Magdeburg l Da stand sie nun in einem Industriegebiet am Rande der südchinesischen Millionenstadt Dongguan. Ohne Internet, ohne Sprachkenntnisse, ohne Unterkunft. Die Rezeptionistin des Hotels war nicht bereit, ihre Buchung zu akzeptieren, ihre potenziellen Geschäftspartner nicht erreichbar. Das für den nächsten Morgen geplante Geschäftstreffen drohte zu floppen. Nicht nur ein bisschen, sondern komplett. Grund genug eigentlich für Ulrike Krumey, um zu verzweifeln. Sollte ihre Geschäftsidee – die Herstellung und der Vertrieb von Lederhalsbändern für Hunde mit eingenähten LED-Leuchten – etwa an der Unnachgiebigkeit einer Hotelangestellten scheitern? War die Suche nach Geldgebern, die Erstellung des Businessplans und die Kontaktaufnahme zu potenziellen Herstellern reine Zeitverschwendung?

So einfach wollte die gebürtige Magdeburgerin ihren Traum nicht begraben. Aufgeben kam nicht infrage. Mit Händen und Füßen überredete sie die Rezeptionistin, den Internetzugang des Hotels nutzen zu dürfen, buchte auf die Schnelle ein neues Hotel und ließ sich per Motoroller auf einer abenteuerlichen Fahrt in die neue Unterkunft bringen. Am nächsten Morgen ging alles wie geplant über die Bühne.

Etwas mehr als zwei Jahre später sitzt Ulrike Krumey in einem Magdeburger Café und kann über die Episode herzhaft lachen. Dabei steht die Geschichte beispielhaft für ihren Werdegang. Erzählt sie nämlich von der Risikobereitschaft, der Entschlossenheit und Entschlussfreudigkeit, die nötig waren, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Denn eigentlich hätte die 30-Jährige den ganzen Stress gar nicht nötig gehabt. Nach dem Studium der Immobilienwirtschaft in Bernburg und Magdeburg hatte sie in der Stadtverwaltung der Landeshauptstadt einen Job gefunden, den viele Menschen als Hauptgewinn bezeichnen würden. Unbefristet angestellt im öffentlichen Dienst. Gute Arbeitszeiten, sicheres Auskommen, 30 Tage Urlaub im Jahr. Kein schlechtes Leben, wenn man als Person für das Nine-to-five-Leben gemacht ist, gerne seine Zeit im Büro verbringt und die täglichen Routinen braucht.

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Selbstverwirklichung im Job

Für die junge Frau allerdings keine langfristige Option. „In der Verwaltung hat mir schlicht die Kreativität gefehlt. Es war ein eintöniger Job und die Arbeit hat mich nicht wirklich zufriedengestellt“, erzählt die Unternehmerin. Fragen beantwortet sie präzise und ohne abzuschweifen. Alles Selbstdarstellerische, das vielen Start-up-Gründern anhaftet, ist ihr fremd. Sie wirkt weltoffenen und bodenständig zugleich. Anstatt mit ihren bisherigen Auslandsaufenthalten in Schweden, England und Spanien zu prahlen, erwähnt sie diese Stationen nur beiläufig. Zwanghaft kosmopolitisch zu wirken, ist offenbar nicht ihr Ding. Spricht sie über Selbstverwirklichung im Job, klingt es authentisch. Was sie sagt, hat Hand und Fuß.

Deshalb glaubt man es Ulrike Krumey, wenn sie erzählt, dass ihr in der Verwaltung die Möglichkeit fehlte, selbst zu gestalten. Eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen, darauf hätte sie lange warten können. Hinzu kam der Wunsch, alleine über die Arbeitszeiten und den Arbeitsort bestimmen zu können. Da war es ein Glücksfall, dass sich langsam aber sicher eine Idee in ihrem Kopf festsetzte und sie nicht mehr losließ.

Dabei drehte sich alles um Hundehalsbänder. Und zwar jene mit Leuchtfunktion. Beziehungsweise darum, dass Ulrike Krumey, Besitzerin eines Labrador-Mischlings mit dem Namen Mausi, mit den Produkten, die auf dem Markt waren, nicht zufrieden war: „Für viele Hundehalter ist es ein Problem, dass ihre Tiere in der Dunkelheit nicht zu sehen sind. Leuchtende Halsbänder sind da sehr hilfreich. Mir haben die meisten aber nicht gefallen. Sie sehen nicht schön aus, sind meistens aus Plastik und werden mit Batterie betrieben. Außerdem gehen sie schnell kaputt.“ Sie suchte das Internet nach Alternativen ab, wurde jedoch partout nicht fündig. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma: Sie müsste sich wohl selbst dahinterklemmen. Statt der Plastikprodukte wollte sie Lederhalsbänder mit eingenähter LED-Technik herstellen lassen. Wiederaufladbar per USB-Anschluss.

Fragen vor der Halsband-Produktion

Doch wie bei so vielen Ideen, die auf den ersten Blick toll und logisch erscheinen, steckte auch bei den Leuchthalsbändern der Teufel im Detail. Mehrere wichtige Fragen waren zu klären: Gibt es überhaupt eine Nachfrage für das Produkt? Wer kümmert sich um die Herstellung und Vertrieb? Wie erreicht man die Kunden? Gibt es Geldgeber, die bereit sind zu investieren? Ist es zeitlich überhaupt möglich, die Idee umzusetzen? Welches persönliche finanzielle Risiko ist mit der ganzen Sache verbunden?

