internationaler hurentag

Tabuthema Rotlicht: Lady Johanna aus Sachsen-Anhalt über ihr Leben als Domina

Rotlicht - ein Thema, über das in der Öffentlichkeit meist geschwiegen wird, aber dennoch so viele offene Fragen hinterlässt. Die vergangene Pandemiezeit war auch für Sexarbeitende eine große Herausforderung. "Lady Johanna" aus Sachsen-Anhalt über ihr Leben als Domina - auch während der Krisen-Zeit.

Von Linda May van Bui Aktualisiert: 02.06.2022, 11:57
"Lady Johanna" arbeitet seit fast 20 Jahren als Domina.
"Lady Johanna" arbeitet seit fast 20 Jahren als Domina. Foto: privat/ Johanna Ebeling

Magdeburg - Jährlich, am 02. Juni, findet der "Internationale Hurentag" statt. Eine Aktion, um auf die prekären Umstände und die Diskrimminierung einiger Prostituierter und Sexarbeitender hinzuweisen. Auch der Beruf der Domina fällt in diese Branche. "Lady Johanna" arbeitet als solche. Die Sachsen-Anhalterin erklärt, welche Herausforderungen das Leben als Domina mit sich bringt - vor allem während der vergangenen zwei Jahre.

"Lady Johanna" - Domina und Mutter aus Sachsen-Anhalt

Unter dem Namen "Lady Johanna" empfängt Johanna Ebeling als klassische Domina ihre Kunden. Latex, Peitschen und Nippelkneifen gehören zu ihrem Alltag. Die 43-Jährige, die in Dessau aufgewachsen ist, kam bereits als junge Frau zu ihrem Beruf. "Das hat sich schrittweise entwickelt. Ich hatte damals einen Freund, der war in dem Bereich unterwegs. Wir waren zusammen auf Partys, ich habe neue Leute und Freunde dort kennengelernt und bin tiefer in die Szene eingetaucht", schildert Ebeling.

Weiter sagt sie: "Eine gute Freundin war als Domina tätig und hat mich eines Tages dann mal mitgenommen. Ich fande das spannend. Freies Arbeiten, selbstständig und eigenbestimmt - quasi das Hobby zum Beruf machen, das hat mir gefallen." Auch der finanzielle Aspekt kam der damaligen Halle-Studentin zu Gute. Mit circa 27 Jahren war sie dann selbst eine Domina und ist kurze Zeit später nach Berlin gezogen.

Johanna Ebeling alias "Lady Johanna"
Johanna Ebeling alias "Lady Johanna"
Foto: privat/Johanna Ebeling

Die alleinerziehende Mutter ist tatsächlich hauptberuflich als Domina tätig. "Ich kann sehr gut davon leben und auch meinen Kindern etwas bieten, wie zum Beispiel Urlaube", sagt sie. Ihre drei Kinder, von denen zwei bereits erwachsen sind, wissen davon. "Natürlich habe ich es ihnen erst in einem bestimmten Alter gesagt, aber sie wissen es. Ich gehe offen damit um und mache kein Geheimnis draus". 

Ich möchte mich gar nicht verstecken oder verstellen.

Johanna Ebeling

Was ist eine Domina?

Vielen stellt sich die Frage: Was ist überhaupt eine Domina? Wo liegt die Abgrenzung zur Prostituierten? Zunächst: Eine Domina ist keine Prostituierte. Sie bietet ihren Kunden keinen Geschlechtsverkehr an. Eher sind es sexuelle Rollenspiele, die zu ihrer Dienstleistung gehören. Die zahlenden Kunden kommen zu ihr, um ihre Fantasien der Unterwerfung auszuleben, wobei sich diese der Domina unterordnet.

Diese Unterordnung wird in der Regel auch durch Schmerzen verbunden, die sich der Kunde von der Domina zuführen lässt. Die Domina ist "Herrin" und er der "Sklave". Der Kunde hat zu tun, was diese anordnet. Meist schwarze oder dunkle Kleidung, Latex, Lack und Leder sowie Peitschen, Fesseln und weitere Sex-Spielzeuge kommen dabei zum Einsatz. Diese Praktiken sind auch unter BDSM bekannt.

BDSM: Was bedeutet das?

