Mangelsdorf l Dirk Freudenhagen geht auf die Pferdekoppel und pfeift. Wie ein paar junge Hunde kommen seine Stuten und ihre Fohlen angerannt. Sie wissen: Jetzt geht es in den Stall und im Stall gibt es Futter.„Man kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich hier jemanden zwingen muss“, murmelt Dirk Freudenhagen und muss lachen, während seine Tiere nun vorneweg laufen und eins nach dem anderen hineingehen. Zwei bis drei Stunden bleiben sie jeden Tag im Stall, bevor die Stuten am Abend gemolken werden. Die Fohlen und ihre Mütter stehen dann getrennt. „Das ist wie ein Kindergarten. Die Mütter genießen es sichtlich, mal ihre Ruhe zu haben“, erklärt er.

Die Pause ist notwendig, denn „die Fohlen saufen jede halbe Stunde die Euter leer.“ 20 bis 22 Liter Milch produziert eine Stute am Tag. Wenn der Bauer davon 1,5 Liter haben will, muss er die Jungtiere eine Weile fernhalten. „Das fällt gar nicht auf. Ich bin wie der kleine Zwilling, der sich auch ein bisschen nimmt“, sagt er. Etwa 40 Stutenmilchhöfe gibt es in Deutschland. Freudenhagen betreibt nach eigener Aussage den einzigen in Sachsen-Anhalt.

Durch Neurodermitis zur Stutenmilch

Im kleinen Mangelsdorf in der Nähe von Jerichow bleiben die Fohlen etwa ein dreiviertel Jahr lang bei ihren Müttern, so dass diese gemolken werden können. Danach werden die Jungtiere verkauft. „Sie bekommen ein schönes Zuhause, das ist mir wichtig“, sagt Dirk Freudenhagen. Die Namen der Kleinen kann er sich aber oft gar nicht merken: Die werden immer schon von den zukünftigen Besitzern vergeben. Und im nächsten Jahr haben die Stuten ja schon wieder ein neues Fohlen.

Bilder

Ganz in der Nähe des Stalls befindet sich sein Wohnhaus. In der Wartezeit schenkt er einen Kaffee ein und will seine Geschichte erzählen. Dabei ist er gar kein großer Redner. Was soll er auch erzählen? Was soll schon wichtig an ihm sein? Ein einfacher Mann, ein Hengst und eine Herde aus 18 Stuten. Einmal am Tag wird gemolken. Das ist es im Grunde, sein Leben. „Ich wollte schon immer etwas mit Tieren machen“, erinnert er sich. „Aber ich bin so tierlieb ... Ich weiß, ich könnte kein Tier schlachten.“

Es muss wohl 2004 oder 2005 gewesen sein, als er auf der Berliner Messe „Grüne Woche“ das erste Mal mit Stutenmilch zu tun hatte. Damals war der gelernte Maurer Mitte 30, arbeitslos, und suchte nach Ideen für einen neuen Beruf. Seiner Mutter, die an einer schlimmen Neurodermitis litt, kaufte er Stutenmilch. Das solle helfen, hatte er sich sagen lassen. Der Mutter ging es schnell besser, doch Freudenhagen fand in der Region keine Bezugsquelle für weitere Milch. Also kaufte er sich selbst fünf tragende Stuten und dachte, er probiert mal sein Glück.

Der 47-Jährige stellt ein Trinkglas voll kühler Milch auf den Tisch und hebt auffordernd die Augenbrauen. Er verkauft seine Stutenmilch nach ganz Deutschland, versendet sie tiefgefroren in einer Styroporbox. Eine Packung mit 250 Millilitern stellt eine Tagesration dar. Doch am liebsten hat er es, wenn die Leute anrufen und direkt zu ihm nach Mangelsdorf auf den Hof kommen. Dann können sie nämlich gleich probieren und herausfinden, ob es wirklich etwas für sie ist.

