Oberharz: Streit um trockene Totholz-Wüste

Seit zwei Jahren schlagen die Feuerwehren rund um den Brocken Alarm. Trockenes Totholz wird von ihnen als tickende Zeitbombe angesehen. Der Nationalpark Harz und das Umweltministerium bestreiten dies. Die Volksstimme hat zwei Kreisbrandmeister aus Wernigerode und Goslar ins Krisengebiet begleitet.

19.06.2021, 05:15
Die  Schierker Feuerwehr  bei einem simulierten Löschangriff im Nationalpark Harz. Die 1200 Liter des Fahrzeugs reichen nur wenige Minuten.
Die Schierker Feuerwehr bei einem simulierten Löschangriff im Nationalpark Harz. Die 1200 Liter des Fahrzeugs reichen nur wenige Minuten. Foto: Matthias Fricke

Magdeburg - Als in dieser Woche Schierkes Ortswehrleiter Ronny Schuck mit seinen Kameraden und einem weiteren Löschfahrzeug aus Wernigerode zum Bahnparallelweg bei Drei Annen Hohne ausrückt, haben viele im Fahrzeug kein gutes Gefühl. Die Harzer Schmalspurbahn stellt wegen des gemeldeten Brandes vorsichtshalber kurzzeitig den Betrieb ein. Schuck: „Das Feuer kann sich ganz schnell den Hang hoch entwickeln.“

Auch Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse eilt dazu. Er will sich ohnehin gerade im Nationalpark mit seinem Kollegen aus Goslar treffen und meint: „Das sind solche Situationen, die schnell außer Kontrolle geraten können.“ Gerade in den nächsten Tagen wird die Waldbrandgefahr durch die aktuelle Hitze weiter steigen.

Der Kreisbrandmeister des Harzkreises und Chef des Landesfeuerwehrverbandes sorgt sich vor allem wegen des zunehmenden Totholzes und der steigenden Brandgefahr. Millionen wegen der Borkenkäferinvasion abgestorbene Bäume sind längst abgebrochen oder gefällt. Das trockene Geäst des alten Fichtenbestandes bleibt an Ort und Stelle liegen.

Im Nationalparkgesetz ist es so vorgeschrieben, dass die Natur auf einem Großteil der 25 000 Hektar Fläche unberührt von menschlichem Einfluss belassen werden soll. Die Folge: Unberäumte Totholz-Flächen – so weit das Auge reicht. Es wird als perfekte Brutstätte neuen Lebens angesehen.

Lohse sieht die aktuelle Situation hingegen als potenzielles Pulverfass: „Wir können in solche Gebiete keine Leute schicken, das wäre viel zu gefährlich. Die finden wir nicht wieder, wenn sie in den Holzschichten einbrechen.“ Natürlich werde die Feuerwehr immer eine Lösung suchen, einen Brand zu löschen. Die Gefahr bleibe aber.

Kaum Löschwasser

Sein Kollege Uwe Fricke vom Westharz sieht es für seinen Bereich ähnlich. „Auch wir betreten Totholzflächen aus Sicherheitsgründen nicht mehr“, sagt der 62-Jährige.

Die Niedersachsen wollen wegen des immer knapper werdenden Wassers im Oberharz einen Strategiewechsel vornehmen. Sie schauen sich dabei viel von den Portugiesen und den Franzosen ab. „Wir müssen mit wenig Wassereinsatz so schnell wie möglich eingreifen“, sagt Fricke. Das bedeute: Wendigere Fahrzeuge mit kleinen Schläuchen sollen Entstehungsbrände so schnell wie möglich unterbinden, bevor diese sich ausbreiten. Ein wesentliches Problem im Westharz: Eine Löschwasserentnahme per Hubschrauber ist hier nicht erlaubt. Die Talsperren versorgen rund zwei Millionen Menschen mit Trinkwasser. Ein Unfall hätte schwerwiegende Folgen. So müssen sich die Niedersachsen zum großen Teil auf eine mobile Löschwasserversorgung verlassen. „Das wird aber angesichts der Trockenheit in den Bachläufen immer schwieriger“, so der Kreisbrandmeister aus Goslar.