Die Abkürzung kommt von den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen "Bondage and Discipline", "Dominance and Submission", "Sadism and Masochism". Auf deutsch übersetzt bedeuten diese Begriffe Knechtschaft, Disziplin, Dominanz, Untwerfung, Sadismus und Masochsimus.

"Lady Johanna" - Lehrer und Eltern lässt sie außen vor

In der Schule hält "Lady Johanna" ihren Beruf allerdings diskret. Der Grund: Sie habe Angst vor den Auswirkungen auf ihre Tochter. Sie mache es nicht aus Scham, sondern um ihr Kind zu schützen. "(...) und das ist eigentlich das Traurige und zeigt, dass die Gesellschaft noch immer ein Problem damit hat, obwohl es mittlerweile ein legaler Beruf ist. Ich möchte nicht, dass mein Kind in der Schule ausgegrenzt wird. Also werde ich da ruhig sein, obwohl ich in meinem privaten Leben aber sonst total offen damit umgehe. Also es weiß wirklich jeder was ich mache. Und wem es nicht gefällt, der muss ja mit mir nicht kommunizieren", sagt Ebeling.

Man würde stigmatisiert und tabuisiert werden, von den gesellschaftlichen Normen abweichen. Leute wie sie würden dann als "Exot" gelten und seien Gesprächsthema Nummer eins, fügt sie hinzu. Film und Fernsehen sieht die Mutter auch in der Teilschuld. "Es ist immer die Straßenprostituierte mit pinker Perücke, obdachlos und drogensüchtig – dadurch festigt sich das. Das Drumherum hört und liest keiner und trotzdem wird ein Urteil gefällt."

"Lady Johanna" ist Mutter von drei Kindern.
"Lady Johanna" ist Mutter von drei Kindern.
Foto: privat/Johanna Ebeling

Wie hatte Corona ihre tägliche Arbeit verändert?

Normalerweise klärt Johanna Ebeling mit ihren Kunden die gegenseitigen Wünsche, Vorlieben und Tabus in einem Vorgespräch ab. Danach findet die sogenannte "Session" statt. Im Gegensatz zu Prostituierten lässt sich die Domina allerdings nicht berühren und bietet auch keinen Geschlechtsverkehr an. Nur der Kunde wird berührt - doch das fiel während Corona flach. "Ich war zum Glück eine von denjenigen, die einen Teil der staatlichen Hilfe bekommen hat. Um all meine Kosten zu decken, reichte es jedoch nicht. Man hat ja auch einen gewissen Lebensstandard."

Die 43-Jährige musste eine Lösung finden, um sich finanziell über Wasser zu halten - wie in vielen Branchen ging das nur über den digitalen Weg. Online Video- oder Fotosessions wurden gebucht, Kurzgeschichten schrieb sie auch. Angenommen wurde dieses Angebot allerdings nur mäßig, sagt sie. Persönliche Begegnungen seien damals nach wie vor nicht zu ersetzen gewesen.

Was haben andere Sexarbeitende erlebt?

Doch nicht alle ihrer Kolleginnen hatten die Möglichkeit, ihre Leistungen online anzubieten. "Viele Frauen und Männer, gerade aus vulnerablen Gruppen, konnten diese Online-Angebote nicht geben, die haben ja keinen Laptop und teilweise nicht mal eine Unterkunft. Die haben vor der Krise meist in den Bordellen übernachtet – die geschlossen waren oder noch sind."

"Die, die sowieso schon arm dran sind, die fallen durchs Raster und sie trifft es am meisten. Da hat sich der BesD (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen) auch eingesetzt, dass sie wenigstens ein Obdach haben und geschützt sind. Sonst wären sie vielleicht noch einem Loverboy zum Opfer gefallen und hätten sich sozial abhängig gemacht", so Ebeling.

Corona-Maßnahmen drängten die Sexarbeit in die Illegalität

Die Phasen des Lockdowns haben die gesamte Branche in die Illegalität gedrängt- die finanzielle Situation dieser Menschen sei dadurch verschlimmert worden. "Die Meisten haben einfach keine Hilfen bekommen, obwohl sie Steuern zahlen. Sie haben dadurch illegal gearbeitet, zu niedrigen Preisen und auch Praktiken umgesetzt, die sie normalerweise ablehnen würden. Dadurch riskierten einige ja mitunter auch ihre Gesundheit!", schildert sie.

