Rohrbeck l Nein, das akzeptiere ich nicht!“ Es war Ende 2014 und Helmut Sasse hörte sich in Seehausen einen Vortrag über die Zukunft der Altmark an. Es werde, so vernahm Helmut Sasse dort zum wiederholten Male, schon sehr bald nur noch wenige Menschen in der Altmark geben. Als Helmut Sasse heim fuhr ins Dörfchen Rohrbeck am Rande der Wische war für ihn klar: Dem Trübsalblasen in Sachen demografischer Wandel will er ein Ende setzen. „Ich will auch mit über 70 noch mit Kindern in Rohrbeck Fußball spielen.“

Heute ist der widerständige Helmut Sasse der Kopf des Wischevereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, eine Region zu beleben, die – glaubt man offiziellen Statistiken – wie der gesamte Norden des Landes vom Aussterben ihrer Bewohner bedroht ist. Beste Voraussetzungen für eine depressive Verstimmung, die regional auch Altmark-Blues genannt wird – und die bei Helmut Sasse wohl nie eine Chance hätte. Denn dass er akzeptiert, was von der Mehrheit ohne viel Nachdenken Konsens genannt wird, das gab es in seinem Leben auch sonst kaum. Und dass er widerstandslos hinnimmt, künftig quasi allein zu sein auf weiter Flur, das kommt für ihn schon gar nicht infrage.

Helmut Sasse kam 1958 als mittlerer von drei Brüdern eines Bauernpaares in Osterburg zur Welt. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Werkzeugmacher, begann schließlich ein Technologiestudium in Magdeburg. Und zwar nicht etwa, weil er an Maschinen tüfteln wollte, sondern weil er mit Menschen arbeiten wollte – eigentlich war Arbeitstherapeut sein Berufswunsch gewesen und über das Studium hoffte er, schlussendlich diese Richtung einschlagen zu können. Doch dann machte ihm sein widerständiges Wesen einen Strich durch die Rechnung: „Ich bin dann aus der FDJ ausgetreten und stand immer kurz vor dem Rauswurf aus der Uni.“ Bis er kurz vor Ende des Studiums selbst hinschmiss.

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Zwischen Studium, Arbeitslosigkeit und Ehe

Einen großen Anteil daran hatte, so erzählt es Helmut Sasse heute, Charlie Chaplins Satz aus „Der große Diktator“: „Dringender als der Technik bedürfen wir der Menschlichkeit.“ Ein Studium, das man fast abgeschlossen hat, das schmeißt man nicht hin. Gesellschaftlicher Konsens, aber nicht ok für Helmut. Es folgte eine Ausbildung zum Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, die Geburt seines Sohnes, kurze Arbeitslosigkeit in Bernburg und das Ende seiner ersten Ehe. Sasse, damals ein rastloser Glückssucher, packte seine Sachen, ging nach Berlin – und wurde Hausbesetzer im Prenzlauer Berg. Aber: Egal wo er war, er hatte immer seine Heimat im Kopf dabei und diese eine Idee: Eine Lohnmosterei eröffnen, aus Landobst Fruchtwein machen. „Ich war mir damals sicher, damit bin ich ein gemachter Mann.“

Erfahrung hatte Sasse, schon als Jugendlicher hatte er sich auf dem Hof der Eltern im Herstellen von Saft und Wein versucht. Um dem Traum näherzukommen, heuerte er 1988 in der Buchholzer Kelterei an, einem fast schon legendären Berliner Saftbetrieb, schleppte Kisten, stand am Fließband. Und dann passierte etwas, mit dem Sasse nicht rechnen konnte: Jemand bot ihm einen alten Hof im altmärkischen Rohrbeck an – für 40.000 DDR-Mark. Und da war er plötzlich zum Greifen nahe, der Traum von der Mosterei. Aber da war auch ein Problem: „Von 420 Mark Monatslohn wird das mit dem Grundstückskauf nichts, das war gleich klar.“ Etwas Geld konnte er sich von der Familie leihen, aber das reichte nicht. Die Besitzerinnen des Hofes ließen sich auf eine Anzahlung ein – „weil ich schon immer gut quatschen konnte“ und übergaben ihm das Grundstück im September 1989. Jetzt musste Geld her, also kündigte Sasse seinen Job und stieg in den Handel mit Modeschmuck aus Messing ein, damals ein Renner auf dem Alex und anderen Plätzen in Ostberlin. „Ich hatte das gut kalkuliert; das hätte aufgehen können.“

Dann fiel die Mauer – und Sasses Plan ins Wasser. „So saß ich buchstäblich auf einem riesen Berg Modeschmuck, den keiner mehr wollte.“ Also machte er „in Klamotten“ und handelte damit auf Wochenmärkten und vor Einkaufs-centern. Und Sasse kostete – wie so viele damals – ausgiebig von der neuen Freiheit. „Das war ein sehr schnelles Leben, wir waren dauernd auf der Überholspur unterwegs.“