In Sachsen-Anhalt ist das, zumindest was den Luft-Einsatz betrifft, etwas anders. Lohse: „Wir können zum Glück im Notfall auf Hilfe aus der Luft hoffen.“ Der Polizeihubschrauber aus Magdeburg kann mit seinem Behälter 800 Liter fassen, die Puma-Hubschrauber der Bundespolizei haben 2000 Liter Fassungsvermögen und die der Bundeswehr (CH53) sogar 5000 Liter. Die Kommunen sind laut Lohse allerdings mit dem Problem der Abrechnung überfordert. „Da muss das Land einspringen“, sagt er.

Weil auch im Ostharz wegen der Trockenheit die Wege zum Löschwasser länger werden, haben die Feuerwehren seit vorigem Jahr fünf mobile Wasserbehälter (bis 54 000 Liter Fassungsvermögen) vom Innenministerium erhalten.

„Die sind nicht schlecht, allerdings benötigt man für das Befüllen und den Aufbau Stunden“, so der Kreisbrandmeister. Sie könnten nur im Rahmen einer für längere Zeit aufgebauten Löschwasserstrecke eingesetzt werden. Die geforderten dauerhaft befüllten stationären Behälter im Wald gebe es weiterhin nicht.

Auch das Umweltministerium hat im vergangenen Jahr zwei mobile Faltbehälter mit 5000 Liter Fassungsvermögen für den Oberharz bereitgestellt. Wegen der geringeren Kapazität und des Aussehens nennen die Brandschützer sie auch etwas abschätzig „Planschbecken“.

Mehr Hoffnung legt die Feuerwehr im Oberharz auf eines der insgesamt 14 für das Land Sachsen-Anhalt gekauften, aber noch längst nicht gelieferten Spezial-Tanklöschfahrzeuge für Vegetationsbrände. Diese sind geländegängig und haben einen größeren Löschwassertank. Lohse: „Die erste Auslieferung ist leider erst für September angekündigt.“ Bis dahin dürfte die Waldbrandsaison schon vorbei sein.

Im Oberharz ist nach Angaben des Kreisbrandmeisters ausgerechnet das Brocken-Plateau noch am besten mit Löschwasser versorgt. Dort gibt es mehrere Zisternen und auch einen am Bahnhof stationierten Kesselwagen mit 28 000 Litern Fassungsvermögen. Zusammen mit einem zweiten Kesselwagen mit ähnlichem Fassungsvermögen in Drei Annen Hohne bilden sie die mobile Reserve an der Bahnstrecke zum Brocken. Geht es tiefer in den Wald oder dem, was davon übrig ist, wird es viel problematischer.

Inzwischen geben die Feuerwehrleute aus Schierke vom Brandort an der Bahnstrecke Entwarnung. Etwa zehn Quadratmeter Böschung haben gebrannt und sind gelöscht. Die Bahn kann wieder fahren. „Als ich die Sirene gehört habe, dachte ich mir, dass es wieder losgeht“, empfängt die Ortsbürgermeisterin der 450-Einwohner-Gemeinde Schierke, Christiane Hopstock (CDU), die rückkehrenden Einsatzkräfte. Sie sagt: „Unser Blick geht immer mit großer Sorge in Richtung Wald und Brocken. Die Verbuschung der Totholz-Flächen ist ein zunehmendes Problem für den Brandschutz, haben uns Wissenschaftler gesagt“, berichtet die 53-Jährige.

Sie bezieht sich dabei offensichtlich auch auf die Göttinger Wald-Forscherin Prof. Bettina Kietz, die von „einer größeren Gefahr für katastrophale Waldbrände im Harz“ bereits im Januar vergangenen Jahres sprach. Die ungewöhnlich vielen abgestorbenen Bäume würden wie „Zunder brennen“. Das Totholz stelle in Kombination mit den Vergrasungen und den trockenfallenden Mooren ein optimales Brennmaterial dar.

