Magdeburg l Erst ertönt die Trillerpfeife, dann folgt der Ruf: „Kompanie, aufstehen, fertig machen zum Frühsport, raustreten in drei Minuten!“ Anziehen und Morgentoilette in 180 Sekunden. Wer es damals nicht schaffte, hatte in der NVA ein Problem. „Damals galt eben Befehl und Gehorsam und sonst nichts“, erinnert sich der ehemalige NVA-Major Frank Fritzsche.

„Das ist jetzt natürlich alles ganz anders“, sagt der heutige Hauptmann der Reserve der Bundeswehr. Er hat mehrere Jahrzehnte in beiden Armeen gedient. Dass Freitagnachmittags zum Beispiel nach dem Dienst die meisten nach Hause gehen, wäre in der DDR schon wegen der hohen permanenten Gefechtsbereitschaft absolut undenkbar gewesen.

Doch jenseits seiner Vorstellungskraft dürfte damals der Fakt gewesen sein, dass er plötzlich von einem Tag auf den anderen in der Uniform des Gegners steckt. Aus zwei bis dahin verfeindeten Streitkräften entstand über Nacht am 2. Oktober 1990 eine ganz neue Armee, die Bundeswehr bezeichnete sie später gerne auch als „Armee der Einheit“. Obwohl am Ende nur 11.000 von den damals 90.000 NVA-Soldaten zur Wende übrig blieben. Der ,,Zwei-plus-Vier-Vertrag” schrieb eine Reduzierung der Bundeswehr bis zum 31. Dezember 1994 auf 370.000 Mann vor.

Mit den Kindern zur Militärakademie

Nach seiner Lehre als Zerspanungsfacharbeiter in Bad Düben nimmt Fritzsche 1975 sein Studium an der Offiziershochschule in Löbau bis 1978 auf. Er macht in den folgenden Jahren bei den Pionieren Karriere. Im damaligen Pontonregiment 3 „Johann Phillip Becker“ in Dessau ist er erst Zugführer, dann Kompaniechef und später Kommandeur des ersten Bataillons. 1987 heiratet er seine Frau Annegret. Zu diesem Zeitpunkt ist er auch längst Mitglied der Sozialisten Einheitspartei Deutschlands (SED). Der Schritt war vor seinem Studium zum Offizier obligatorisch. Die Hamburger Militär-Wissenschaftlerin Dr. Nina Leonhard erklärt es in ihrem Beitrag „Die Soldaten der NVA und die Armee der Einheit‘“ so: „Die enge Verbindung zwischen Partei und Armee zeigte sich nicht nur an der personellen Verflechtung der obersten Führung, sondern auch am hohen Anteil von SED-Mitgliedern unter den Berufssoldaten, vor allem unter den Offizieren, die seit den 1960er Jahren zu über 90 Prozent ein Parteibuch besaßen.“

Dennoch sah sich Fritzsche in dieser Zeit nie als strammer Kommunist. „Ich bin natürlich in dieser Zeit geprägt, gar keine Frage. Im Vordergrund stand für mich aber zu jeder Zeit der Soldatenberuf“, sagt er heute. 1988 kommt sein Sohn zur Welt. Er ist inzwischen der zweite. Der andere stammt aus der ersten Ehe seiner Frau. Mit Annegret unternimmt er ein Jahr später die große „Reise“, die einem bevorsteht, wenn man als Offizier in der DDR Karriere machen will. Mit einem Fünf-Kubikmeter-Container geht es im Frühjahr 1989 an die Militärakademie für Pionier-Truppen nach Moskau. Während der zehnjährige Sohn an der Botschaftsschule der DDR lernt, geht der einjährige in einen russischen Kindergarten. Fritzsche schmunzelnd: „Schon nach wenigen Wochen sah er aus wie ein Russe.“

Nach einigen Monaten, im August, deuten sich erste Veränderungen an. „Meine Schwester schrieb uns in einem Brief, dass viele DDR-Bürger das Land verlassen wollen und in die Prager Botschaft geflüchtet sind. Das war für uns erst gar nicht vorstellbar“, erinnert er sich.

Zu seinem Geburtstag am 8. November 1989 kommen seine Schwägerin und sein Bruder zu Besuch nach Moskau. Gesprächsthema Nummer eins ist die Stimmungslage in der DDR. Nur einen Tag später gab es eine nur 20 bis 40 Sekunden lange Meldung im russischen Fernsehen, dass die Grenze offen ist. Mehr nicht. „Unsere Botschaft hat uns gar nichts dazu gesagt“, erinnert er sich. Von November bis Januar beginnt eine Zeit der Ungewissheit. Erst später wird die Rückkehr der Offiziere aus Moskau angeordnet.

