Magdeburg l Im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt liegt die Mittagsruhe in der Luft. Die Sonne scheint, das Tor zum ehemaligen Schulgelände steht offen. An der Mauer hängt ein kleines silbernes Firmenschild mit dem Schriftzug „Infinite Devices“. Vor dem Backsteingebäude parken wenige Autos. Vor dem Gebäude steht eine Gruppe, aus der hin und wieder Gelächter kommt. Hier also hat das Unternehmen seinen Sitz, für das Professor Marko Sarstedt ins kalte Wasser der Selbstständigkeit gesprungen ist. Der Wirtschaftswissenschaftler der Magdeburger Universität sitzt in einem hellen Raum, in dem es noch frisch nach Farbe riecht.

Ein erster schneller Rundum-Blick bestätigt gängige Vorstellungen von einem jungen IT-Startup. Rechner surren, auf Bildschirmen bewegen sich Zahlenkolonnen, schnelle Finger gleiten über Tastaturen. In der Küche nebenan unterhalten sich zwei junge Frauen auf Englisch. Marko Sarstedt klappt seinen Laptop zu, holt Kaffee, scherzt kurz mit den Frauen darüber, „dass der Automat so seine Bedürfnisse hat“, empfiehlt lachend die deutschen Vokabeln „bitte Trester leeren“ in den Sprachgebrauch aufzunehmen.

Brückenschlag zur Unternehmensbasis

Den Kaffee lässt er unter freiem Himmel im Innenhof dampfen, als er erklärt, warum er seinen gut gefüllten Terminkalender nun zusätzlich mit Geschäftsführer-Stunden füllt. Seit 2012 ist der gebürtige Gummersbacher Hochschulprofessor für Marketing an der Magdeburger Universität, beschäftigt sich mit Datenanalysen, erforscht das Konsumverhalten. Er ist viel unterwegs, hält Vorträge auf internationalem Parkett, seit Jahren gehört Marko Sarstedt weltweit zu den einflussreichsten Ökonomen und steht weit oben auf den Listen anerkannter Top-Wissenschaftler. Was er bisher nicht hatte, war eine Brücke, die aus dem akademischen Umfeld direkt an die Unternehmensbasis führt. „Ich bin neugierig, will schon lange selbst erleben, wie es ist, ein Startup aufzubauen“, sagt er, „allein um zu sehen, wie es ist, die Dinge umzusetzen, die ich sonst theoretisch vermittle.“ Allerdings wäre es bisher schwierig gewesen, als Forscher in ein Unternehmen einzusteigen. Zudem mangelte es bisher an einer erfolgsversprechenden Geschäftsidee und geeigneten Partnern. „Dann fügte sich plötzlich vieles wie von selbst zusammen“, sagt der 41-Jährige.

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Er lernt zufällig Bruno Kramm kennen. Ein Tausendsassa mit 30 Jahren Erfahrungen in der Musikbranche, im IT-Bereich und in der Politik, der vor Enthusiasmus sprüht, als er davon spricht, dass sein alter Freund, der einst bei Größen wie „Google“ und „E.ON“ gearbeitet hat, damit beginnt, eine Plattform für das „Internet der Dinge“ zu entwickeln.

Ein weiterer Umstand begünstigt den Schritt des Ökonomen: Durch die Novellierung des Hochschulgesetzes wird auch die Ausgründung oder Beteiligung von Hochschul-Angehörigen erleichtert. „Das war eine Chance, die sich spontan ergeben hat. Ich musste mich fragen, ob sie es wert ist, Zeit und Energie reinzustecken. Für mich ist sie das“, sagt Marko Sarstedt. Darum wagt er den Schritt, steigt in die Startup-Vorbereitungen ein. „Um an Kapital zu kommen, mussten wir einen wirklich guten Business- und Marketingplan aufstellen“, erinnert er sich. Dafür übersetzt der Marketingfachmann technische Details, arbeitet die Vorteile des Produkts heraus – macht all das, was er Studenten und anderen Startups sonst beibringt. Er sagt: „Am schwierigsten war, alles kritisch zu hinterfragen. Kann es funktionieren? Ist der Bedarf wirklich da?“

Programmierer aus aller Welt

Die Antworten des Gründer-Teams überzeugen: Gemeinsam mit einem privaten Investor unterstützt die „bmp Ventures AG“ das Startup mit 1,3 Millionen Euro aus den IBG-Fonds der Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt. „Als wir erstmal angefangen haben, ging alles sehr schnell“, sagt Marko Sarstedt. Das Gründerteam, zu dem auch seine Frau Alexandra gehört, bezieht in Magdeburg die großen Räume, holt aus Rumänien, Indien, Belarus und Pakistan Programmierer, die in der Szene als „Goldstaub“ gelten. Sie entwickeln „Infinimesh“, die Plattform, mit der die Gründer von Magdeburg aus das „Internet der Dinge“ (IoT, englisch: „Internet of Things“) verändern wollen.

