Luckau l Natürlich war es eine Schnappsidee, rund 1400 Kilometer mit dem Auto von Ostfriesland bis nach Monte Carlo zu fahren – nur um einmal Boris Becker zu sehen. Und es war keineswegs sicher, dass mein Bruder und ich den Tennisstar tatsächlich treffen würden, als wir in jenen Tagen des Sommers 1989 an die französische Südküste aufbrachen.

Boris Becker stand im Zenit seines Könnens. Der 22-Jährige hatte wenige Wochen zuvor zum dritten Mal das Turnier von Wimbledon gewonnen. Einige Wochen später gewann der damals noch westdeutsche Tennisstar die US Open.

Irgendwo müssen wir es gelesen haben, dass Boris Becker sich an seinem Wohnsitz in der Wahlheimat des Fürstentums Monaco aufhielt und auf das Turnier in New York vorbereitete. Wir übernachteten in einem Zelt im benachbarten Italien, weil wir uns nichts anderes leisten konnten. Unser Plan war es, zum Monte Carlo Country Club zu fahren, wo wir vermuteten, dass Becker dort trainieren würde. Als wir dort ankamen, kam der Tennisprofi geradewegs mit seinem australischen Trainer Bob Brett vom Trainingsgelände. Sie liefen uns quasi direkt in die Arme. Vor lauter Aufregung kriegten wir fast kein Wort heraus. Becker zeigte sich locker. Gab uns Autogramme und stellte sich für ein Foto parat.

Bilder

Die Fahrt hatte sich gelohnt, außerdem blieb uns hämisches Gelächter erspart. Dies hätte sicherlich gedroht, wenn wir erfolglos von der verrückten Spritztour zurückgekehrt wären. Die Sache mit dem Beweisfoto sollte sich aber schwierig gestalten, denn wie der dumme Zufall es wollte, waren bereits 23 Bilder des 24er-Films verknipst worden, als wir auf Boris Becker getroffen waren. Ohne es zu begreifen, spannten wir den Film immer weiter und fotografierten so mehrere Bilder übereinander. Im Bild links bin ich deutlich zu erkennen, die rechte Bildhälfte mit Boris Becker verschwamm zu einer Collage. Ich hätte am liebsten den Küchentisch bei uns zu Hause zerlegt, als ich die Fotos aus dem Fotoladen abgeholt hatte und immer wieder das fotografische Missgeschick betrachtete.

In der Lausitz auf der Suche nach Zeitzeugen

Boris Becker war der Held meiner Jugend, ich sah mir so oft es ging seine Spiele im Fernsehen an. Das vermasselte Foto war ein kleines Drama. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich wieder auf die persönlichen Spuren des Tennisstars stieß. Zwischenzeitlich hatte ich ihn mehrfach live bei Turnieren gesehen, unter anderem 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona.

Im Jahre 2001 trat ich meine journalistische Ausbildung bei der „Lausitzer Rundschau“ (LR) an und es verschlug mich als Volontär ins brandenburgische Luckau. Dort erfuhr ich alsbald vom sagenumwobenen Besuch Boris Beckers im September des Jahres 1989, also kurz vor dem Mauerfall. Er war seinerzeit mit der Hamburgerin Karen Schulz zusammen, deren Großeltern in Liebsdorf in der DDR lebten.

Wie sich herausstellte, waren die Luckauer Redaktionsräume, in denen ich saß, ursprünglich die Polizeistation gewesen. Boris Becker hatte sich also 1989 genau dort polizeilich melden müssen, wo ich später saß. Mich faszinierte das und ich begab mich auf Zeitzeugensuche. Der historische Besuch Boris Beckers war nur wenige Wochen später erfolgt, nachdem mein Bruder und ich ihm in Monte Carlo aufgelauert hatten.

Ganz offensichtlich hat sich Becker auch in Luckau und Liebsdorf ganz entspannt gezeigt. Es gibt mehrere Fotos, wo Becker sich von Fans umringt fotografieren ließ. Der damalige Volkskorrespondent Klaus Ratajczak machte welche auf dem Marktplatz in Luckau. Er gab sie mir, ein Zeitdokument.

