Magdeburg l Seine vier Kanten sind gerade einmal zehn Zentimeter lang. Nur durch die ebenfalls kleine, dafür aber auffällig glänzende Messingplatte fällt er auf, dieser Stein. Im besten Fall geraten dann beim Blick nach unten kurz die eigenen Gedanken ins Straucheln. Und das ist gut so. Genau das soll der Stolperstein bewirken. Das Ehrenmal steht für das Einzelschicksal. Es erinnert an Menschen, die in Zeiten des Nationalsozialismus deportiert, gefoltert und ermordet worden sind. An Juden, Homosexuelle, Behinderte, Sinti und Roma und Menschen, die den Mut hatten, sich gegen den Nationalsozialismus aufzulehnen. Auch, wenn das den eigenen Tod bedeutete.

Ins KZ nach Polen verschleppt

Auch Bernd Flörke war einer dieser Mutigen. Der gelernte Steingutdreher wurde 1942 ins Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek (Polen) deportiert. Sein Enkel Peter Harbauer will ihm nun die Ehre erweisen, in der Magdeburger Straße in Haldensleben, dem letzten Wohnort Flörkes, einen Stolperstein zu verlegen. In knapp zwei Wochen, am 19. Februar, ist es endlich so weit. „Es ist eine Anerkennung für seine damaligen Handlungen“, sagt Harbauer. „Dafür, dass er den Mut hatte, zu widersprechen.“

Flörke war ein „optimistischer Mensch, der immer viele Leidenschaften hatte“, sagt Harbauer. Der 62-Jährige hat seinen Großvater nie persönlich getroffen, kennt ihn nur aus Erzählungen seiner Mutter und Großmutter. Flörke war begeisterter Turner, Geschäftsmann und Musiker. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg, nahm an den Schlachten in Verdun und Donaumont teil. Und der Familienvater war auch einer, der sich öffentlich gegen die Handlungen und Einstellungen der Nationalsozialisten auflehnte.

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So wurde Flörke 1942 von der Frau eines Polizeibeamten denunziert und ins KZ nach Lublin-Majdanek deportiert. „Viele vergessen immer, dass das auch eine schwere Zeit für seine Familie war“, sagt Harbauer. So musste Flörkes Frau das Geschäft allein weiterführen und war als Frau eines KZ-Häftlings gebrandmarkt.

Das alles weiß Harbauer, weil er eigene Recherchen angestellt hat. Mitte 2018 begann er im Landesarchiv Sachsen-Anhalt nach der Geschichte seines Großvaters zu suchen. Mit Erfolg.

Ein aufwendiger, aber eben auch notwendiger Schritt, um dann einen Antrag auf Verlegung eines Stolpersteins zu stellen. Den reichte Harbauer bei der Stadt Haldensleben ein. „Wenn der Antrag eingegangen ist, muss der Verlegung per Stadtratsbeschluss zugestimmt werden“, erklärt Astrid Seifert, Leiterin der Kulturabteilung in Haldensleben.

Gründliche Recherche ist Voraussetzung

Mit dem Ehrenmal für Flörke sind es dann drei Stolpersteine in Haldensleben, in ganz Sachsen-Anhalt wurden mittlerweile mehr als 1500 Stolpersteine verlegt. Was kaum einer weiß: Hinter jedem Stein verbergen sich viele Stunden Recherchearbeit. So gibt es in Magdeburg eine eigens dafür eingerichtete fünfköpfige Arbeitsgruppe.

Wenn auf Initiative von Einzelpersonen oder Vereinen die Anfrage nach einer Verlegung kommt, schaut die Arbeitsgruppe zunächst in die Vorschlagsliste. Die ist gefüllt mit bereits recherchierten Einzelschicksalen. „Erst, wenn ein Einzelschicksal ordentlich und gründlich recherchiert wurde, kommt es auf die Liste“, sagt Susanne Schweidler von der Arbeitsgruppe. Das sei die Voraussetzung für eine Verlegung. Doch da es immer mehr Stolpersteine auch hier im Land gibt – allein in Magdeburg sind es rund 530 – „wird es natürlich schwieriger, jetzt kommen sozusagen die Problemfälle, zu denen oft nur wenig bekannt ist“, sagt Schweidler. Bisher sei es aber noch nicht vorgekommen, dass eine Stolperstein-Anfrage abgelehnt werden musste. Ausnahme: Wenn Nachfahren einen Stolperstein vehement ablehnen. Einmal gab es so einen Fall. Alternativ wurde dann in der Nähe des Katharinenturms eine Plakette angebracht.

