Kaliberg-Besteigung

Zu Fuß auf den Kalimandscharo von Zielitz

Es gibt eine Salzwüste bei Magdeburg im Landkreis Börde, Dutzende Hektar groß. Wer sie sehen will, muss den mächtigen Kalimandscharo erklimmen. Eine Besteigung mit ehemaligen Bergleuten der Kaliwerks Zielitz.

Von Johannes Vetter
Der Kalimandscharo bei  Zielitz zählt zu den höchsten Erhebungen im nördlichen Sachsen-Anhalt.
Der Kalimandscharo bei Zielitz zählt zu den höchsten Erhebungen im nördlichen Sachsen-Anhalt. Foto: Johannes Vetter

Zielitz - Die Luft flimmert in der Ferne, so heiß ist es auf dem Weg entlang des Hangs. Es gibt keinen Schatten, nirgends. Auch keine Sträucher, kein Grashalm, nichts. Nur salziges Gestein. Und ein Förderband, das beständig grummelnd noch mehr salziges Gestein den Berg hinaufbringt.

Uwe Dietzmeyer laufen Schweißperlen ins Gesicht. Sie sind hier salziger als anderswo, weil die leichte Brise kleine Salzsteinpartikel auf der Haut verteilt. Nach mehr als drei Stunden Wanderung werden die Plaudereien des 75-Jährigen spärlicher. Die Führung sollte eigentlich schon vorbei sein. Doch da war dieses Förderband, das den Weg versperrte. „Diese Halde verändert sich Tag für tag“, sagt Dietzmeyer. Dann nimmt er seinen letzten Schluck Wasser, Flasche leer.

Die karge Kalibergwelt des Kalimandscharo ist nicht erst seit gestern ein touristisches Ziel in der Region. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es die Führungen des Bergmannvereins Zielitz, jeden Sommer bringt das Team von Haldenführern Hunderte Besucher den Berg hinauf.

Ziel der Führungen ist das Gipfelplateau der Halde II. Eine Salzwüstenebene, Dutzende Hektar groß. Dort lagert das Unternehmen K&S die Abbaureste der Salzgewinnung in Zielitz. Jährlich fördern die Bergleute rund zwölf Millionen Tonnen Rohsalz zutage. Doch nur etwa zwei Millionen Tonnen davon taugen für die Produktion von Kalidünger, der Rest kommt auf die Halde.

Ob diese weiter wachsen darf, war viele Jahre nicht klar. Im Dezember konnten viele Menschen in der Region schließlich aufatmen. Das Landesbergamt genehmigte die Vergrößerung. Etwa 1900 Menschen beziehen am Standort Zielitz von K&S ihr Gehalt.

Der Ort Loitsche am Kalimandscharo.
Der Ort Loitsche am Kalimandscharo.
Foto: dpa

Auch Dietzmeyer war vor seiner Pensionierung viele Jahrzehnte im Zielitzer Kaliwerk beschäftigt. „Ich habe das Werk mit aufgebaut“, berichtet er während der Bergtour, als noch etwas mehr Wasser in seiner Flasche ist.

Dietzmeyer hat 1969 in Zielitz angefangen. Ein Jahr zuvor war das Kaliwerk gegründet worden. Es dauerte aber noch bis ins Jahr 1973, um eine stetige Produktion aufzubauen.

Erste Rodungen für Haldenerweiterung am Kalimandscharo

Das Kaliwerk wurde eines der weltweit größten. Das teils mehr als einen Kilometer unter der Erde liegende Tunnelgeflecht hat in etwa die Größe Magdeburgs. Nach Unternehmensangaben haben die Bergleute in Zielitz bis heute 426 Millionen Tonnen Rohsalz an die Erdoberfläche befördert. Der große Teil dieser gewaltigen Salzsteinmasse formte zwei Halden, wobei die Halde II die deutlich größere ist.

Mit der genehmigten Erweiterung könnte sie in den kommenden Jahrzehnten mehr als doppelt so groß werden. Um mehr als 200 Hektar darf das Unternehmen die Grundfläche des Bergs vergrößern. Dafür muss Wald weichen. Erste Rodungen seien bereits abgeschlossen, teilt K&S auf Nachfrage mit.

Kalimandscharo bei Magdeburg soll auf 150 Meter anwachsen

Außerdem darf der Kalimandscharo nun 30 Meter höher werden. Insgesamt sind jetzt 150 Meter erlaubt. Spätestens im kommenden Jahr soll diese Höhe nach Auskunft des Unternehmens erreicht sein.

Am Ende des Förderbandes stehen sogenannte Absetzer, hier wächst der Kalimandscharo weiter.
Am Ende des Förderbandes stehen sogenannte Absetzer, hier wächst der Kalimandscharo weiter.
Foto: Johannes Vetter

Auch mit dieser Höhe wird der Kalimandscharo nicht der höchste Kaliberg Deutschlands sein. Der steht im hessischen Heringen. Der dort als „Monte Kali“ bezeichnete Salzgigant ist mehr als 200 Meter hoch.

