Magdeburg/Möckern l 17 Uhr. Mario Wasmund ist früh dran. Er zieht auf dem Rastplatz Ihlegrund an der A 2 den Zündschlüssel ab und schlüpft in seine Hausschuhe. Feierabend. Der Lkw-Fahrer hat sich seinen Parkplatz für heute Nacht bewusst früh gesichert. „Erfahrungswerte“, nennt er das. „In einer halben Stunde kann es hier schon brechend voll sein. Dann geht das chaotische Gesuche los“, sagt der 49-Jährige.

Das Chaos in Zahlen: Bundesweit gibt es an Autobahnen in Deutschland 10 000 Stellplätze zu wenig. In Sachsen-Anhalt fehlen nach Schätzungen des Landesverkehrministeriums mindestens 700 Stellplätze. Die Folge: Unter der Woche startet auf den meisten Parkplätzen spätestens ab 18 Uhr das große Gerangel. Das Autobahnrevier Börde – zuständig für die A 2, A 14 und A 36 – verzeichnet eine steigende Zahl von Unfällen auf Parkplätzen. 2017 gab es 217, im vergangenen Jahr 232 Unfälle.

In der Mehrzahl sind das kleinere Unfälle beim Rangieren. Doch dann gibt es auch die Fahrer, die zum Ende ihrer Lenkzeit auf einen Parkplatz einbiegen und keine freie Lücke mehr erwischen. Die parken zunehmend „wild“ – und nehmen sowohl empfindliche Strafen als auch schwere Unfälle in Kauf.

Bilder

Verband kritisiert Belastung für Lkw-Fahrer

Wenn die parkenden Kolonnen bis in die Einfahrt reichen, droht Lebensgefahr für einbiegende Autos und andere Berufskraftfahrer. Zwei Beispiele: Vor anderthalb Jahren verunglückt der Fahrer eines Kleintransporters tödlich, als er bei Querfurt einen Parkplatz an der A 38 ansteuern will. In der Auffahrt war er auf einen parkenden Lkw geprallt. Im Juli vergangenen Jahres ein weiterer Horrorcrash: Ein Lkw mit Sattelzug will auf den überfüllten Rasthof Börde-Nord an der A 2 einbiegen. Dabei rammt er einem Schwerlasttransporter fast ungebremst ins Heck. Der mit Bauteilen einer Windkraftanlage beladene Truck wird auf zwei Autos gedrückt, das Fahrerhaus wird zerquetscht. Der Fahrer stirbt.

Für Fahrer Mario Wasmund eine Horrorvorstellung, auch deshalb schaut er sich lieber frühzeitig nach Parkplätzen um. Er gibt zu: Auch er hat schon mal in einer Auffahrt geparkt, weil er nirgendwo einen Stellplatz ergattern konnte. „Manchmal geht es nicht mehr anders. Die Politik muss endlich mal was machen“, findet der Trucker. Vor allem brauche es mehr größere Parkplätze.

Das findet auch Tobias Hinze, Geschäftsführer des Landesverbands des Verkehrsgewerbes Sachsen-Anhalt (LVSA). Er sieht in den fehlenden Parkplätzen eine „enorme Belastung für die Fahrer“. Der LVSA schätzt die Zahl der fehlenden Plätze für Lkw auf doppelt so hoch wie das Verkehrsministerium. „Wir fordern 1400 Lkw-Stellflächen“, sagt Hinze. Auch für den ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt birgt der Parkplatz-Mangel ein ex- tremes „Risiko für alle Verkehrsteilnehmer“. Der Automobilclub fordert den schnellen Ausbau der Stellplatz-Kapazitäten, auch auf den autobahnnahen Autohöfen. Auch dort ist die Auslastung schon hoch.

„An vier von fünf Tagen sind die Autohöfe in Sachsen-Anhalt nahezu komplett ausgelastet“, sagt der Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Autohöfe, Alexander Quabach. Das Landesverkehrsministerium bastelt schon länger an Lösungen für das Problem. An der A 14 südlich von Magdeburg wurde kürzlich ein neuer Parkplatz mit 89 Plätzen fertig. Bis 2022 sollen rund 270 zusätzliche Parkstände entstehen. Geld dafür gibt es vom Bund. Problem: Die Planungsverfahren dauern mitunter mehrere Jahre, weil etwa Anwohner oder Naturschutzverbände Einspruch einlegen.

