Magdeburg l „2013, beim großen Elbe-Hochwasser, saßen wir hier in Frohse wie auf einer Insel“, erinnert sich Diplom-Braumeister Stefan Henning. „Im Wasser trieben eine Menge Sachen vorbei. Ich habe damals schon in kleinen Mengen Bier gebraut und habe einen eingängigen Namen dafür gesucht. Ein Freund von mir zeigte auf die Elbe und schlug vor: Nenn das Bier doch einfach Treibgut.“ Natürlich habe der Namensgeber seitdem eine Flatrate bei ihm, schmunzelt der 38-Jährige.

Aber dass er einmal eine kleine Brauerei betreiben würde, war in seinem Lebensplan lange Zeit gar nicht vorgesehen. Nach dem Abi am Hegelgymnasium in Magdeburg leistete er Zivildienst im Obdachlosenheim. „Mit Blick zurück kann ich sagen, dass das ein gute Vorbereitung auf den Umgang mit Alkohol war“, sagt er.

Dann begann Henning ein Maschinenbaustudium an der Otto-von-Guericke-Universität. „Das war nicht so das Richtige für mich. In den Mathevorlesungen bin ich grundsätzlich eingeschlafen.“ Er schmiss das Studium.

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Der Zufall begegnete ihm wenig später in Gestalt eines ehemaligen Zivildienstkumpels. „Er hat mich gefragt, ob ich nicht ein Praktikum in der Colbitzer Brauerei machen möchte. Das interessierte mich. Und bei dieser Arbeit bekam ich mit, was Bier für ein cooles Produkt ist, und bei mir ging die Flamme an.“

Talent erkannt

Die Braumeisterin erkannte das Bierbrauer-Talent, das in Henning schlummerte, und bestärkte ihn darin, dieses Talent zum Beruf zu machen. Der Mann aus dem Schönebecker Ortsteil Frohse lernte das Fach zweieinhalb Jahre von der Pike auf. Doch damit nicht genug, als Brauer und Mälzer meldete er sich zum Studium an. „Ich wäre am liebsten nach München gegangen, aber da waren eine Wohnung nicht erschwinglich, deshalb studierte ich in Berlin.“

2011 hielt er sein Diplom in den Händen und in ihm reifte der Gedanke, eigenes Bier zu brauen.

Teile einer ehemaligen Fleischerei und eines alten Bierlagers von „Klausbräu“ unter den Türmen der evangelischen Kirche in Frohse wurden 2018 zur Produktionsstätte der Elbbrauerei. Der Anspruch des Bierhandwerkers: „Nicht der Kasten für 4,99 Euro, sondern etwas Besonderes“.

Regionale Biere legen zu

Ende des vergangenen Jahres gab es 24 Brauereien in Sachsen-Anhalt, weiß Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauerbundes. Und er ist sich sicher: „Was 2020 weiterwachsen wird, ist die Zahl der Brauereien in Deutschland und die Zahl der Biermarken, die sich der 7000er Schwelle nähert.“ Dabei würden regionale Spezialitäten stark zulegen.

Und das kann Henning nur bestätigen. „Immer mehr ,eigentlich Nichtbiertrinker‘ erkennen, dass Bier nicht gleich Bier ist. Genauso wie ein gutes besonderes Stück Fleisch vom Fleischer, das man in Maßen genießt, ist es mit dem Bier. Mein Bräu wird nicht aus der Flasche hinuntergestürzt, es wird mit Bedacht aus einem Glas getrunken, denn die Nase trinkt mit.“

Seine Kunden schätzten das Handwerk und nicht die Konfektion von der Stange, sagt der Mann, der jährlich etwa 70 000 Liter – rund 467 Badewannen voll– Bier braut und über Werksverkauf, eine örtliche Bäckerei mit drei Filialen und einen Getränkefeinkostladen in Magdeburg vertreibt. Auch Supermärkte stünden vor seiner Tür. „Aber deren Preispolitik und Umgang mit Produzenten passt mir nicht.“

Eine Lieblingssorte habe er nicht, sagt der Brauspezialist. „Es kommt immer auf den Anlass und die Speisen an.“

Der Kunde kann wählen zwischen „Frohses Hell“, einer Kombination zwischen bayerisch Hell und Export, mild gehopft, „Frohses Doppelkopf“ (entstand mit Blick auf eine Kartenspielrunde), doppelt gehopft mit herberem Charakter, „Frohses Elbröwer“, bernsteinfarben mit Karamellmalz und „feiner Rauchnote, sehr gut zu Gegrilltem und ,Schwarzer Reuter‘“, mild gehopft und wie alle der Biere mit wenig Kohlensäure.