Reise zum einstigen Feind

Anfang Februar 1990 befindet sich der Major auf Heimaturlaub. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten DDR-Bürger bereits den Westen besucht und ihre 100 D-Mark Begrüßungsgeld abgeholt. Fritzsche: „Ich kann mich noch erinnern, als meine Schwiegereltern sagten, morgen fahren wir in den Westen.“ Völlig verunsichert lehnt der NVA-Offizier aber ab: „Ich kann nicht!“ Er sollte ausgerechnet in das Land fahren, das eigentlich der Klassenfeind war. Doch die Familie bleibt hartnäckig. „Du Blödmann, haben sie gesagt, da fahren jetzt alle hin.“ So holen sich die vier Fritzsches das Begrüßungsgeld aus Westberlin ab und fahren zurück nach Moskau in der Unwissenheit, wie es weitergehen soll. Am 28. April 1990 ist es dann so weit. Fritzsche erhält die Nachricht, dass das fünfjährige Studium endgültig abgebrochen wird.

Es betrifft allein in seiner Waffengattung 32 Offiziere. Insgesamt mögen es 150 zu dieser Zeit in Moskau gewesen sein. Dort führt die Familie noch bis zum 1. Juli, der endgültigen Rückreise in die DDR, ein recht spartanisches Leben. In Moskau gibt es zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Lebensmittel mehr. „Wir hatten eine kleine Reserve von zu Hause aus mitgebracht“, sagt er.

Pünktlich zum Tag der Währungsunion am 1. Juli 1990 ist Familie Fritzsche dann endlich wieder zu Hause in Dessau. Er erinnert sich: „Ich bin erstmal drei Wochen beurlaubt worden. Niemand wusste, was passiert und wie es weitergehen soll.“

Dass die NVA nicht weiter fortbestehen wird, war den meisten zu diesem Zeitpunkt zwar klar. Doch was sollte mit den Soldaten passieren? Klar ist nur, dass alle Polit­offiziere und Generäle von der Bundeswehr nicht übernommen werden.

Im August meldet sich der Dessauer zum Dienst zurück in der DDR an der Militärakademie „Friedrich Engels“. Dort liest er sich in acht Wochen Hunderte Dienstvorschriften durch. Er empfindet es als reine Beschäftigungstherapie, denn als Pionier will er sich mit der Technik beschäftigen – zum Beispiel Brücken aus Pontons aufbauen. „Das wollte ich. Soldat sein, war und ist mein Beruf“, sagt er.

Auslandseinsätze für die Bundeswehr

Ihm stand es auch frei, in eine zivile Firma zu wechseln, die auf dem Gelände bereits Büros hatte. Doch er bleibt dabei und erhält bereits am 25. September 1990 seine neue Uniform, mit der am 3. Oktober 1990 in der Bundeswehr den Dienst als Soldat weiterführt. Viele übernommene Offiziere wurden später um einen Dienstgrad zurückgesetzt, um sie der Personalstruktur Bundeswehr anzupassen. Erst nach zwei Jahren Probezeit darf er als Oberleutnant und Zugführer im Schwimmbrückenbataillon 703 in Dessau bei der Bundeswehr als Berufssoldat bleiben. Von 1996 bis 2010 arbeitet Fritzsche unter anderem auch als Umweltschutztechnik- und Verbindungsoffizier für Zivil-Militärische Zusammenarbeit in Halle, Magdeburg, Köthen und Idar-Oberstein. Bei seinen Auslandseinsätzen im Kosovo (1999), Bosnien-Herzegowina (2004 und 2006) und in Afghanistan 2009 war er unter anderem für den Aufbau von Zeltlagern mit bis zu 3000 Soldaten verantwortlich. Für die „beispielhafte Erfüllung der Soldatenpflichten“ ist ihm am 12. Juli 2017 das Ehrenkreuz in Gold verliehen worden. Inzwischen ist der Pensionär Vater von vier Kindern und Großvater von fünf Enkeln.

Als Hauptmann der Reserve engagiert sich der Dessauer noch immer im Kreisverbindungskommando Wittenberg und organisiert zum Beispiel seit 2012 die Präsentationen der Bundeswehr zu den Sachsen-Anhalt-Tagen.