Für Laien ist es schwer vorstellbar, was sich dort tut. Es geht um Sensoren, Vernetzung, unvorstellbare Datenmengen. Fahrzeuge, Maschinen, Alltagsgeräte verknüpfen sich miteinander, werden intelligent. Marko Sarstedt erklärt es so: „Ein Auto kann Geräten vermelden, dass es sich dem Haus nähert. Das Licht springt an, die Heizung fährt hoch, warmes Wasser wird in die Badewanne eingelassen. Oder der Kühlschrank meldet dem Lieferdienst im Supermarkt, dass Lebensmittel fehlen.“ Die Geräte kommunizieren über eine Plattform. „Dort setzen wir an“, sagt Sarstedt, „mit der Entwicklung, alles zu digitalisieren, was digitalisiert werden kann, explodieren die Datenmengen förmlich. Man braucht viel Speicherkapazität, Instrumente für die Nutzung der Daten und vor allem Sicherheit.“ Gerade das sei jedoch oft nicht gewährleistet. „Momentan wird der Markt von US-Unternehmen wie Amazon und Google dominiert“, erklärt der Hochschul-Professor. Das sei für viele Kunden in Europa problematisch, „weil die Daten nicht in Deutschland sind, sondern in den USA, die US-Regierung hat über ein Gesetz theoretisch unbeschränkten Zugriff“.

Auf der neuen Plattform des Magdeburger Unternehmens wird Sicherheit großgeschrieben, sie ist an die europäischen Datenschutzregeln geknüpft, läuft unabhängig von US-Anbietern. Darum könne es gut sein, meint Marko Sarstedt, dass dem Magdeburger Start-up „bald die Bude eingerannt wird“. Dazu käme, dass die Corona-Krise in Deutschland den Nachholbedarf bei der Digitalisierung offenbare. Nach dem ersten Schock seien jetzt aber „viele Unternehmen bereit, etwas zu tun“. Den Schwung der Digitalisierung nutzen bei „Infinite Devices“ – was übersetzt übrigens „unendliche Geräte“ bedeutet – derzeit vor allem Unternehmen aus dem „Facility Management“. Der Marketingprofessor nennt ein Beispiel: „Veranstalter wollen nicht mehr umständlich mit Strichlisten ermitteln, wie viele Menschen die Halle betreten. Über die Plattform zählen Sensoren automatisch, senden Daten und geben das Signal, wenn die Besucher-Höchstzahl erreicht ist.“

Traum von digitalem Campus

Hinter den Datenkolonnen auf den Rechnern in der alten Schule verbergen sich viele weitere Möglichkeiten, wie analoge Abläufe digitalisiert werden können. Das bekannter zu machen, gehört zu den Aufgaben von Marko Sarstedt. Die akademische Lehre, Forschung und Selbstverwaltung hätten jedoch weiterhin oberste Priorität, sagt er. Und: Sein Unternehmer-Engagement sei „richtigerweise durch die gesetzlichen Regelungen zeitlich eingeschränkt“. Die praktischen Erfahrungen als Unternehmer nimmt er mit in seine Seminare zu IoT-Themen. In umgekehrter Richtung lotst er Studenten mit frischen Ideen ins Unternehmen, wo die Gründer in großem Maßstab denken.

Sie wollen Gleichgesinnte nach Magdeburg holen. Firmen sollen sich in ihrer Nähe ansiedeln. „Wenn dann noch Forschungsinstitute dazu kommen, wird unser Traum vom Digital-Campus wahr“, sagt Sarstedt. Solche Visionen und das Arbeitsumfeld, ohne Stechuhr, mit Unternehmensbeteiligungen und regelmäßigen Firmen-Events, sollen weitere Spezialisten zu „Infinite Devices“ locken. Läuft alles nach Plan, werden in vier Jahren 40 Fachkräfte an der Weiterentwicklung und Vermarktung der IoT-Plattform arbeiten. Mit der Ruhe ist es dann wohl vorbei auf dem alten Schulgelände in Neue Neustadt.