Hürden bei der Recherche kennt auch Joachim Gremmes aus Burg. Auf seine Initiative hin wurden in Burg bisher 34 Stolpersteine verlegt. Gremmes hat noch weitere Namen auf seinem Zettel, „aber es ist schwierig, hier die letzte Anschrift zu ermitteln. Die ist aber entscheidend für die Verlegung“, sagt Gremmes. Seine ersten Quellen bei der Recherche: das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung und das Yad-Vashem-Archiv. „Zwei Personenkreise konnte ich nun nach längerer Recherche noch erschließen“, sagt Gremmes. Eine Verlegung sei hier aber frühestens 2021 möglich.

Denn zu nahezu jeder Verlegung reist der Initiator der Stolpersteine, der Kölner Künstler Gunter Demnig, persönlich an. Doch der Zeitplan ist eng. „Wir haben manchmal schon Probleme, Termine zu finden, da er einfach so viel unterwegs ist“, sagt Schweidler. Mittlerweile beschäftigt Demnig ein eigenes Büro, das die Routen des Künstlers quer durch Europa plant. Erst Ende 2019 verlegte er in Memmingen den 75 000. Stolperstein (Bayern). Auch die Volksstimme hat vergeblich versucht, den beschäftigten Künstler zu kontaktieren.

Die Schul-AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Gardelegen gibt hingegen gern Auskunft zur eigenen Arbeit. Seit mittlerweile sieben Jahren treffen sich wöchentlich Schüler, um über das jüdische Leben in der Hansestadt zu sprechen, Einzelschicksale zu recherchieren und neue Aktionen zu planen. 41 Stolpersteine wurden auf Initiative der AG bereits verlegt, vier sind noch geplant. „Dann haben wir das Leben der jüdischen Familien in Gardelegen erst einmal erschlossen“, sagt Leiterin Andrea Müller, die die Gruppe zusammen mit Nadja Müller leitet.

Das Interesse an der Arbeit der Schul-AG wird deshalb aber nicht kleiner. Haben sich am Anfang acht Schüler engagiert, zählt die Arbeitsgruppe jetzt 29 Mitglieder. „Wir mussten jetzt sogar erst einmal einen Stopp machen, da es sonst zu viele werden“, sagt Müller. Das Gymnasium in der Altmark sieht die Stolpersteine vor allem als ideale Möglichkeit, Jugendliche für die Geschichte und das Schicksal der Juden in Zeiten des Nationalsozialismus zu sensibilisieren. „Es geht immer um das Schicksal eines individuellen Menschen. Das berührt und bewegt auch die Schüler viel intensiver“, sagt Müller. Wie auch in Magdeburg im Rahmen der jährlichen Meile der Demokratie, führt die AG regelmäßig Putzaktionen für die Stolpersteine durch.

Doch es gibt auch Kritiker. Allen voran Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens, äußert sich immer wieder rkitisch zu dem Projekt von Demnig.

„Die Positionierung der Gedenksteine im Pflaster eines Trottoirs ist mindestens unglücklich, schlimmstenfalls aber ein Ausdruck von Geringschätzung für die Opfer und jedenfalls ein für würdiges Gedenken vollkommen ungeeigneter Rahmen“, sagte Knobloch gegenüber der Volksstimme. „Zwischen sprießendem Löwenzahn, Hundedreck, ausgekippten Eiskugeln und unter den Flip-Flops vorbeieilender Passanten ist ein Innehalten kaum möglich. Das erwünschte würdige Gedenken erscheint mir so kaum möglich.“

Landesweites Austauschportal via App?

Wolfgang Schneiß, Sachsen-Anhalts Antisemitismus-Beauftragter, kann die Kritik nicht nachvollziehen. Er spricht von einer „genialen Idee, weil sie so einfach und anschaulich ist“. Die Stolperstein-Initiativen seien ein wichtiger Beitrag gegen neu anwachsenden Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jedweder Art. Kurzum: für Zivilcourage. Schneiß glaubt aber auch, dass es noch mehr Hilfe für die Stolperstein-Initiatoren im Land geben könnte, entweder „durch einen gegenseitigen Erfahrungsaustausch, historisch-politische Bildungsangebote, vielleicht sogar durch ein landesweites Austauschportal wie eine App“.