Volksstimme: Herr Tietje, kurz nach Ihrer Wahl zum Rektor der Martin-Luther-Universität haben Sie gesagt, Halle sei eine der schönsten Städte Deutschlands. Es mache Spaß, dort zu arbeiten. Das müssen Sie uns erklären ...
Christian Tietje (lacht): Das stimmt ja auch. Aber, im Ernst: Halle ist eine tolle Stadt und die Uni Halle hat zum einen schöne Gebäude, zum anderen eine überschaubare Größe. Und: Wer in Halle studiert, entscheidet sich bewusst dafür, weil wir tolle Studienbedingungen bieten. Insgesamt kommt inzwischen weit mehr als die Hälfte der Studenten aus dem Westen.

Nun ist aber sicher nicht alles eitel Sonnenschein, wo sehen Sie Herausforderungen?
Die größte ist die Diskrepanz zwischen unseren Aufgaben und unserer Ausstattung. Wir bekommen Geld für 13.000 Studenten, bilden aber 20.000 aus. Wir brauchen stärkere finanzielle Unterstützung vom Land.

Wie soll die aussehen?
Wir hoffen und erwarten, dass wir künftig eine vollständige Kompensation für die jährlichen Tarifsteigerungen unserer Mitarbeiter und außerdem einen Inflationsausgleich bekommen. Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Institute haben solche Regelungen schon lange.

Bleiben wir bei den Aufgaben: Die Uni Halle als die Lehrerschmiede im Land hat zuletzt nur die Hälfte des Bedarfs an Lehrern ausgebildet. Dann hat die Politik reagiert. Zum Wintersemester sollen statt 700 nun erstmals 800 Erstsemester im Lehramt starten. Steht die Finanzierung hier?
Die 800 Plätze werden kommen, das machen wir aus Überzeugung. Zusätzliche Ressourcen dafür sind zugesagt und teilweise auch schon zugewiesen worden. Das Problem ist, dass die Mittel befristet sind, wir aber unbefristete Stellen brauchen. Ich bin trotzdem optimistisch, dass wir hier mit dem Land einen Kompromiss finden werden.

Die Zahl 800 ist nicht unumstritten. Auch weil bislang nur gut 60 Prozent der Lehrämtler ihr Studium durchziehen, hatte eine Expertenkommission 1200 Plätze empfohlen ...
Mit 800 Plätzen sind wir sowohl räumlich als auch personell an der Grenze unserer Kapazität. Wir können die Studenten ja nicht in Vorlesungen mit 1000 Leuten setzen. Hinzu kommt: Lehramtsstudenten brauchen während des Studiums auch Praktikumsplätze an Schulen im ganzen Land. Auch die Schulen haben diese Kapazität nicht.

Damit 800 Plätze reichen, müssten aber statt aktuell gut 60 Prozent wenigstens 70 Prozent ihr Studium erfolgreich beenden. Ist das realistisch?'
Studienabbruch hat viele Gründe. Man darf aber optimistisch sein, weil die Jobaussichten im Lehramt sehr viel besser geworden sind. Fest steht allerdings auch: Die Studienabbruchquote ist umso geringer, je besser der Betreuungsschlüssel zwischen Lehrenden und Studierenden ist. Die Rahmenbedingungen müssen also stimmen. Die Verantwortung dafür liegt auch beim Land.

In Magdeburg mehren sich Stimmen, zumindest Teile der Lehramtsausbildung zurück an die Elbe zu holen. Mit den Fächern Mathe und Physik für Sekundarschulen und Gymnasien passiert das derzeit auch. Ein Problem für die Martin-Luther-Universität?
Wir sind ausgesprochen skeptisch, was solche Doppelstrukturen angeht. Mit der Hochschulreform 2004 haben wir eine klare Profilabgrenzung zwischen den Unis geschaffen. Das war richtig. Ansätze, das Lehramt jetzt wieder stärker in Magdeburg ansiedeln zu wollen, würden zu einer Verwässerung der Profile führen. Beide Universitäten würden Schaden nehmen.

Die Uni Halle verbindet eine mehr als 20-jährige Partnerschaft mit den Nachbarunis in Leipzig und Jena. Warum gibt es ähnlich enge Verbindungen eigentlich nicht ins benachbarte Magdeburg?
In der Tat spielt der Universitätsbund mit Jena und Leipzig eine große Rolle für uns. Über die Partnerschaft haben wir viele Drittmittel eingeworben, zum Beispiel für das herausragende Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, das wir gemeinsam betreiben und das eines der vier DFG-Forschungszentren ist. Gleichzeitig ist es nicht so, dass wir nicht mit Magdeburg kooperieren würden, aber da gibt es, wie gesagt, die klare fachliche Profilabgrenzung zwischen den beiden Universitäten. Außerdem liegt insbesondere Leipzig geografisch sehr nahe.

Die Uni Halle ist mit 20.000 Studenten mit Abstand die größte Hochschule im Land. Nun ebben die geburtenstarken Jahrgänge aber langsam ab. Stellen Sie sich langfristig auf sinkende Studentenzahlen aus dem Inland ein?
Nein, wir erwarten wie auch die Kultusministerkonferenz bis in die 2030er Jahre hinein stabile Zahlen. Anderslautende Prognosen muss man als Versuch von Finanzpolitikern bewerten, den Unis Mittel kürzen zu können. Sie haben sich auch früher nicht bewahrheitet.

Nach den Vorfällen in Chemnitz und Köthen erlebt das Land eine aufgeheizte Debatte über die Flüchtlingspolitik und Fremdenfeindlichkeit. Die Diskussion findet zunehmend nur noch innerhalb der politischen Lager statt. Welche Rolle kann eine Uni mit großen geisteswissenschaftlichen Fakultäten in einer solchen Situation spielen?
Eine Universität wie unsere trägt fundamental zur gesellschaftlichen Stabilität einer Stadt bei. Sie eröffnet den gesellschaftlichen Diskurs und eröffnet die Möglichkeit, mit gesellschaftlichen Fragen differenziert und verantwortungsvoll umzugehen. Das ist gerade in Krisenzeiten wichtig. Ein zunehmendes Problem ist doch die Komplexität, die von vielen Menschen nicht mehr durchdrungen wird. Hier hilft nur Bildung den Menschen dabei, diese Komplexität zu reduzieren. Und das betrifft nicht nur die Geisteswissenschaften.