exklusives interview

Tabuthema Rotlicht: Eine Domina aus Sachsen-Anhalt gibt Einblicke in Krisen-Zeiten

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie waren auch in der Sexarbeiterbranche spürbar. Das tabuisierte Berufsfeld rückt allerdings nur selten in den Fokus. Eine Domina berichtet über Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen während der Krise.

Von Linda May van Bui
"Lady Johanna" arbeitet seit fast 20 Jahren als Domina.
"Lady Johanna" arbeitet seit fast 20 Jahren als Domina. Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Magdeburg - Jährlich, am 02. Juni, findet der "Internationale Hurentag" statt. Eine Aktion, um auf die prekären Umstände und die Diskrimminierung einiger Prostituierter und Sexarbeitender hinzuweisen. Die Volksstimme hat diesen Anlass genutzt, um mit einer Frau aus der Branche ins Gespräch zu kommen. Domina "Lady Johanna" lässt das Krisen-Jahr Revue passieren.

"Lady Johanna" - Domina und Mutter aus Sachsen-Anhalt

Unter dem Namen "Lady Johanna" empfängt Johanna Ebeling als klassische Domina ihre Kunden. Latex, Peitschen und Nippelkneifen gehören zu ihrem Alltag. Die 43-jährige, die in Dessau aufgewachsen ist, kam bereits als junge Frau zu ihrem Beruf. "Das hat sich schrittweise entwickelt. Ich hatte damals einen Freund, der war in dem Bereich unterwegs. Wir waren zusammen auf Partys, ich habe neue Leute und Freunde dort kennengelernt und bin tiefer in die Szene eingetaucht", schildert Ebeling.

Weiter sagt sie: "Eine gute Freundin war als Domina tätig und hat mich eines Tages dann mal mitgenommen. Ich fande das spannend. Freies arbeiten, selbstständig und eigenbestimmt - quasi das Hobby zum Beruf machen, das hat mir gefallen." Auch der finanzielle Aspekt kam der damaligen Halle-Studentin natürlich zu Gute. Mit circa 27 Jahren war sie dann selbst eine richtige Domina und ist kurze Zeit später nach Berlin gezogen.

Johanna Ebeling alias "Lady Johanna"
Johanna Ebeling alias "Lady Johanna"
Johanna Ebeling

Die alleinerziehende Mutter ist tatsächlich hauptberuflich als Domina tätig. "Ich kann sehr gut davon leben und auch meinen Kindern etwas bieten, wie zum Beispiel Urlaube", sagt sie. Ihre drei Kinder, von denen zwei bereits erwachsen sind, wissen davon. "Natürlich habe ich es ihnen erst in einem bestimmten Alter gesagt, aber sie wissen es. Ich gehe offen damit um und mache kein Geheimnis draus". 

Ich möchte mich gar nicht verstecken oder verstellen.

Johanna Ebeling

Lehrer und Eltern lässt sie außen vor

In der Schule hält "Lady Johanna" ihren Beruf allerdings diskret. Der Grund: sie habe Angst vor den Auswirkungen auf ihre Tochter. Sie mache es nicht aus Scham, sondern um ihr Kind zu schützen. "(...) und das ist eigentlich das Traurige und zeigt, dass die Gesellschaft noch immer ein Problem damit hat, obwohl es mittlerweile ein legaler Beruf ist. Ich möchte nicht, dass mein Kind in der Schule ausgegrenzt wird. Also werde ich da ruhig sein, obwohl ich in meinem privaten Leben aber sonst total offen damit umgehe. Also es weiß wirklich jeder was ich mache. Und wem es nicht gefällt, der muss ja mit mir nicht kommunizieren", sagt Ebeling.

Man würde stigmatisiert und tabuisiert werden, von den gesellschaftlichen Normen abweichen. Leute wie sie würden dann als "Exot" gelten und seien Gesprächsthema Nummer eins, fügt sie hinzu. Film und Fernsehen sieht die Mutter auch in der Teilschuld. "Es ist immer die Straßenprostituierte mit pinker Perücke, obdachlos und drogensüchtig – dadurch festigt sich das. Das Drumherum hört und liest keiner und trotzdem wird ein Urteil gefällt."

"Lady Johanna" ist Mutter von drei Kindern.
"Lady Johanna" ist Mutter von drei Kindern.
Johanna Ebeling

Wie hat Corona ihre tägliche Arbeit verändert?

Normalerweise klärt Johanna Ebeling mit ihren Kunden die gegenseitigen Wünsche, Vorlieben und Tabus in einem Vorgespräch ab. Danach findet die sogenannte "Session" statt. Im Gegensatz zu Prostituierten, lässt sich die Domina allerdings nicht berühren und bietet auch keinen Geschlechtsverkehr an. Nur der Kunde wird berührt - doch das fiel seit Corona flach. "Ich war zum Glück eine von denjenigen, die einen Teil der staatlichen Hilfe bekommen hat. Um all meine Kosten zu decken, reichte es jedoch nicht. Man hat ja auch einen gewissen Lebensstandard."