Zumindest die letzten beiden Fragen trieben Ulrike Krumey nur kurz um. Noch hatte sie ihren Job, damit ein sicheres Einkommen und nebenbei Freiraum, um das Projekt voranzutreiben. Den Business-Plan zu erstellen, bereitete der 30-Jährigen wenige Probleme. „Im Prinzip habe ich ja Wirtschaft studiert, deshalb war das nicht die größte Herausforderung“, sagt Ulrike Krumey ganz nüchtern. Ihre Zielgruppe sind jene Hundehalter, die bereit sind, einen höheren Preis zu zahlen, im Gegenzug dafür aber qualitativ hochwertige Ware erhalten. Präsentierte sie ihren Plan anderen Hundebesitzern, war die Resonanz in den meisten Fällen positiv. Aufgrund ihrer guten Vernetzung in der Magdeburger Hundebesitzer-Community zog sie die Schlussfolgerung, dass es durchaus genug potentielle Käufer gebe. Einen Namen für die Firma hatte sich die Gründerin auch schon ausgedacht: VanLum. Ein Kunstwort, das so viel wie „von Licht“ bedeuten soll.

Schwieriger gestaltete sich die Suche nach Geldgebern. Zwar fanden mehrere Banken, dass ihr Einfall durchaus Charme besitze, die Kasse öffneten sie dennoch nicht. Zunächst zeigte sich allein die Kreditanstalt für Wiederaufbau bereit, sie stellte einen Gründerkredit zur Verfügung. Nachdem auch die Investitionsbank Sachsen-Anhalt einen Privatkredit bewilligt hatte, war zumindest in Sachen Finanzierung die größte Hürde genommen.

Produktionsbedingungen klären

Blieb als nächster Schritt die Kontaktaufnahme zu Herstellern. Die sind in der Regel jedoch nicht in Europa beheimatet, sondern bevorzugt in China und Indien. Nicht unbedingt um die Ecke und auch telefonisch nicht ohne Weiteres zu erreichen. „Ich habe unzählige E-Mails verschickt und dabei gleich genau beschrieben, was ich mir für ein Produkt vorstelle. Die chinesischen Firmen haben dann relativ schnell geantwortet. Am Ende haben zwei Firmen das Rennen gemacht. Ein Halsbandhersteller und ein Elektronik-Unternehmen für die LEDs“, beschreibt Ulrike Krumey den weiteren Verlauf. Nach der Kontaktaufnahme folgte schließlich ein Besuch in China. Sich vor Ort von den Produktionsbedingungen zu überzeugen und die Details zu klären, war die letzte große Herausforderung, bevor es richtig losgehen konnte. „Mit den Halsbändern hat es sehr gut funktioniert. Mit dem Elektronikunternehmen habe ich hingegen ziemlich zäh über Nachbesserungen verhandelt“, erinnert sich die Magdeburgerin.

Vereinbart wurde die Produktion von 3000 Halsbändern in fünf verschiedenen Größen. Lagerung und Auslieferung in Deutschland übernahm der Internet-Händler Amazon. Bestellungen erfolgen fast ausschließlich online. Darüber hinaus fand Ulrike Krumey mit einer Kette für Haustierprodukte einen weiteren Abnehmer, der probeweise ein Kontingent in sein Sortiment aufnahm. Im Oktober 2017 startete der Verkauf.

Was in der Startphase vor allem in finanzieller Hinsicht ein Vorteil war, entwickelte sich auf zeitlicher Ebene zum Problem: Noch ging Ulrike Krumey jeden Tag in der Stadtverwaltung arbeiten, ihr Start-up zog sie nach Feierabend hoch. Ohne fremde Hilfe. „Spätestens, als die ersten Pakete aus China ankamen und ich nach Feierabend die Kisten auspackte und die Halsbänder kontrollierte, ging es schon an die Substanz“, schildert sie die Zeit der Doppelbelastung. Zuvor hatte sie sich ohne juristischen Beistand durch diverse Einfuhr- und Ausfuhrbestimmungen der Europäischen Union gekämpft. „Das war anstrengender als alles andere“, gibt sie zu. Nebenbei vermarktete und bewarb sie ihr Unternehmen. Auf Start-up-Messen, in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram und mit Hilfe privater Kontakte. Ganz schön viel Arbeit, wenn der Tag nur 24 Stunden hat und man Unternehmensgründerin und einzige Angestellte gleichzeitig ist.

Risiko der Sicherheit vorziehen

Zweifel ob der Anstrengungen und Entbehrungen machten sich bei Ulrike Krumey dennoch allenfalls selten breit. Ihren Entschluss, den Schritt der Unternehmensgründung zu wagen, stellte sie nie infrage. Das mag daran liegen, dass sie im Zwiespalt immer das Risiko der Sicherheit vorziehen würde. Die Angst, einmal nicht richtig zu liegen, ist bei ihr ebenfalls nicht sehr ausgeprägt: „Ich glaube, dass man Fehler immer ausbügeln kann.“

Eine Entscheidung drängte sich also auf: Den sicheren Verwaltungsjob an den Nageln hängen und alles aufs Unternehmen setzen oder beides nebeneinander stemmen? Angesichts ihrer Vorbehalte gegen den Brotjob kündigte Ulrike Krumey Anfang 2018 bei der Stadt Magdeburg. Ihrem Dasein als Angestellte weint sie keine Träne nach: „Ich habe mir ein großes Stück berufliche Freiheit geschaffen. Niemand engt mich ein, meine Zeit teile ich mir selbst ein. Und ich kann im Prinzip überall auf der Welt arbeiten, brauche dafür nur Internet und meinen Laptop. Das wäre sonst nicht möglich gewesen.“

Diesen Freiraum will sie nutzen. Wahrscheinlich in Europa rumreisen mit ihrem VW-Bus. Wie sie es bereits nach ihrem Studium getan hat. Mit ihrem Laptop und ihrer Hündin Mausi im Gepäck. Wahrlich nicht die schlechteste Vorstellung.