Viele dieser Prostituierten haben ihre Dienstleistungen dann in den Wohnungen ihrer Kunden angeboten. Gefährlich, findet die Mutter: "Der Erhalt von Prostitutionsstätten ist so wichtig. Es ist ein geschützter Arbeitsbereich, man hat einen Notknopf und kann Hilfe erwarten - in der Illegalität nicht mehr." Auch der Austausch unter den Frauen gehe verloren. Ebeling beschreibt es als ein solidarisches Miteinander, auch um vor Kunden und Örtlichkeiten zu warnen.

Sexarbeitende machen auf sich Aufmerksam.
Sexarbeitende machen auf sich Aufmerksam.
Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Organisationen und Vereine wollen helfen - auch in Sachsen-Anhalt

Vielerorts wird sich für die Interessen und prekären Situationen der Sexarbeitenden eingesetzt. Das tut auch der BesD e.V. (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen). Prostituierte, Dominas, Striperinnen oder Erotik-Masseure finden dort Unterstützung. "Lady Johanna" ist selbst Mitglied und im Pressebereich tätig. Der Verband habe 2021 als Corona-Unterstützung einen Nothilfefond ins Leben gerufen, sagt sie, um Sexarbeitenden zu helfen und den finanziellen Druck, während der Pandemie arbeiten zu "müssen", rauszunehmen

Auch in Sachsen-Anhalt finden Personen, die in der Sexarbeiterbranche arbeiten, Hilfsangebote. Die AWO-Beratungsstelle "Magdalena" steht bei Themen wie Gesundheit, aktuelle Verordnungslagen, mögliche Rückreisen in Herkunftsländer, Quarantänebestimmungen oder Sozialleistungen an deren Seite.

Susan Hager, "Magdalena"-Mitarbeiterin, erklärt auf Anfrage: "Viele haben keine Rücklagen, um für längere Zeiträume Miete, Kranken- und Rentenversicherung zu zahlen oder Essen zu kaufen." Auch fehlende Internetzugänge, Sprachkenntnisse oder extreme wirtschaftliche Not würden die Zugänge zu Hilfen erschweren.

Das wünscht sich die Branche von Gesellschaft und Politik

Gleichbehandlung, Sichtbarkeit, Schutz und Gehör: Das seien die größten Wünsche der Interessenvertreter. Auch mehr Beratungsmöglichkeiten und die Unterstützung bei einem Ausstieg oder für Umschulung seien wichtig, ebenso die Gesundheitsversorgung. "Viele sind nicht krankenversichert, vor allem Migranten ohne Meldeadresse oder Wohnungslose", so Ebeling.

Am 2. Juni, dem Internationalen Hurentag, zieht es zahlreiche Prostituierte und Sexarbeitende auf die Straßen, um mehr Mitspracherecht bei der Gestaltung von Gesetzen zu erhalten, die ihre Branche betreffen. Gefordert wird ein sogenannte Runder Tisch. Der Verband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) teilte mit, dass Sexarbeitenden bis heute die Möglichkeit verwehrt wird, Regelungen für ihre Branche mitzugestalten. Der diesjährige Hurentag stehe deshalb unter dem Motto "Redet mit statt über uns".

Ist Prostitution in Deutschland legal?

Auch, wenn dieses Gewerbe zunächst einen verruchten, zwielichtigen Anschein für viele Menschen macht, so ist Prostitution in Deutschland legal. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist Prostitution allerdings nur legal, "wenn sie freiwillig und von volljährigen Personen ausgeübt wird. Aber erst seit der Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 gilt sie nicht mehr als sittenwidrig."

Während der harten Corona-Lockdowns war es Sexarbeitenden nicht gestattet ihre Berufe weiter auszuführen, denn auch sie fallen in die Branche der "körpernahen Dienstleistungen". Nach dem monatelangen Arbeitsverbot können Prostituierte jedoch mittlerweile wieder ihre Dienste regulär anbieten. Das Tragen von medizinischen Masken (OP- oder FFP2-Masken) wird jedoch weiterhin, auch während der Erbringung der sexuellen Dienstleistung, empfohlen.