Einst gab es Wildziegen auf dem Kalimandscharo

Zur Halbzeit bei der Bergtour. Dietzmeyer steht inmitten des Gipfelplateaus im Wind. Der Boden ist hart und teils mit großen Rissen durchzogen. In der Ferne machen sich die Führungsteilnehmer mit zwei weiteren Haldenführern auf den Weg hinunter. Dietzmeyer zeigt dem Volksstimme-Reporter noch den sogenannten Absetzer. Ein mächtiges Ungetüm aus Metall, mit dem Salzgestein auf den Berg befördert wird.

Der 75-Jährige kennt den Kalimandscharo wie kaum ein anderer. Hunderte Male sei er schon oben gewesen. Er begleitet seit zwölf Jahren Führungen auf den Salzberg, organisierte in der Vergangenheit die dort jährlich stattfindenden Laufveranstaltungen. Manchmal steige er auch alleine hinauf. „Zur Dämmerung ist es sehr schön hier oben“, sagt Dietzmeyer. Er genieße dann die absolute Stille und beobachte die kreisenden Raubvögel. Einst habe es auch einige Wildziegen gegeben, die immer wieder den Berg bestiegen hätten, berichtet er. Sie seien aber dann von einer Bahn erfasst worden, sagt Dietzmeyer.

Urlaubsbild aus einer Salzwüste in Amerika? Nein. Es  ist Haldenführer Uwe Dietzmeyer auf dem Kalimandscharo bei Zielitz.
Urlaubsbild aus einer Salzwüste in Amerika? Nein. Es ist Haldenführer Uwe Dietzmeyer auf dem Kalimandscharo bei Zielitz.
Foto: Johannes Vetter

Drei Haldenführer sind an diesem hochsommerlichen Sonnabend im Einsatz, 22 Menschen nehmen an der Führung teil. Der Aufstieg ist in einer halben Stunde zu schaffen, teilweise ist dabei eine Steigung von 16 Prozent zu bewältigen. Eine Belohnung ist der Ausblick: Der Magdeburger Dom, das Wasserstraßenkreuz, in der Ferne ist sogar der Harz zu erkennen.

Salzluft gegen den Schnupfen

Kerstin und Jens Hildebrandt kannten den Kalimandscharo zuvor nur von unten. Regelmäßig sind die Eheleute aus dem Harz zum Campen in Niegripp. „Wir freuen uns immer, wenn wir ihn sehen“, sagt Kerstin Hildebrandt über den Kaliberg. Als Erinnerung wollte sie einige Salzsteine in die Tasche stecken und mitnehmen. Dass Haldenführer Helmut Schletterer das sah, war ihr Glück. Die Feuchtigkeit des Körpers lasse eine Lauge aus dem Salzgestein entstehen, erläuterte Schletterer ihr. Flecken seien die Folge.

Schletterer, 72 Jahre alt, hat viele Jahrzehnte seines Lebens unter Tage gearbeitet, bevor er Haldenführer wurde. Er hat 1971 in Zielitz angefangen. Der Grund: Als Bergman habe er damals eine Wohnung zugesprochen bekommen. Doch schon nach seinem ersten Tag kamen ihm Zweifel. „Ich stand am ersten Arbeitstag voll im Salzstaub“, berichtet er. Am Ende blieb er trotzdem. „Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier“, sagt er.

Haldenführer Helmut Schletterer blickt mit den Besuchern des Salzbergs auf dem Gipfelplateau Richtung Süden. Bei gutem Wetter ist dort der Harz zu sehen.
Haldenführer Helmut Schletterer blickt mit den Besuchern des Salzbergs auf dem Gipfelplateau Richtung Süden. Bei gutem Wetter ist dort der Harz zu sehen.
Foto: Johannes Vetter

Auf die Frage nach gesundheitlichen Einschränkungen durch die Arbeit unter Tage geben Schletterer wie Dietzmeyer die gleiche Antwort. Sie verweisen auf die Vorteile der salzhaltigen Luft in der Grube. Wer Schnupfen bekomme, sei ihn dort unten nach zwei bis drei Tagen wieder los.

Kali-Unternehmen K&S muss Umweltauflagen erfüllen

Dass der Kalimandscharo weiter wachsen darf, ist an Umweltauflagen geknüpft. So muss K&S etwa eine Oberflächenschicht über die gesamte Halde auftragen, damit weniger Wasser nach unten durchsickert. Beginnen will der Konzern damit Mitte der 1920er Jahre. Das Erscheinungsbild des Bergs werde sich „dadurch allerdings nicht gravierend verändern“, teilt das Unternehmen mit.

Für Haldenführer Dietzmeyer endet die Tour wegen des Absetzer-Umwegs und den versperrten Weg durch das Förderband an diesem Sonnabend erst nach rund dreieinhalb Stunden. Zwei bis drei Stunden (etwa fünf Kilometer) sind aber normal.

Alle Infos zur Tour gibt es unter: www.kalimandscharo.com