Land gibt Studie in Auftrag

Der Nationalpark Harz sieht das anders. Sprecher Friedhart Knolle: „Das Totholz ist viel schlechter entflammbar als allgemein angenommen.“ Stärker brandgefährdet seien die reinen Fichtenbestände. „Aber die nimmt uns der Borkenkäfer ja gerade weg“, so Knolle. Und: Fichten seien wiederum weniger brandgefährdet als Kiefern. Die Inhaltsstoffe der Kiefer (Harz und ätherische Öle) seien deutlich entzündlicher. Außerdem brenne auch die Begleitvegetation viel besser, als die, die sich unter Fichten entwickeln würde. Zudem liege der Nadelstreu dichter und brennt schlechter als die locker liegenden Kiefernnadeln.

Im Nationalpark seien alle kleineren Brände „ausschließlich touristisch ausgelöst“ worden. Knolle: „Es waren schlecht gelöschte illegale Lagerfeuer, bei denen nicht das Totholz brannte, sondern der ausgetrocknete Boden.“ Das Umweltministerium argumentiert ähnlich. Sprecherin Jenny Schwarz: „Für den Harz besteht grundsätzlich weder durch das vorhandene Totholz noch an Hanglagen eine wesentlich erhöhte Waldbrandgefahr.“ Im Vergleich zu anderen Landkreisen gab es im Harz wenig Brände.

Schierkes Bürgermeisterin schüttelt angesichts der Argumente den Kopf und „erwartet von der neuen Landesregierung, dass dies zum Thema Nummer eins gemacht wird“. Es müsse zum Beispiel ein länderübergreifendes Konzept geben.

Genau daran arbeite man, so Knolle. Ziel sei ein gemeinsames Waldbrandkonzept „Harz“. Seitens des Nationalparks habe man auch „die Zusammenarbeit mit den Feuerwehren intensiviert“. Es sei außerdem die Beschaffung eines Löschwasserwagens geplant. Standort soll das Revier nördlich des Brockens sein. Zudem habe der Nationalpark Wasserentnahmestellen ertüchtigt. Knolle: „Wir haben auch für die Ranger- und Rottenfahrzeuge der Forstwirte Löschrucksäcke angeschafft.“

Seit Herbst 2020 läuft zudem ein Forschungsprojekt zur Waldbrandvorbeugung im Nationalpark an der Technischen Universität Dresden. Vor allem das Totholz soll dabei eine Rolle spielen.Meinung

Die beiden Kreisbrandmeister Uwe Fricke aus Goslar im Westharz und Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse vom Landkreis Harz  warnen: Das trockene Totholz brennt wie Zunder.
Die beiden Kreisbrandmeister Uwe Fricke aus Goslar im Westharz und Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse vom Landkreis Harz warnen: Das trockene Totholz brennt wie Zunder.
Foto: Matthias Fricke
Zwei Kesselwagen stehen in der Sommersaison mit jeweils 24000 Litern bzw. 28000 Litern Wasser an den Bahnhöfen Drei Annen Hohne und auf dem Brocken bereit. Sie bilden entlang der Strecke die Vorräte.
Zwei Kesselwagen stehen in der Sommersaison mit jeweils 24000 Litern bzw. 28000 Litern Wasser an den Bahnhöfen Drei Annen Hohne und auf dem Brocken bereit. Sie bilden entlang der Strecke die Vorräte.
Foto: Peter Gercke
Ein Zug der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) fährt oberhalb von Schierke durch den toten Fichtenwald des Harzes. Flächendeckend sind bereits die Bäume abgestorben, die Stürme und die Trockenheit erledigen den Rest. Vor allem um das fehlende Löschwasser machen sich die Feuerwehren im Bereich des Oberharzes zunehmend Sorgen.
Ein Zug der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) fährt oberhalb von Schierke durch den toten Fichtenwald des Harzes. Flächendeckend sind bereits die Bäume abgestorben, die Stürme und die Trockenheit erledigen den Rest. Vor allem um das fehlende Löschwasser machen sich die Feuerwehren im Bereich des Oberharzes zunehmend Sorgen.
Foto: Peter Gercke