Mario Wasmund beobachtet unterdessen aus seinem Truck heraus, wie sich der Parkplatz Ihlegrund immer weiter füllt. Kurz nach 18 Uhr sind die Flächen bis auf den letzten Platz belegt, die Zufahrten sind heute zumindest noch nicht zugeparkt. Einer der ankommenden Trucker geht leer aus, er fährt unter Kopfschütteln direkt weiter zur Ausfahrt.

Übermüdung führt zu Unfällen

Ein anderer rangiert haarscharf an den parkenden Lkw, um einen Platz auf deren Rückseite zu ergattern. Er kommt aus Hennigsdorf (bei Berlin) – und möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er freut sich, dass er „auf den letzten Drücker“ noch einen Parkplatz gefunden hat. Für das Stellplatz-Problem sind seiner Ansicht nach auch die Speditionen verantwortlich. Nur wenige Chefs finanzieren das Parken auf einem Bezahlparkplatz. Zehn Euro oder mehr aus eigener Tasche – die will kaum einer zahlen, sagt der 62-Jährige. Dann lieber nach den Gratis-Stellplätzen Ausschau halten und sich bestmöglich mit der Situation arrangieren.

Ein polnischer Berufskollege pflichtet ihm bei. „Viel zu wenige Parkplätze – das ist Stress“, sagt Michael Lenarcik. Der 38-Jährige arbeitet für eine Spedition aus Kremmen (Brandenburg). Mit seinem Arbeitgeber hat er es gut getroffen, findet er. Die Branche insgesamt werde allerdings immer härter. Lenarcik kann über das Wochenende nach Hause fahren. Viele seiner Landsleute seien wochenlang auf Achse. Übermüdung, Zeitdruck: Die meisten Fahrer überlegen es sich zweimal, ob sie eine Stunde vor dem Ende der Lenkzeit mit der Parkplatzsuche beginnen.

Fest steht: Die Suche schlaucht – und trägt ihren Teil zur Überlastung der Fahrer bei. Auf allen Autobahnen des Landes gab es im vergangenen Jahr 4506 Unfälle. Der ADAC vermutet, dass ein großer Anteil von Lkw-Unfällen auf Übermüdung und Unkonzentriertheit der Fahrer zurückzuführen ist.

Kolonnenparken und andere Ansätze

Was lässt sich in Zukunft tun? Der Anteil der Lastwagen an der Transportleistung im Güterverkehr in Deutschland ist unverändert hoch – bei über 70 Prozent. Für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist die Verlagerung von Verkehren von der Straße auf die Schiene ein erklärtes Ziel. Doch die Umsetzung dieses „Masterplans Schienengüterverkehr“ kommt nicht voran. Auch der ADAC erwartet, dass der Straßengüterverkehr tendenziell noch wachsen wird. Weil das Schaffen von Parkplätzen zu lang dauert, fordert der ADAC zusätzliche Maßnahmen. Ein Ansatz: Die verbesserte Nutzung von Rastanlagen durch sogenanntes Kolonnenparken.

Auf einem Parkplatz an der A3 in Rheinland-Pfalz wird das Prinzip schon erprobt. Lkw, die ankommen, werden je nach Abfahrtszeit und Größe so hintereinander postiert, dass die doppelte Zahl an Fahrzeugen auf die gleiche Fläche passt. „Hier sehen wir noch großes Potenzial“, sagt ADAC-Sprecherin Alexandra Kruse. Zudem sollten Lkw zukünftig in der Nacht Pkw-Stellplätze nutzen dürfen. Noch ist das Zukunftsmusik.

Vielleicht sind es in Zukunft auch vermehrt private Investoren, die Abhilfe schaffen. In Vockerode (Landkreis Wittenberg) soll ein bayerischer Investor an einem Konzept für einen Mega-Parkplatz für Lkw schrauben. Nach einem MDR-Bericht könnten unweit der A 9 350 Parkplätze, ein Motel und eine Tankstelle auf einem ehemaligen Industrieareal entstehen. Die Investitionssumme liege bei etwa zehn Millionen Euro.

Für Lkw-Fahrer Mario Wasmund ist die Parkplatzsuche heute kein Thema mehr. Er will bald in der Koje seines Führerhauses verschwinden. Morgen geht es früh auf die Straße. Nach neun Stunden Lenkzeit will er am Abend frühzeitig seinen Parkplatz sichern. Und den Kampf um die letzten Stellplätze gelassen beobachten.

Das Problem des Stellplatz-Mangels muss so schnell wie möglich gelöst werden, meint der Autor.