Bei Flut-Bekämpfung packen vor allem Jugendliche spontan mit an

Tausende junge Helfer schippen mit

Magdeburg. Ob in der Stadt oder auf dem Land: überall dort, wo Sandsäcke rar sind oder Deiche zu brechen drohen, sind junge Leute zur Stelle. Manche helfen in der Nachbarschaft, andere in Nachbarorten.

Mit seinem Fahrrad steht Herbert Korbjinski um 8 Uhr am Freitagmorgen auf dem Deich in Barby. "Ich hoffe, das geht gut aus", sagt er stirnrunzelnd. Das Haus des 82-Jährigen steht wie die Grundschule "Am Prinzeßchen" wenige Meter von der braunen Elbbrühe entfernt, die nur noch gut 30 Zentimeter steigen muss, bis sie die Deichkrone überspült. Sein Sohn habe aber schon Sandsäcke herangeschafft, sagt Korbjinski.

Damit Barby nicht in den Fluten versinkt, sammeln sich derweil am Kieswerk mehr als 100 freiwillige Helfer, um Sandsäcke zu füllen. Unter ihnen sind auch Friederike (15), Annika (15) und Benjamin (12). Gemeinsam mit ihrer Mutter Elke Harting schippen sie schon seit 7.30 Uhr Sand in Säcke. "Wir gehen in Magdeburg zur Schule, aber unser Zug fährt wegen des Hochwassers dort nicht mehr hin", erzählt Friederike. Ihnen mache es allerdings Spaß, zu helfen. Dabei wäre die Familie nicht einmal von der Flut betroffen, sie wohnt im acht Kilometer entfernten Gnadau. "Bei den schlimmen Meldungen hat man aber das Gefühl, dass man was tun muss", sagt Elke Harting.

In Schönebeck ist die Lage nicht weniger ernst. Am Elbtor trennen Flut und Innenstadt lediglich Spundwände und Promenadenmauern. Und weil das Wasser durch kleine Ritzen hindurchströmt, lässt die Feuerwehr dort bereits seit 1 Uhr eine Pumpe laufen. Die Mauern entlang der Gefahrenzone haben junge freiwillige Helfer in der vergangenen Nacht mit Sandsäcken verstärkt, fünf von ihnen halten nun auch neun Stunden nach dem Einsatz Wache. "Mein Kumpel wohnt direkt hier im Hinterhaus", erzählt Christian Keller und berichet: "Weil das Wasser nur fünf Zentimeter unter der Mauer stand, haben wir mit 30 Leuten 1000 Säcke aufgehäuft."

Steven Eckhard freut sich über den Einsatz seiner Freunde, ein paar Telefonate hätten genügt, um genug Leute für den Einsatz zu mobilisieren. "Auch die Hilfsbereitschaft der Anwohner ist großartig", betont er und zeigt auf den Tisch mit Getränken und Brötchen.

In Magdeburg hat John Swaton gegen 11 Uhr sein Zelt am zentralen Sandsackfüllplatz in der Virchowstraße aufgeschlagen. Noch am Vortag stand der 23-Jährige im Wissenschaftshafen, doch wegen des dramatischen Anstiegs der Elbe mussten alle Helfer umziehen. Swaton schippt aber nicht mit - er massiert stattdessen erschöpfte Helfer. Von Beruf ist er nämlich Physiotherapeut. "Die Tage stand ich auch auf Deichen, um Sandsäcke zu stapeln - bis mich immer mehr Leute fragten, ob ich sie nicht massieren kann", so Swaton. Nun knetet er Nacken, Schultern und Rücken von Flutbekämpfern durch. "Schon zehn Minuten hier auf meiner Liege tun ihnen gut", meint er.

Und einen Mangel an Kundschaft hat er am Sandsackfüllplatz nicht: 870 freiwillige Helfer haben sich bei der Feuerwehr registrieren lassen, um dort mitzuschippen. Die meisten von ihnen sind Schüler oder Studenten. Sandy Schmied ist zum Beispiel mit ihren Klassenkameraden zum Platz gekommen. "Heute hätten wir eigentlich Unterricht, aber wir haben unsere Lehrer gebeten, uns frei zu geben, damit wir anpacken können", erzählt die 23-Jährige. Zwei Klassen der Berufsbildenden Schule "Eike von Repgow" seien so losgezogen. Ihren Einsatzort wählten sie sich mit Hilfe der sozialen Netzwerke im Internet. "Vor allem bei Facebook haben wir nachgeschaut, wo Leute fehlen", sagt Schmied. Daraufhin seien sie zum Sandsackfüllplatz gekommen.

Wenige Meter von ihnen entfernt sortiert Maria-Sophie Wiebelitz Getränke und Lebensmittel in einem Zelt. "Anwohner und Lebensmittelketten beliefern uns frei Haus", erzählt Mielke, die Hilfsbereitschaft sei enorm. Auch die beiden Studentinnen haben sich über Facebook informiert, wo Helfer rar sind. "Die Tage zuvor standen wir auch auf Deichen in Plötzky und Pretzien und haben Sandsäcke geschleppt." Beide Helferinnen hätten die Tage frei gehabt, doch statt in ihre Heimatorte Stendal und Leitzkau zu fahren, blieben sie.

Nach Biederitz hat es dagegen eine fünfköpfige Clique aus Magdeburg gezogen. "Die brauchten in Magdeburg keinen mehr, da haben wir bei Facebook nachgeschaut und sind hierher gekommen", erzählt Anna-Marie Müller (20). Krankenpfleger Marco Kösling (23) hat sich ihr angeschlossen: "Bei mir wurde ein Ausflug mit der ganzen Station abgesagt, damit alle beim Kampf gegen das Hochwasser mithelfen können." Dass sich ihr Engagement lohnt, bestätigt der auch erst 23-jährige Einsatzleiter Marcel Rudolph. "Mittwoch war hier erstmals Alarm, aber dank der Helfer ist es gelungen, die Deiche zu sichern."

Land unter dagegen in Alt-Lostau: Der Ort liegt im Flutungsgebiet der Elbe, gegen 13 Uhr schaut Dieter Runte vom Deich in Lostau auf die Häuser im Wasser. "Kein Problem", sagt der Kutschfahrer. "Die Tiere aus dem Ort haben wir vorher weggebracht." Und mit dem Wasser komme man zurecht. "Ich bin hier 1958 geboren worden, seitdem habe ich alle Fluten miterlebt", betont Runte. So ist es kein Wunder, dass 30 der 60 hochwassererprobten Einwohner auch weiter in ihren Häusern ausharren. Lediglich die Wasserwehr schaut ab und an mit zwei Booten nach dem Rechten. Klar ist: gegen die Flutung des Ortes hätten wohl auch viele freiwillige Helfer nichts ausrichten können.