„Das ‚Reuter‘ hat allerdings nicht mit Ernst Reuter, dem ehemaligen OB von Berlin, zu tun oder dem niederdeutschen Dichter Fritz Reuter. Reuter gleich Reiter – hier gab es mal einen Reitplatz.“ Und auch zum Maibock „Frohser Emil“ kann Henning eine Geschichte erzählen. „Die Kneipe ,Tante Linda‘ hatte einen kapitalen Ziegenbock. Er hat nicht nur einen Wagen gezogen, er war auch Deckbock für viele Generationen – und der hieß ,Emil‘.“

Azubi verkostet

Brauer Robert Kellermann schleppt eine 24er Bierkiste aus der Kühlung. Obwohl es draußen noch „tachhell“ ist, heißt das Bier „Stockdunkel“. „Aber keine Bange“, sagt der Biermixer, ,Tachhell‘ habe ich auch.“

Diese beiden Sorten, dazu das „Chinook Lager“ gehören zu den Bieren, die der Magdeburger im Buckauer Engpass ständig braut. Letzterer Name ist indianischen Ursprungs und geht auf den Chinook-Hopfen zurück, der im US-Staat Washington angebaut wird. Ähnlich wie bei seinem Frohser Kollegen, den er sehr schätzt, entstammt die Idee, Bierbrauer zu werden, einem Zufall – oder besser einer „Schnapsidee“. „In einer Getränkefeinkost habe ich im Nebenerwerb beim Schaubrauen mitgemacht, in einem nur knapp 13 Quadratmeter großen Sudhaus. Bei einem Brauerseminar in Berlin habe ich 2009, mit nicht mehr ganz klarem Kopf, meinen Kumpels gesagt: Ich werde Brauer.“ Etwas abseits von dem, was der Zahntechniker bis dato beruflich gemacht hatte.

Der Mann mit der T-Shirt-Aufschrift „Herzblut statt Hektoliter“ lernte drei Jahre auf der Wasserburg Gommern das Handwerk und fand vor fünf Jahren die leerstehenden Räume gegenüber von St. Gertrauden. Im Dezember 2017 brachte er sein erstes Selbstgebrautes an den Kunden. „Es hieß ‚Christian Bale Pale Alé, nach dem US-Schauspieler Bale („Batman Begins“), ein helles, hopfig-frisches Bier. Den Namen hätten sich Freunde ausgedacht und er habe mit dem Schauspieler nichts zu tun. Es sei nur um den eingängigen Klang gegangen. „Ich überlege gerade, ob ich es zum Fünfjährigen noch mal aufleben lasse.“

30 000 Liter Bier verlassen jährlich die Brauerei und die Nachfrage ist groß. „Wir mussten uns im März 2018 schon vergrößern“, sagt der 35-Jährige. „Eigentlich müssten wir das schon wieder tun, aber der Platz ist ausgereizt.“

In einige Sorten von Kellermanns „Gerstenkaltschale“ kommen nicht nur Zutaten, die nach deutschem Reinheitsgebot hineingehören. Und wie er sagt, gibt es darüber auch ständig Diskussionen. Doch das ficht den Brauer nicht an. „Ich experimentiere gerne – und wenn‘s den Kunden schmeckt.“ Da wäre zum Beispiel „Korinthen-Kacker“ auf der Basis von Bockbier mit Rosinen, Karamellnote und fruchtiger Restsüße. Oder „Kokos Pale Ale“, mit „Unmengen von Kokosraspeln“. Der Brauerei schmunzelt: „Solche Biere polarisieren natürlich.“

Warum handgemachte Biere im Trend liegen, weiß er ganz genau: „Besonders die jungen Leute, so Mitte 20, wollen regionale Produkte und machen um Discounter einen Bogen. Immer mehr Menschen wollen wissen, wo der Metzger sein Fleisch herhat und woher die Zutaten zum Bier kommen.“ So gerne er Brauer ist, eine Sache stört ihn sehr: „Zum Brauen gehört nun auch mal das Verkosten. Und manchmal kommt man nicht drum herum, schon am Morgen abzuschmecken. Da stellen sich bei mir die Nackenhaare auf.“ Doch Kellermann hat einen Ausweg: „Ich lasse einfach meinen Auszubildenden verkosten.“