Magdeburg l Für manche steht das Knallen zu Silvester für das Hochgefühl einer kleinen Anarchie, für andere für Lärm, Gefahren und Dreck. Fakt ist: Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr schnellt die Feinstaubbelastung in den Städten Sachsen-Anhalts so in die Höhe.

An Messstationen im Land werden in der ersten Stunde nach dem Jahreswechsel laut Umweltministerium regelmäßig Werte bis zu 1000 Mikrogramm Feinstaub je Kubikmeter Luft erreicht. Zum Vergleich: Selbst an Verkehrsschwerpunkten werden im Jahresschnitt nur 30 Mikrogramm gemessen. Bundesweit stoßen Silvester-Knaller binnen Stunden ein Siebtel der Feinstaubs aus (4500 Tonnen), den der Autoverkehr innerhalb eines Jahres freisetzt.

Die Deutsche Umwelthilfe will das nicht hinnehmen. In Schreiben an 31 stark betroffene Städte hat der Verband Ende Juli Verbote privater Böllereien beantragt. Betroffen ist auch Halle. Bei 750 Mikrogramm Feinstaub je Kubikmeter lag die Belastung laut Landesamt für Umweltschutz zum Jahreswechsel 2017/18 im Großraum der Stadt. Die SPD im Stadtrat hat das Schreiben zum Anlass genommen zu handeln: Die Verwaltung solle prüfen, ob die Altstadt zur böllerfreien Zone erklärt werden kann, sagte Fraktionschef Eric Eigendorf. Auch die Ausweitung von Schutzzonen über bestehende Regelungen hinaus auf das Umfeld etwa von Hospizen und Tierheimen solle geprüft werden. Zusätzlich schlägt die SPD ein zentrales Stadtfeuerwerk vor.

Landes-Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) unterstützt den Vorstoß: „Die Feinstaubbelastungen in den Silvesternächten sind immer extrem hoch“, sagte sie. Dreckige Luft aber sei gesundheitsgefährdend. „Deshalb halte ich es für sinnvoll, die private Böllerei in den Städten zu verbieten und stattdessen ein großes zentrales Feuerwerk anzubieten.“ Beispiele, dass dieses Vorgehen akzeptiert wird, gebe es genug, etwa mit der französischen Hauptstadt Paris. Böllerverbote sind in Sachsen-Anhalt Sache der Städte. Tatsächlich gibt es schon jetzt vielfach Einschränkungen – wenn meist auch nicht wegen der Luftreinhaltung.

Laut Bundessprengstoffgesetz darf im Umkreis von 100 Metern um Kirchen, Krankenhäuser, Kinder- und Altersheime sowie brandgefährdete Gebäude nicht geknallt werden. Wernigerode hat wegen seines feuergefährdeten Fachwerkensembles 2009 ein Böllerverbot in der Altstadt erlassen. Ein ähnliches Verbot gilt in der Welterbestadt Quedlinburg.

Andere Städte sind liberaler. In Stendal hat es zwar Bürgervorstöße zu Verboten gegeben, sagte ein Rathaussprecher. Aktuell gilt wegen einer feuergefährdeten Scheune in der Nähe aber nur ein Verbot für das Dorfgemeinschaftshaus im Ortsteil Staffelde.

In Magdeburg gibt es keine Pläne für weitergehende Einschränkungen. Die Stadt sieht die Zuständigkeit für Einschränkungen beim Landesamt für Umweltschutz. In Halle liegt der Vorstoß der SPD jetzt im Umweltausschuss. Fraktionschef Eigendorf hofft auf Wiedervorlage im Stadtrat – vor Silvester.