Die 43-jährige musste eine Lösung finden, um sich finanziell über Wasser zu halten - wie in vielen Branchen ging das nur über den digitalen Weg. Online Video- oder Fotosessions wurden gebucht, Kurzgeschichten schrieb sie auch. Angenommen wurde dieses Angebot allerdings nur mäßig, sagt sie. Persönliche Begegnungen seien nach wie vor nicht zu ersetzen.

Was haben andere Sexarbeitende erlebt?

Doch nicht alle ihrer Kollegen hatten die Möglichkeit, ihre Leistungen online anzubieten. "Viele Frauen und Männer, gerade aus vulnerablen Gruppen, konnten diese Online-Angebote nicht geben, die haben ja keinen Laptop und teilweise nicht mal eine Unterkunft. Die haben vor der Krise meist in den Bordellen übernachtet – die geschlossen waren oder noch sind."

"Die, die sowieso schon arm dran sind, die fallen durchs Raster und sie trifft es am meisten. Da hat sich der BesD auch eingesetzt, dass sie wenigstens ein Obdach haben und geschützt sind. Sonst wären sie vielleicht noch einem Loverboy zum Opfer gefallen und hätten sich sozial abhängig gemacht", so Ebeling.

Corona-Maßnahmen drängten die Sexarbeit in die Illegalität

Der Lockdown habe die gesamte Branche in die Illegalität gedrängt- die finanzielle Situation dieser Menschen dadurch verschlimmert. "Die Meisten haben einfach keine Hilfen bekommen, obwohl sie steuern zahlen. Sie haben dadurch illegal gearbeitet, zu niedrigen Preisen und auch Praktiken umgesetzt, die sie normalerweise ablehnen würden. Dadurch riskierten Einige ja mitunter auch ihre Gesundheit!", schildert sie.

Viele dieser Prostituierten haben ihre Dienstleistungen dann in den Wohnungen ihrer Kunden angeboten. Gefährlich, findet die Mutter: "Der Erhalt von Prostitutionsstätten ist so wichtig. Es ist ein geschützter Arbeitsbereich, man hat einen Notknopf und kann Hilfe erwarten - in der Illegalität nicht mehr." Auch der Austausch unter den Frauen gehe verloren. Ebeling beschreibt es als ein solidarisches Miteinander, auch um vor Kunden und Örtlichkeiten zu warnen.

Sexarbeitende machen auf sich Aufmerksam.
Sexarbeitende machen auf sich Aufmerksam.
Wolfgang Kumm dpa

Organisationen und Vereine wollen helfen - auch in Sachsen-Anhalt

Vielerorts wird sich für die Interessen und prekären Situationen der Sexarbeitenden eingesetzt. Das tut auch der BesD e.V. (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen). Prostituierte, Dominas, Striperinnen oder Erotik-Masseure finden dort Unterstützung. "Lady Johanna" ist selbst Mitglied und im Pressebereich tätig. Der Verband habe als Corona-Unterstützung einen Nothilfefond ins Leben gerufen, sagt sie, um Sexarbeitenden zu helfen und den finanziellen Druck, während der Pandemie arbeiten zu "müssen", rauszunehmen

Auch in Sachsen-Anhalt finden Personen, die in der Sexarbeiterbranche arbeiten, Hilfsangebote. Die AWO-Beratungsstelle "Magdalena" steht bei Themen wie Gesundheit, aktuelle Verordnungslagen, mögliche Rückreisen in Herkunftsländer, Quarantänebestimmungen oder Sozialleistungen an deren Seite.

Susan Hager, "Magdalena"-Mitarbeiterin, erklärt auf Anfrage der Volksstimme: "Viele haben keine Rücklagen, um für längere Zeiträume Miete, Kranken- und Rentenversicherung zu zahlen oder Essen zu kaufen." Auch fehlende Internetzugänge, Sprachkenntnisse, oder extreme wirtschaftliche Not würden die Zugänge zu Hilfen erschweren.

Das wünscht sich die Branche von Gesellschaft und Politik

Auch, wenn Sexarbeitende in einigen Bundesländern nun wieder ihre Arbeit aufnehmen dürfen, sei das nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, laut den Interessenvertretern. Gleichbehandlung, Sichtbarkeit, Schutz und Gehör seien die größten Wünsche. Auch mehr Beratungsmöglichkeiten und die Unterstützung für Ausstieg oder Umschulung seien wichtig, ebenso die Gesundheitsversorgung. "Viele sind nicht krankenversichert, vor allem Migranten ohne Meldeadresse oder Wohnungslose", so Ebeling.