Volksstimme-Leser helfenWärme, die von Herzen kommt

Die Spendenaktion von Volksstimme und Der Paritätische Sachsen-Anhalt „Volksstimme-Leser helfen“ steht im Zeichen der Unterstützung von Tafeln und Begegnungsstätten.

Von Bernd Kaufholz 07.12.2022, 06:00
Helga Keßling (v. l.), Heike Büchting und Edelgart Gerlach haben in der Wernigeröder Wärmestube das Frühstück zubereitet.
Helga Keßling (v. l.), Heike Büchting und Edelgart Gerlach haben in der Wernigeröder Wärmestube das Frühstück zubereitet. foto: Bernd Kaufholz

Wernigerode/Halberstadt - Die Teller mit Käse, Hack und Wurst, mit Obst und Tomate sind angerichtet, die frischen Brötchen liegen in den Brotkörben, der Kaffee ist aufgebrüht. Es ist 9 Uhr und rund 30 Bedürftige warten im „Haus Gadenstedt“ gegenüber der evangelischen Kirche von St.-Sylvestri in Wernigerode auf das Frühstück.

Helga Keßling, Heike Büchting und Edelgart Gerlach beginnen damit, die Teller an die Tische zu tragen. Zwischen Erntedank und Ostern bietet der Verein „Ökumenische Wärmestube Wernigerode e. V.“ zweimal in der Woche Menschen, mit denen es das Leben gerade nicht gut meint, diesen Service an. 5000 bis 6000 Portionen pro Saison. Und zweimal im Monat gibt es einen Lebensmittelbeutel extra.

„Im Gegensatz zu den Tafeln müssen unsere Gäste nicht ihre Bedürftigkeit nachweisen“, sagt Gerlach, Chefin der Wärmestube.

Die Geschichte der karitativen Einrichtung reicht bis ins Jahr 1996 zurück. Träger war damals die Kirchengemeinde.

Dass 2018 der Verein gegründet wurde, sei der Tatsache geschuldet, so die 70-Jährige, dass die Arbeit für das Gemeinwohl durch kürzere Wege erleichtert werden musste. „Nachdem das Kreiskirchenamt von Halberstadt aus für die Wärmestube zuständig wurde, wurde unsere ehrenamtliche Arbeit nicht einfacher. Zum Beispiel dauerte es sehr lange, bis eine Spendenquittung ausgestellt wurde. Was natürlich mit Blick auf unsere Unterstützer nicht gut war.“

Finanzierung ausschließlich aus Spenden

Mit sieben Mitgliedern begann der Verein. Und heute ist die Wärmestube aus der Bedürftigenhilfe Wernigerodes nicht mehr wegzudenken. „Für uns ist es eine Herzenssache“, sagt Gerlach.

Die Chefin und Heike Büchting verteilen nach dem Frühstück Kuverts mit Gutscheinen. „Diesmal sind es Fleischgutscheine“, erklärt die Leiterin der Wärmestube. „Unsere Partner – Fleischereien, Bäcker und Gemüseverkaufsstellen – stellen uns diese Gutscheine zur Verfügung.“

Ein ehemaliger Stahlwerker, der gleich am ersten Tisch sitzt, sagt: „Sonst könnte ich mir gar kein Fleisch leisten. Wo alles immer teurer wird und ich mit 500 Euro Rente im Monat auskommen muss.“

Die Frau, die einst als Verkäuferin gearbeitet hat, sieht noch einen anderen Aspekt: „Hier trifft man Gleichgesinnte. Und man kann sich unterhalten.“

Ehrenamt in der Wärmestube: Gäste werden freundlich versorgt

Alle am Tisch loben die Ehrenamtlichen. „Wir werden mit so viel Freundlichkeit betreut“, sagt der Ex-Stahlarbeiter. „Da kommt so viel Wärme rüber – eben eine Wärmestube.“

Gerlach ruft die Namen auf, die auf den Umschlägen stehen. „Wer nicht da ist, bekommt seinen Gutschein persönlich zugestellt. Dafür haben wir extra drei Vereinsmitglieder, die die Scheine per Rad ausfahren.“

Anfangs habe die Wärmestube die Lebensmittelbons noch Bedürftigen mitgegeben, die sagten, den Empfänger zu kennen und ganz in der Nähe zu wohnen. „Aber das hat sich nicht bewährt“, so die Leiterin der Wärmestube.

Lesen Sie hier, wie Sie die Wärmestuben unterstützen können.

Im Dezember lädt der Verein zum Weihnachtsessen ins Restaurant an. „Das sponsern die Frauen des "Lions Clubs’“, sagt Gerlach und mit Blick auf die gemeinsame Spendenaktion von Volksstimme und Der Paritätische freut sie sich: „Mit dem Geld haben wir ein bisschen mehr Planungssicherheit für die kommenden Frühstücksangebote. Wir finanzieren uns ausschließlich über Spenden. Manchmal sind es fünf Euro, hin und wieder auch eine größere Summe.“ Und sie erinnert sich daran, wie sie nach der Vereinsgründung mehr als 200 Briefe an Einrichtungen, Betriebe und Einzelpersonen geschrieben hat, und um Spenden bat.

