Loburg (dpa) l Die Horste sind verwaist, die Störche unterwegs in den Süden. Die Vögel, die noch in Gehegen und Volieren auf dem Storchenhof Loburg leben, können sich noch nicht aufmachen in die Freiheit. Sie sind verletzt und werden gepflegt. Im nahen Lübars aber treffen sich Storchenfreunde aus dem In- und Ausland zum 28. Storchentag. Sie diskutieren über Vogelschutz, Bestände, Gefahren und Erfolge. Und sie feiern. Denn vor fast genau 40 Jahren wurde die Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg gegründet. Das war der Anfang so mancher unglaublicher Storchen-Geschichte.

Christoph und Mechthild Kaatz arbeiteten damals in der Region. Er leitete eine Fachgruppe Naturschutz und Ornithologie, sie war Tierärztin. So wurde die Idee geboren, eine Auffangstation für verletzte Tiere einzurichten. Das Ehepaar kaufte ein Haus in Loburg, und bald begann der Bau der Schutzwarte. Die gesamte Gruppe half mit, darunter viele junge Leute.

Erster verletzter Storch aus der Altmark

"Die Stimmung war fantastisch", erinnert sich Gründungsvater Christoph Kaatz an DDR-Zeiten. "Unsere Erfolge waren, wenn wir mal einen Pfosten bekamen, wenn wir einen Zaun bekamen haben oder Zement. Das war ganz schwierig." Als der Storchenhof 1979 eröffnete, kam viel Prominenz – und bald auch der erste verletzte Storch aus der Altmark. Er hatte einen gebrochenen Flügel. Wie die inzwischen weit über 2000 Artgenossen wurde er gesund gepflegt. Noch immer kann rund jeder dritte Storch in Freiheit entlassen werden.

"Wir verstehen uns als Naturschutzeinrichtung", sagt Christoph Kaatz. "Nur Störche, die wir nicht auswildern können, übergeben wir an andere Einrichtungen oder behalten sie hier." Vor allem Familien mit Kindern, Schulen oder Kindergärten besuchen den Storchenhof, erfahren Wissenswertes über Adebar und können so auch mal einen Storch aus der Nähe sehen.

Verletzungen durch Störche

Bis Ende der 1980er Jahre betreuten Familie Kaatz und ihre Mitstreiter den Hof ehrenamtlich. Doch bald wurden so viele Störche gebracht, dass eine andere Lösung gefunden werden musste. "Der Rekord lag bei 102 Tieren", erinnert sich Mechthild Kaatz, die als Tierärztin die kranken Tiere versorgte. Gemeinsam mit einem Kollegen, denn Störche können durchaus ein Risiko sein. "Sie müssen gut gehalten werden, denn sie picken auf alles, was glänzt, besonders auf Augen", weiß sie und berichtet von einer bösen Wunde, die ein Storch ihrem Mann zugefügt hat.

Anfang der 1990er Jahre wurde es möglich, Störche mit GPS-Sendern auszustatten und ihren Zug zu verfolgen. Sohn Michael Kaatz, der mit Störchen aufgewachsen war, folgte seinen Störchen samt sender mit dem Flugzeug bis nach Afrika. "Damit wurde ein Traum wahr", erinnert er sich. Michael Kaatz, der vor etwa 15 Jahren die Leitung des Hofes von seinem Vater übernahm, schrieb sowohl seine Diplom- als auch seine Doktorarbeit über Störche. "Man wusste damals zwar, dass sie in den Süden fliegen, aber nicht, wo sie am nächsten Tag sind." Erst die Satellitentelemetrie ermöglichte es, den Zug der Störche ganz zu erforschen.

Ausnahmestörchin "Prinzesschen"

Die Reihe prominenter Abebars in Loburg ist lang. Sie heißen Cleopatra oder König Konstantin, Prinzipal oder Albert von Lotto und sind in den Büchern des Storchenhofes verewigt. Eine bleibt unvergessen: Prinzesschen. "Sie war eine Ausnahmestörchin", schwärmt Christoph Kaatz. "Sie flog die meisten Kilometer, trug fünf Sendergenerationen."

Prinzesschen zog gen Osten und überwinterte stets im Süden Afrikas. Jedes Mal flog sie über 10.000 Kilometer. Ihre Partner dagegen waren "Wessis": Störche, die im Winter oft in Spanien überwinterten. Das führte mitunter zu Dramen im Storchennest. Denn Prinzesschens Mann kehrte einmal einige Wochen früher aus dem Winterquartier zurück und hatte sich in Loburg flugs ein neue Frau gesucht. "Als Prinzesschen ihr Nest besetzt vorfand, hat sie die Nebenbuhlerin kurzerhand rausgeworfen", erinnert sich Mechthild Kaatz.

14 Jahre lang stand Prinzesschen unter wissenschaftlicher Beobachtung und wurde zu einer von Deutschlands berühmtesten Störchen. Ihre letzte Reise endete 2006 auf einer Farm in Südafrika. Dort erinnert nun eine Gedenktafel an sie. Storchenvater Kaatz war Prinzesschen besonders ans Herz gewachsen. "Von allen Frauen dieser Welt, war sie die, der ich am meisten nachgelaufen, nachgefahren und -geflogen bin", lacht er. "Aber meine menschliche Frau hat gesagt, solange es eine Störchin ist, ist es alles gut."