber wieder Karten schicken.