Ballenstedt/Rieder l Entsetzen und Kopfschütteln dominieren am Tag nach dem Bekanntwerden eines brutalen Tötungsverbrechens im Harzort Rieder. Obwohl die Zahl der Einwohner in dem Ballenstedter Ortsteil mit rund 1600 recht übersichtlich ist, gelang es sowohl der mutmaßlichen Totschlägerin als auch ihrem Opfer, in der öffentlichen Wahrnehmung abzutauchen.

Selbst der langjährige Bürgermeister Jürgen Rössling zuckt mit den Schultern. Die Frau sei wohl zugezogen. Um so größer ist nun der Schock darüber, dass die heute 59-Jährige offenbar schon vor mehr als 20 Jahren den damals etwa 76 Jahre alten Walter E. erschlagen und im Garten verscharrt hat und zwei Jahrzehnte lang niemand im Dorf dessen Verschwinden zur Kenntnis genommen hat.

Täterin sagte, Rentner sei verzogen

Vor Ort wird nun darüber spekuliert, wie das geschehen konnte. Das schon in den 1990er Jahren betagte Opfer sei aufgrund körperlicher Gebrechen zumindest zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen, heißt es in der Nachbarschaft. Zudem soll die heute 59-Jährige Fragen nach Walter E. in der Vergangenheit mit dessen Wegzug ins Ausland in der Öffentlichkeit relativ plausibel begründet haben. Im Dorf konnte ja niemand ahnen, dass die heute Tatverdächtige weiter Zugriff auf das Konto von Walter E. hatte und dessen Rente kassierte.

Diese monatlichen Zahlungen einerseits und das Fehlen jeglicher Lebenszeichen und ärztlicher Behandlungen bei einem heute 96-Jährigen andererseits ließen die Rentenversicherung stutzig werden. Im Zuge von Betrugsermittlungen geriet die 59-Jährige ins Visier. Sie hatte in den 1990er Jahren dem alleinstehenden Walter E. im Haushalt geholfen. Als die Polizei nun zur Durchsuchung anrückte, um nach Unterlagen und Lebenszeichen des Mannes zu suchen, gestand die Frau, ihren Nachbarn schon vor mehr als 20 Jahren erschlagen zu haben. Als E. sie bedrängte, habe sie zugeschlagen, so ihre Aussage. Doch ist das bei einem körperlich gehandicapten Mittsiebziger und einer Enddreißigerin plausibel?

„Wir prüfen das alles sehr genau“, versichert der Halberstädter Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck. Insbesondere gehe es nach dem Fund der skelettierten Leiche um die Frage nach Todesursache und -Zeitpunkt. Bislang grenzen die Ermittler die Tatzeit auf vor Oktober 1995 ein. Damit ist ein Totschlag nach mehr als 20 Jahren verjährt. Wird ein späteres Lebenszeichen von E. gefunden, könnte die Verjährung kippen. Finden sich wiederum Hinweise auf einen Mord, gäbe es keine Verjährung.

Klar scheint nach Recherchen der Volksstimme, dass die Frau die Rente auf ihr eigenes Konto überwies und verbrauchte. Auf 20 Jahre hochgerechnet, könnte es um rund 200.000 Euro gehen. Dafür droht ihr zumindest ein Verfahren wegen Betrugs.