Der Geschmack ist eigen: süßlich, wässriger als Kuhmilch. Es erinnert sehr an den Geschmack von menschlicher Muttermilch – und dieser ist sie in ihrer Zusammensetzung auch sehr ähnlich. Die Hälfte der Milch aus dem Trinkglas landet im Kaffee – da fällt der ungewohnte Geschmack nicht auf. Nicole Fribus kommt mit an den Tisch, gefolgt von zwei Hunden. Sie ist die Lebensgefährtin von Dirk Freudenhagen und zugleich seine beste Kundin. . Tagsüber arbeitet sie in einer Besamungsstation für Eber, abends hilft sie ihrem Partner. „Ich habe mich direkt an die Quelle gesetzt“, scherzt sie. Es ist viele Jahre her, dass sie auf Stutenmilch aufmerksam geworden ist und über die Milch auf den Mann. Damals war ihre Tochter sehr krank. Nach einem schweren Lungeninfekt, einem Aufenthalt in der Klinik, der nur noch mehr Probleme brachte, und jeder Menge Antibiotika kam das Mädchen einfach nicht mehr auf einen grünen Zweig. „Ihr Immunsystem war kaputt“, erzählt die Mutter. „Sie war eine Woche in der Schule und zwei Wochen krank zu Hause. Außerdem bekam sie Schuppenflechte.“ Dirk Freudenhagens Stutenmilchhof in der Nachbarschaft erwies sich als „die heilende Quelle“, an der sich Nicole Fribus bald ganz niederließ. Denn nachdem ihre Tochter gesund wurde, wollte sie die Milch auch selbst probieren. Sie sei nämlich einmal sehr geplagt gewesen von Allergien: von Pollen über Lebensmittel bis hin zu Tierhaaren. Das erzählt sie, während sie die Hunde krault. Im Hintergrund gackern die Hühner. „Ich litt unter Asthma, habe nur noch Cortison geschluckt und bin aufgegangen wie ein Hefekloß. Täglich ein Glas Stutenmilch – das ist bis heute ihre Gewohnheit geblieben. Nach zwei Jahren habe sie kein Cortison mehr benötigt, nach fünf Jahren fühlte sie sich ganz gesund. „Seither bin ich nie mehr krank gewesen“, freut sie sich.

Nach dem Melken wird die Milch eingefroren

Es ist Zeit. Der Bauer setzt die kleine Melkmaschine in den Handwagen und zieht ihn über die Straße, auf die Weiden hinaus und zum Pferdestall. Nicole Fribus und die Hunde begleiten ihn. Auf den Wiesen sitzen zwei Störche. Sie lassen sich nicht stören. Dirk Freudenhagen zieht einen weißen Kittel über und geht in einen abgetrennten Raum. Dort setzt er sich in Kutscherhaltung auf einen Bürostuhl, stellt die Melkmaschine neben sich ab und wartet mit den Schläuchen in der Hand. Seine Freundin öffnet immer wieder den Verschlag mit den Stuten und muss sie gleichzeitig zurückhalten. Schließlich kann immer nur eine nach der anderen zum Melken zu Dirk Freudenhagen kommen. Die Pferdedamen, die fertig sind, entschwinden durch eine zweite Tür ins Freie. Die Tiere haben Feierabend. Dirk Freudenhagen und Nicole Fribus hingegen müssen die Milch heute Abend noch abfüllen und einfrieren. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Was gibt es da schon groß zu erzählen?

Heilkraft

Stutenmilch ist ein altes Naturheilmittel und findet zum Beispiel Anwendung bei Neurodermitis, entzündlichen Darmerkrankungen und Tuberkulose. Sie unterstützt die Wundheilung und vermindert das Risiko für Herzkrankheiten. Stutenmilch ist menschlicher Muttermilch sehr ähnlich, aber weniger fett. 100 Milliliter enthalten so viel Vitamin C wie 100 Gramm Äpfel. Die Omega-3-Fettsäuren sind entzündungshemmend. Die Eiweiße wirken antibakteriell, antiviral und können leichter verdaut werden als Kuhmilch. Die Immunglobuline verbessern die Dickdormflora und das Immunsystem.

Mehr über Stutenmilch unter www.bvds.info