Sogar zwei Interviews sind seinerzeit entstanden. Meine LR-Kollegin Maiken Kriese war als Erste vor Ort. „Ich war zu einer Reportage zur Kartoffelernte in einer LPG bei Luckau unterwegs, als ich davon hörte“, sagt die heute 55-jährige Journalistin. Der Vorsitzende der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) berichtete darüber, dass Boris Becker in Liebsdorf bei Verwandten seiner Freundin sei. „Der Mann kannte die Familie und begleitete mich zu dem Spontan-Interview“, erzählt Kriese. Er sei der Türöffner gewesen.

Auf dem Hof habe der VW-Cabrio gestanden. Becker habe dann bereitwillig auf ihre Fragen geantwortet. „Ich war zwar sportinteressiert, aber völlig unvorbereitet“, sagt Kriese. Nicht mal ein Diktiergerät habe sie dabeigehabt. Nur den Kollegen Bernd Choritz, der ein paar Fotos machte. „Ich habe heute noch das Bild vor Augen, wie Boris Becker in Badelatschen über die Dorfstraße lief“, erzählt die Journalistin. Auf einem Blatt Papier ließ sie dann den Tennisstar auch noch einen Gruß an die Leser der Lausitzer Rundschau schreiben. „Wir hatten immer samstags die Rubrik ,Prominententreff‘ im Blatt, da veröffentlichen wir immer einen solchen Gruß“, sagt Kriese. Die Rubrik und die Idee zum unterschreiben seien ihr im Gespräch mit Becker eingefallen.

Als sie nach dem Interview im rund 70 Kilometer entfernten Haupthaus der Zeitung in Cottbus wieder zurück war, da war die Kunde von der Sensationsbegegnung längst dort eingetroffen. „Ich musste gleich zum Parteisekretär“, sagt Kriese. Der Mann habe dann nur gefragt: „Bist Du Dir sicher, dass das der richtige Boris Becker war?“ Das Interview erschien dann ein paar Tage später in der Sonnabendsausgabe der Zeitung.

Auch die Stasi wurde bestens informiert

Die Cottbuser Lokaljournalistin blieb aber nicht die Einzige, die Becker in dieser knappen Woche seines Besuchs in der DDR interviewte. Auch zwei Journalisten der FDJ-Zeitung „Junge Welt“, der mit rund 1,5 Millionen Exemplaren auflagenstärksten Zeitung der DDR, schafften dies. Die beiden Redakteure Manfred Hönel und Peter Bethge hatten von der Sache Wind bekommen und fuhren am 20. September 1989 von Berlin aus ebenfalls in das kleine Örtchen Liebsdorf.

Hönel, der später auch für die „Bild“-Zeitung arbeitete, verfasste nicht nur ein ausführliches Interview, sondern einige Tage später auch als IM einen Bericht für die Staatssicherheit. „Vor dem Wohnhaus der Familie xxx hatten sich circa 200 meist jugendliche Personen aus dem Kreis Luckau versammelt“, heißt es in dem Bericht. Während des Interviews habe es ständig Zwischenrufe gegeben: „Boris, gib diesen roten Kommunistenschweinen kein Interview“ und „Lass Dich nicht mit den Kommunisten ein“, habe es geheißen. Zweimal habe er das Interview abbrechen müssen, um die Leute zu beruhigen, schrieb IM Harro.

Obwohl die DDR-Medien ansonsten fast gar nicht über den Tennisstar aus dem Westen berichteten, so erfreute Boris Becker sich ganz offensichtlich auch in der DDR großer Beliebtheit. Seine Matches wurden im Westfernsehen verfolgt.

Auch ich schaffte es Jahre später, ein Interview mit ihm zu führen. Als Boris Becker 2003 im amerikanischen Newport in die Hall of Fame des Tennissportes aufgenommen wurde, da berichtete ich als freier Journalist für den Berliner „Tagesspiegel“ über das Ereignis. Dummerweise versäumte ich es, ihn nach seinem Besuch in Luckau zu fragen.

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