Bald konnte er seine Schulden zurückzahlen – auch, wie er heute sagt, dank seinem Vater. Er habe ihn immer und ohne Vorbehalte unterstützt, obwohl Sasse nicht gerade penibel auf seinen Ruf achtete. Er galt in Rohrbeck und Umgebung als „der Berliner“, auf dessen Hof immer wieder wilde Partys in Gange waren, zu denen Leute von weit her zum Feiern kamen. „Alle dachten, ich sei ein Zugezogener.“ Bald erweiterte Sasse zusammen mit einem Kompagnon sein Geschäft mit billigen Klamotten, die sie aus Polen importierten. „Und dann bin ich irgendwann im Auto am Steuer eingeschlafen.“

Der Unfall veränderte sein Leben

Der Unfall veränderte sein Leben. Obwohl er nur leicht verletzt war, merkte Helmut Sasse an diesem Punkt, dass er so nicht weitermachen will. Und was tat der Glückssucher? Er packte seine Koffer und reiste nach Indien. „Ich wollte aus allem raus kommen.“ Geplant waren vier Wochen – am Ende blieb er drei Monate. „Da hab ich das Geschäft mit den Klamotten schleifen lassen und alles ging den Bach runter.“

Doch was er 13.000 Kilometer von Rohrbeck entfernt fand, war mehr, als er je vorher hatte, erzählt Helmut Sasse: „Da entdeckte ich, was ich mein Leben lang gesucht hatte.“ Er lernte meditieren und begann, das Leben neu zu sehen. Und noch einen Effekt hatte der Aufenthalt in Indien: Helmut fand Kerstin, die heute seine Frau ist. Sie wohnte damals in Magdeburg und war die Bekannte eines Geschäftsmannes, dem Helmut in Indien über den Weg lief. Der Geschäftsmann bat Helmut, eben dieser Kerstin ein Paket nach Magdeburg zu bringen. Letztere wiederum träumte immer vom Landleben – und zog bald nach der Paketübergabe zu Helmut nach Rohrbeck.

Helmut hatte nun zwar eine Frau – „das hatte ich mir lange gewünscht, ich mag einfach nicht alleine sein“ – aber sonst keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Der Klamottenhandel war pleite. Mittlerweile wohnten auf seinem Rohrbecker Hof in einer Art Gemeinschaft alle möglichen Leute, nur er selbst hatte keinen Raum für sich. Und an den Betrieb einer Lohnmosterei war Anfang der 1990er Jahre gar nicht zu denken: „Die Leute wollten ja nur noch Ananassaft in Tetrapacks.“ Ein wenig schulterzuckend und mangels einer besseren Idee begannen er und Kerstin, den Schweinestall auf seinem Hof zum Wohnhaus umzubauen – wenn sie dafür mal Zeit hatten: Denn ständig war Besuch da, mal kamen sogar berühmte Leute wie der Liedermacher Fredrick Vahle. „Wir saßen im Garten, tranken Tee und klönten, keiner hatte Arbeit, aber allen ging es gut.“ Irgendwie durchzukommen, am System vorbei, das war er aus DDR-Zeiten ja gewohnt.

„Dieser bewusste Müssiggang für ein paar Jahre war in Ordnung, aber irgendwann wurde ich davon fast krank. Ich musste wieder was machen.“ Zu dieser Zeit fand einer der Mitbewohner alte Flaschen mit Sasses Fruchtwein im Keller. Und mochte ihn. Alle mochten ihn. Und Helmut Sasse schnodderte auf ihre Komplimente völlig unbescheiden zurück: „Wenn du das alte Zeug schon magst, dann koste mal, wenn ich richtig loslege.“ Und dann verkaufte er beim Sachsen-Anhalt-Tag in Stendal 1997 zum ersten Mal seine eigenen Produkte – und baute sich endlich das auf, was er wollte: Eine Fruchtweinmanufaktur.

Ein bürgerliches Leben

Seither hat Helmut Sasse ein – für seine Verhältnisse – recht bürgerliches Leben. Er verarbeitet regionales Obst und handelt mit seinen Produkten auf Jahrmärkten und Veranstaltungen in ganz Deutschland. Online- oder stationärer Handel kommen für ihn nicht infrage. „Ich bin eben ein Basari.“ Das heißt übersetzt: Er braucht einfach Leute um sich herum, darum geht es ihm bei allem, was er tut.

Und wohl auch deshalb gründete er 2015 zusammen mit anderen Engagierten den Wischeverein für den Landstrich westlich des Elbknicks bei Werben. Sein Ziel: Mehr Menschen für die Region zu begeistern, seien es nun diejenigen, die schon hier wohnen, seien es Touristen oder Zugezogene. Und zwar, indem man das Trübsalblasen sein lässt und einfach macht.

Helmut Sasse ist ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, Vogelhäuschen für die Wische zu bauen, auf Veranstaltungen wie der Kulturspour über Pfingsten für die Gegend zu werben, gegen industrielle Landwirtschaft oder Windräder zu kämpfen oder einfach potenziellen Interessenten die Wische schmackhaft zu machen. „Er ist ein Visionär, einer, der nach vorne schaut“, sagt seine Kerstin über ihn. „Ich will mein Leben einfach leicht und freudevoll gehen“, sagt er über sich selbst. Sich mit dem zu beschäftigen, was gewesen ist – das war noch nie Helmut Sasses Ding.