Wernigerode l Wer als Tourist mit der Brockenbahn auf den Harzer Gipfel fahren will, erwartet eine Dampflok an der Zugspitze. Doch die fallen immer öfter aus. Deshalb werden seit Wochen planmäßig auch Dieselloks bei der Brockenbahn eingesetzt. Aber auch diese Maschinen der früheren Reichsbahn-Baureihe 110 sind in die Jahre gekommen und störanfällig. Die Folgen summieren sich dieser Tage im negativen Sinne. Das bedeutet Zugausfälle und frustrierte Fahrgäste.

Allein am Montag fielen acht Fahrten von und zum Brocken aus. Am Mittwoch waren es planmäßig vier Ausfälle, ein weiterer Zug blieb mit Lokschaden unterwegs liegen, so HSB-Sprecher Dirk Bahnsen. Daraufhin mussten zahlreiche Gipfelbesucher über Stunden im Brockenbahnhof ausharren, um schließlich mit dem letzten Zug talwärts zu fahren.

Ein Problem, das Kenner der HSB-Szenerie seit Jahren haben kommen sehen: Der Harzer Schmalspurbahn, die mit 140 Kilometern täglich dampfbetriebener Schmalspur-Strecke ein europaweites Alleinstellungsmerkmal vorweisen kann, geht die Puste aus. Die Gründe will Unternehmenssprecher Bahnsen nicht schönreden: Die Loks sind betagt, einige warten teilweise seit Monaten oder gar Jahren mit Schäden auf eine Reparatur. Hinzu kämen Personalprobleme.

Probleme mit Ansage

So war auch die Entscheidung, im Sommerfahrplan erstmals einen Diesel-Zug auf den Brocken zu schicken, aus der Not heraus geboren. Fahrbereite Dampfloks sind knapp, zudem sind auf Dampfmaschinen Lokführer und Heizer nötig, während auf Dieselloks der Ein-Mann-Betrieb möglich ist.

Die Extremsituation in dieser Woche war nach Bahnsens Worten auch Umständen geschuldet, die die HSB-Mitarbeiter kaum beeinflussen können. Havarien seien nun mal nicht planbar. Vorige Woche gab es obendrein einen unfallbedingten Ausfall. Und: Die Beschaffung von Ersatzteilen für die Dampfmaschinen dauert immer länger, weil es sich meist um Einzelanfertigungen handelt.

Bestes Beispiel sind die beiden 1897 und 1898 gebauten Dampfloks der Mallet-Bauart. Sie stehen seit zwei Jahren auf dem Abstellgleis und warten auf neue Antriebskurbeln. „Diese Maschinen sind besondere Aushängeschilder für die HSB. Wir wünschen uns nichts mehr, als dass sie wieder fahren können. Es ist allerdings fraglich, ob das 2020 gelingt.“ Auch bei den in den 1950er Jahren gebauten Neubau-Dampfloks sieht es düster aus. Die HSB verfügen über 17 Maschinen – allein vier seien aktuell einsetzbar. „Die fünfte wurde vorige Woche bei der Kollision mit einem Lkw schwer beschädigt. Unsere Mechaniker arbeiten mit Hochdruck an der Reparatur – allerdings kann die Maschine frühestens kommende Woche wieder in den Einsatz.“

Neun Monate Durchsicht

Dass so viele Dampfloks auf dem Abstellgleis stehen müssen, hat nach Bahnsens Worten zwei Gründe: Die Reparaturen und routinemäßigen Hauptuntersuchungen – viele können nur im Dampflokwerk Meinigen erfolgen – dauern immer länger. „Mitte der 1990er Jahre hat eine Hauptuntersuchung, die alle acht Jahre fällig ist, im Schnitt drei Monate gedauert und rund 250.000 Mark gekostet. Heute sind neun Monate und bis zu eine Million Euro keine Seltenheit.“

Daher kämpft die HSB seit 2012 um einen logistischen Befreiungsschlag. Eine neue, gläserne Lokwerkstatt mit Besucherplattform soll her, um mehr Reparaturen in Eigenregie und letztlich kostengünstiger zu erledigen. Sieben Jahre später ist ein Etappenziel erreicht. Im Oktober erfolgt der erste Spatenstich für das 10,5-Millionen-Euro-Projekt, das die HSB finanziell selbst schultert. 2022 soll der Werkstattbetrieb planmäßig laufen.

Allerdings gibt es auch hier einige Fragezeichen. In den HSB-Werkstätten läuft der Generationenwechsel, gute Nachwuchskräfte zu finden, ist mehr denn je eine Frage der Löhne. Weil die HSB im branchenweiten Vergleich hinterherhinkt, hat das Land der Bahn in diesem Jahr 1,5 Millionen Euro mehr gegeben, um das Lohnniveau anzuheben. Was längst noch nicht reicht, wie Dirk Bahnsen durchblicken lässt. „Wir streben an, in zwei Jahren das branchenübliche Niveau zu erreichen.“

Soll heißen: Perspektivisch sind mehr Zuschüsse für die HSB, die auf einen Kostendeckungsgrad von maximal 60 Prozent kommt, nötig. In diesem Jahr buttert das Land 9,5 Millionen Euro zu. Gespräche mit Sachsen-Anhalt und Thüringen, um die Zuschüsse zu erhöhen, laufen bereits, so Bahnsen.