Magdeburg l Meer, Dünen, ein paar arabische Fischerdörfer, dazu viel Wüste und wenig Grün. Das war das osmanische Palästina vor gut 100 Jahren. Durch diese Gegend reitet im Juli 1907 ein Jude aus Magdeburg auf einem Esel aus der Stadt Jaffa hinaus.

Wie berichtet wird, nahm er mit einem Begleiter ein Dünengebiet in Augenschein, auf dem eine neue jüdische Siedlung angelegt werden sollte. Der Mann hieß Arthur Ruppin und war von einer jüdischen Organisation beauftragt, zu erkunden, inwieweit zionistische Siedlungen in Palästina etabliert werden könnten.

50 jüdische Häuser in Dünen

Für den neuen Ort in den Dünen bei Jaffa bekommt Ruppin beim Jüdischen Nationalfonds einen Kredit bewilligt. Dies ist das Startkapital für die spätere Stadt Tel Aviv. Es geht primitiv zu in jener Zeit, doch Ende 1909 gibt es bereits 50 Wohnhäuser. Asphaltierte Straßen fehlen zwar, dafür hat jedes Haus eine Wassertoilette – darauf legt Ruppin großen Wert. Als „Vater der zionistischen Siedlungsbewegung“ wird er in Israel verehrt. Gehörte er doch zu den Zionisten, die von Deutschland aus Visionen für die Zukunft des jüdischen Volkes entwickelten.

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Ruppin selbst war ein Jahr zuvor von Deutschland nach Palästina übergesiedelt und leitete das Eretz-Israel-Büro der Zionistischen Organisation in Jaffa. Eretz Isreal – das Land Israels – sollte immer mehr zur ersehnten Heimstatt des jüdischen Volkes werden. Sie spürten wie Arthur Ruppin, dass sie beim wachsenden Antisemitismus in Europa nicht glücklich werden würden.

Stammtisch jüdischer Juristen

Ein heller Geist ging Magdeburg da verloren. Das stimmt, aber nicht ganz. Erstens war der 1876 in Rawitsch (Provinz Posen) geborene Ruppin erst mit zehn Jahren mit seinen Eltern zugezogen und hatte Magdeburg 1904 zunächst in Richtung Berlin verlassen, ehe er in den Nahen Osten aufbrach. Doch seine Schulzeit bis zum Abitur 1996 zählt zu den Magdeburger Jahren. 1903 kehrte er nach dem Studium von Jura und Volkswirtschaftslehre als Rechtsreferendar in die Elbestadt zurück.

Die jüdische Sache hatte er längst verinnerlicht. Er war Mitbegründer des „jüdischen Referendar-Stammtisches“. Die jüdischen Jung-Juristen fanden sich im Magdeburger „Café Dom“ zusammen. Ruppin machte sich zudem mit soziologischen Forschungen einen Namen. Für seine Abhandlung „Darwinismus und Sozialwissenschaft“ erhielt er den Haeckel-Preis und verfasste in seiner Magdeburger Zeit auch das Buch „Die Juden der Gegenwart“.

Seine Ideen und Vorstellungen vom jüdischen Leben konnte er in Palästina praktisch erproben. Es gab wenig von dem, was die heutige Lage Israels ausmacht: Kein jüdisches Staatswesen, keine Trennung von Juden und Arabern und keine entwickelte Gesellschaft.

Zwei Staaten in Palästina

In diesem weiten Raum für Zukunftsutopien glaubte Arthur Ruppin daran, dass es möglich sein werde, in Palästina zwei Staaten zu schaffen – einen der Araber und einen der Juden.

Davon rückte er jedoch mit der Zeit ab. Endgültig war es so weit, als 1929 Araber-Aufstände in Palästina losbrachen. Nun trat auch Ruppin für einen einzigen jüdischen Staat ein. Um das Zusammenleben in diesem neuen Agrarland zu organisieren, favorisierte der Magdeburger die Gemeinschaft durch landwirtschaftliche Kooperativen mit angeschlossenen Siedlungen. Das fand seinen Ausdruck im neuartigen Kwuza, dem späteren Kibbuz.

Leben und Arbeiten im Kibbuz

Hier kam auch ein gewisses Sendungsbewusstsein ins Spiel. Ruppin bekannte 1922 in seinem Tagebuch: „Je weniger mich der politische Zionismus befriedigt, um so mehr strebe ich danach, wenigstens im Kleinen etwas zu tun, was Ewigkeitswert birgt. Ich habe mich den jüdischen Arbeitern in Palästina immer besonders nahe gefühlt. Ich sehe in allen ,Kwuzoth‘ das Streben nach neuen, besseren sozialen Lebensformen.“ Er hoffte, dass dies „der ganzen Welt Muster und Vorbild“ sein könne.

Das Kibbuz-Modell wurde eine Zeit lang tatsächlich weltweit bewundert. Darauf beschränkt sich allerdings der Siegeszug. Genossenschaftlich gearbeitet wird zwar auch anderswo, doch der beim Kibbuz dazugehörige gemeinsame Wohnpark hat sich bei zunehmendem Wohlstand auch in Israel als nicht tragfähig erwiesen.

Die Individualinteressen setzten sich letztlich durch. Kibbuze sind im Heiligen Land zwar noch vorhanden, doch dienen sie häufig als Touristenunterkünfte, in denen der jüdische Pioniergeist in Palästina und dem frühen Israel nur eine museale Komponente ist.

Die Verdienste von Arthur Ruppin schmälert das nicht. Nach dem 1943 Verstorbenen ist seit 16 Jahren eine winzige Nebenstraße am Magdeburger Domplatz benannt. Zur Einweihung 2002 waren auch die Kinder Ruppins, Rafael Ruppin und Aya Dinstein, sein Neffe Giora Ra’anan und einige Urenkel dabei. Für einen Mann wie Arthur Ruppin hätte die Erinnerungsstätte gern eine Nummer größer ausfallen können.