Magdeburg l Kein Stern am Himmel, kaum Licht auf der engen Landstraße, dann noch das Steuer auf der rechten, eher ungewohnten Seite. Und niemand an Bord weiß, welche Richtung die richtige ist. Ein Moment, den niemand mag, der an einem fremden Ort Orientierung sucht. Der Ort: Irgendwo in Südengland im Nirgendwo. An Bord: Drei reiselustige Senioren, die die Gegend mit dem Auto erkunden wollen. Am Steuer: Ilona Weißenfels, Reisebloggerin und mit 64 Jahren nicht wirklich aus der Fassung zu bringen.

Im Schneckentempo übers Land

Im Schneckentempo geht es über die stockdunkle Landstraße. Nur ein Polizeiwagen mit Blaulicht setzt sich irgendwann hinter das Auto der drei Urlauber, überholt aber nicht wie in Deutschland, sondern zockelt langsam und mit britischem Understatement hinterher. „Irgendwann dachte ich, es wäre besser, mal anzuhalten“, erzählt Ilona Weißenfels. „Als der Wagen stand, kam ein junger Polizist, leuchtete mit seiner Taschenlampe ins Auto und hatte vielleicht mit drei leicht angetrunkenen Jugendlichen oder Diskobesuchern gerechnet, aber eben nicht mit drei Reisenden reiferen Alters, die einfach nicht wussten, wo es langging.“

Aus dem Jahr 2014 stammt diese Reiseanekdote, es war damals die erste große Reise von Ilona Weißenfels als Bloggerin. Die gebürtige Berlinerin, die bis zu ihrer Rente als Professorin für Grundschulpädagogik und Didaktik an der Uni Rostock arbeitete, muss schmunzeln, wenn sie die Geschichte erzählt. Damals wollte sie eigentlich nur mal erleben, wie es ist, in Großbritannien mit dem Linksverkehr klarzukommen. Die fixe Idee wurde dann aber konkret. Mit Freunden machte sie sich auf den Weg. Flug nach Gatwick. Auto beim Verleih abgeholt. Los ging die fröhliche Reise, die man noch heute auf ihrem Blog http://www.60plus-go-on.de nachlesen kann. Brighton, Littlehampton, Swanage, Exeter, Dartmoor waren einige Stationen.

Bilder

Lehrveranstaltungen in Magdeburg

Dass Ilona Weißenfels zur Bloggerin wurde, war dem Ruhestand geschuldet. Kurz vor ihrer Pensionierung wurde sie von Studierenden gefragt, was sie nach dem Arbeitsleben machen würde. Ihre Antwort: reisen und schreiben. Die Idee eines Blogs für die Generation Ü60 war geboren. Vier Jahre später finden sich allerhand Berichte und Reportagen auf der Seite. Die heute 68-Jährige hat über ihre Heimat Berlin und die nähere Umgebung geschrieben, über Städtereisen nach Dublin, Sevilla oder Florenz, über Urlaubs- wie Kurzreisen. „60plus – go on ist ein Reiseblog, der sich an alle Junggebliebenen richtet, die sowohl Interesse an den unendlich vielen unterschiedlichen Landschaften Deutschlands mit deren kulturellen Besonderheiten als auch an fremden Ländern und deren Kulturen haben und gern individuell reisen“, heißt es auf ihrer Seite. Und auf das Wort „individuell“ legt die emeritierte Professorin, die derzeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal Lehrveranstaltungen zur Kindheitspädagogik gibt, großen Wert.

Wenn sie unterwegs ist, dann meist alleine oder mit ihren Enkelkindern im Alter von 8, 12 oder 14. Oder eben mit guten Freunden wie Lotti und Paul in Südengland, die Lust auf einen Ausflug haben. Immer sind es individuelle Reisen, denn hierbei bekommt Ilona Weißenfels mehr vom Land und den Leuten mit. „Ich versuche so weit es geht, Gruppenreisen zu vermeiden. In der Regel buchen wir einen Flug oder eben die Unterkunft und entdecken das jeweilige Land gern ohne Reiseführer“, erzählt Weißenfels. Zuletzt war sie mit zwei der drei Enkelkinder im Harz unterwegs bzw. mit dem Enkelsohn in Dresden. Der Bericht soll bis zum Jahresende in ihrem Blog stehen. „Je nachdem mit wem ich reise, haben die Texte zwei Perspektiven. Die Erwachsenensicht meiner Generation, wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Die Sicht der Enkel, wenn ich mit ihnen verreise.“

Studenten halfen bei WordPress

Reisen und Schreiben liegen Ilona Weißenfels. Ihre Art wird von den Lesern und Nutzern des Blogs geschätzt. Was hingegen etwas auf der Strecke bleibt, das ist die technische Seite. „Technik ist nicht meine Welt“, erzählt sie. „Ich habe damals Studenten gefragt, ob sie mir beim Einrichten der WordPress-Seite helfen könnten. Ein Student hat mich eingewiesen und mir dann alles erklärt. Ich habe mir wirklich jeden Satz notiert, damit ich ja nicht noch mal nachfragen muss.“