Der einstige Wernigeröder Stahlwerker nimmt seinen Gutschein in Empfang. Er weiß, was bei ihm demnächst auf den Tisch kommt: „Eine Roulade. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie die schmeckt. Und bei meiner Rente ist das Luxus, den ich mir sonst nicht leisten kann.“

Andre Schüler und die Chefin der Halberstädter Wärmestube, Maria Oppermann (l.), verteilen an die Ukrainerin  Jana Lebensmittel.
Andre Schüler und die Chefin der Halberstädter Wärmestube, Maria Oppermann (l.), verteilen an die Ukrainerin Jana Lebensmittel.
Bernd Kaufholz

Ukrainer-Tag in der Caritas-Wärmestube in Halberstadt 

Heute ist Ukrainer-Tag in der Caritas-Wärmestube – wie an jedem Dienstag. Es ist kurz nach 9 Uhr und die Flüchtlinge stehen an diesem nasskalten Endnovembertag unter der Halberstädter St.-Andreas-Kirche. Die Neuen, um sich im Container anzumelden, diejenigen, die schon längere Zeit in Halberstadt sind, um ihre Lebensmitteltasche abzuholen.

Jana ist das erste Mal in der Wärmestube mit Tafel. Sie hat die Papiere dabei, die für die Registrierung nötig sind. „Zwei Erwachsene, zwei Kinder“, notiert Maria Oppermann, die Chefin der Wärmestube. Jana ist im September aus Mariupol geflohen. „Um uns herum ist alles zerstört worden. Wir hatten Todesangst und sind nach Deutschland gekommen.“ Seit November, tippt sie auf das entsprechende Datum ihres Dokuments, sind sie, ihr Mann und zwei Kinder in Halberstadt. Die 34-Jährige erhält die Registriernummer 609, unter der sie von nun an die Lebensmittelspenden abholen kann.

Treffen mit Gleichgesinnten

Inzwischen hat sich der Raum mit den Frühstücksgästen etwas geleert. „Zum Frühstück und zum warmen Mittagessen können alle Bedürftigen kommen – ohne Anmeldung und Registrierung“, sagt Oppermann.

Wärmestubenköchin Antje Schmidt reicht einem der letzten Frühstücksgäste den Teller mit halben Brötchen – belegt mit Schinken, Wurst und Käse – durch die Küchenklappe. Der 72-Jährige war Schäfer. „Ich habe 43 Jahre gearbeitet“, erzählt er „und kriege 550 Euro Rente. Da muss ich sehen, wo ich bleibe. Darum komme ich zum Frühstück und Mittagessen hierher. Alle sind so freundlich und am Essen gibt’s nichts zu meckern.“ Dann nimmt er ein paar Fotos aus einem Umschlag und zeigt sie. „Da habe ich in der Schweiz gearbeitet, das ist meine Tochter, hier meine Lebenskameradin ...“

Die Köchin der Halberstädter Wärmestube, Antje Schmidt, teilt Frühstückan Bedürftige aus
Die Köchin der Halberstädter Wärmestube, Antje Schmidt, teilt Frühstückan Bedürftige aus
Bernd Kaufholz

Am Nachbartisch wärmt sich eine 42-Jährige die Hände an der Kaffeetasse. Sie habe Pharmazeutisch-Technische Assistentin gelernt. „Aber mal dies, mal das gemacht“, beschreibt sie ihren Job-Weg. „Jetzt bin ich wieder auf Hartz IV, wie schon ein paarmal. Aber ich suche weiter. Ich will arbeiten.“

Dann nennt sie noch einen Grund, warum sie in die karitative Einrichtung kommt: „Hier trifft man Gleichgesinnte. Man kann sich unterhalten. Das ist ja leider draußen irgendwie verloren gegangen.“

1996 wurde die Wärmestube von Ordensschwester Marietta und Pater Ubald ins Leben gerufen. „Dass wir hier einmal 1181 Bedarfsgemeinschaften mit 1476 Erwachsenen und 581 Kindern versorgen und seit dem Ukrainekrieg noch 614 Flüchtlinge unterstützen, hätten die beiden Gründer wohl nicht gedacht.“ Und die Wärmestubenchefin blättert in ihren Unterlagen: „2016 waren es gerade mal 286 Bedarfsgemeinschaften mit 427 Bedürftigen.“

Zwölf Mitarbeiter kümmern sich um die Caritas-Wärmestube. Darunter zwei Ehrenamtliche und sechs Eineurojobber.

Lebensmittel für Menschen aus der Ukraine

In der Küche regiert Antje Schmidt. „Heute gibt es Stampfkartoffeln und Eierragout, morgen Nudelsuppe.“

Jana aus Mariupol packt die Lebensmittel aus der roten Plastikstiege in ihre Tasche. Dann legt sie die 4,50 Euro auf den Tisch, der pro Lebensmittelspende als Selbstanteil bezahlt werden muss.

„Wir finanzieren uns ausschließlich aus Spenden und dem kleinen Anteil, den die Bedürftigen zahlen“, sagt die Caritas-Mitarbeiterin. „Pro Mittagessen 1 Euro, für das Frühstück 1,50 Euro.“ Und sie räumt ein, dass es Überlegungen gebe, den Beitrag für die warme Mahlzeit zu erhöhen – „wegen der Energiekosten“.

„Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir Lebensmittelspender haben, die uns seit Jahren unterstützen“, so Oppermann. „Dazu gehören die großen Supermärkte in der Stadt, wie Edeka, NP, Lidl und Rewe.“

Draußen, vor dem Container, wird geraucht und größtenteils Ukrainisch gesprochen. Die meisten Gäste bleiben bis zum Mittagessen.

Im Speiseraum gibt es einen Fernseher, der auf Wunsch auch angestellt wird, um die Zeit bis zum Mittagessen zu überbrücken. Doch an diesem Tag bleibt die Mattscheibe dunkel. Das Interesse an der Fußball-WM tendiert in der Caritas-Wärmestube gegen null.