Seither hält sie eisern an diesen Regeln fest und arbeitet nach Schema F. Das ständige Eingeben von Schlüsselwörtern für besseren Erfolg beim Googeln ist auch nicht ihr Ding. Was passiert, wenn es mal klemmt? „Es darf nicht klemmen“, sagt Ilona Weißenfels mit einem Lächeln. „Ich halte Ausschau nach jemandem, der mir mal die eine oder andere Frage beantworten kann, aber bislang habe ich noch niemanden gefunden.“

Reisetipps für Gleichaltrige

Wenn Ilona Weißenfels unterwegs ist, arbeitet sie sehr diszipliniert an den Texten. Alle zwei Tage macht sie sich stichpunktartig Notizen. Stift, Block, Fotoapparat hat sie immer dabei. Sie will mit ihren Texten gleichaltrigen Menschen Lust und Mut machen, denn das Reisen mit über 60 Jahren ist kein Hexenwerk. „Mein Bedürfnis ist es, Reisegeschichten zu erzählen, aber eben auch, dass ich mich noch gut alleine oder in einer kleinen Gruppe durch meine Reisen bewege. Mir ist wichtig, dass man die Reisen nachvollziehen kann, ich gebe Tipps, wo ich essen war, welche Unterkunft wir genommen haben, nenne auch mal ein Buch, das ich zur Vorbereitung eingepackt habe. Was ich besonders mag, das ist, eben nicht mit dem Taxi von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu fahren, sondern öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.“

 Jüngst in Russland gemeinsam mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter mussten sie mit Händen und Füßen Gespräche führen, um ihr Hotel zu finden. Die meisten Menschen sprachen kein Englisch oder Deutsch und Ilona Weißenfels’ Russischkenntnisse sind eher rudimentär. Aber unterm Strich waren die Menschen auf ihrer Reise nach St. Petersburg, Moskau und Sotschi wundervoll freundlich und hilfsbereit. Auch diese Traumreise steht online und wird bis Ende des Jahres noch ergänzt.

Auf Spuren von Ken-Follet-Romanen

Ihr Anspruch ist der persönliche Blick auf die Welt, die sie bereist. Flyer, Prospekte und Infomaterial nimmt sie mit, um sich später besser zu erinnern. „Ich sage immer, ich reise zweimal. Einmal aktiv vor Ort und dann in Gedanken, wenn ich die Texte schreibe und noch mal Hintergrundinfos recherchiere und Fakten überprüfe. Es passieren ja auch mal unvorhergesehene Ereignisse.“ Wie auf der Südengland-Tour, als eine Freundin eher durch Zufall auf der Landkarte den winzigen Ort Kingsbridge entdeckte und außer sich vor Freude war, den berühmten Originalort der noch berühmteren Ken-Follett-Romane „Die Säulen der Erde“, „Die Tore der Welt“ und „Das Fundament der Ewigkeit“ gefunden zu haben.

Also machte sich das Trio auf den Weg, doch der Ort mit etwas über 6000 Einwohnern hat mit dem Roman nichts zu tun. Folletts Stadt ist fiktiv, der kleine Ort erstaunlich historisch, aber eben auch klein und ohne nennenswerte Reisehöhepunkte. Also ging es zum Landsitz Greenway von Agatha Christie. Ein wunderschöner Park, ein beeindruckendes Sommerhaus samt überwältigendem Ausblick auf die Dartmündung. Mit solchen Überraschungen kann Ilona Weißenfels gut leben, denn es sind Entdeckungen, die erst durchs Reisen möglich werden.

Söhne wunderten sich

Wie viele Menschen ihre Texte lesen, weiß sie nicht. Sie ist nicht auf Facebook oder Instagram unterwegs, so dass sie Werbung für ihre Reisetexte machen kann. Die Leser sind Menschen, die zufällig drauf stoßen, die aus dem Freundeskreis kommen oder eben die eigene Familie. „Meine beiden Söhne dachten am Anfang, die Mutter hat wieder einen neuen Flitz“, erzählt sie mit Berliner Augenzwinkern und einem breiten Grinsen. „Anfangs wurde es mit einem Lächeln gewürdigt, mittlerweile hilft mir die Freundin meines einen Sohnes bei den Korrekturen. Ich denke, alle sind auch etwas beeindruckt, wie sich die Webseite entwickelt hat.“

Auch das Reiseland Deutschland liegt ihr am Herzen. Aufgrund ihrer Arbeit in Stendal entdeckt sie langsam die Altmark. So war sie in Schönhausen auf den Spuren Otto von Bismarcks unterwegs. Das Geburtshaus ist zwar nicht mehr völlig erhalten, aber die verbliebenen Teile des einstigen Schlosses sind restauriert und auch der barocke Park und die romanische Kirche sind schön. Als sie nach einem Restaurant in der Nähe fragte, gab es aber nur erstauntes Schweigen und Schulterzucken. „Da hat man als Ort oder Region schon was zu erzählen, aber dann gibt es keine Gaststätte. Das erstaunt mich immer wieder, warum man solche kleinen Orte nicht etwas besser touristisch erschließt.“

Auf ihrer Wunschliste 2019 steht eine Rundreise nach Schweden und zu einem Bloggertreffen würde sie irgendwann mal gerne gehen.

Hier geht es zum Blog von Ilona Weißenfels.