Genthin l Als der „Genthiner Carneval Club“ am 10. November 1989 für seinen Faschingsauftakt probt, mag keine echte Stimmung aufkommen. Nur Stunden, nachdem am Abend zuvor in Berlin die Mauer gefallen ist, fürchten die Karnevalisten zum Saisonbeginn vor halbleerem Saal zu stehen.

Daran scheint auch die wohl mutigste Losung der Klubgeschichte nichts mehr zu ändern: „Die Mauer muss weg“ ist auf den Eintrittskarten zu lesen. Es scheint, die Ereignisse haben die Genthiner überholt, draußen rollen längst die Trabis gen Westen.

Dann aber kommt doch alles anders. Beim Faschingsbeginn am 11. November ist der Saal im Restaurant Volksgarten – wie in den Vorjahren – brechend voll. Gäste werden mit Bussen herangefahren. „Unser Publikum hat zu uns gestanden, obwohl die große Freiheit über Nacht kam“, erinnert sich Bernhard Horn vom Verein in einem Interview.

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Jeany Berndt schreibt Historie über Verein

Notiert hat die Erinnerungen Jeany Berndt. Die 18-Jährige besucht die zwölfte Klasse des Genthiner Bismarck-Gymnasiums. In einer 36-seitigen Arbeit hat die Abiturientin die Historie der beiden Genthiner Karnevalklubs vor und nach der Wende nachgezeichnet. Sie hat sich damit beim Geschichtswettbewerb von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beworben. Aus Sicht der Jury der ausrichtenden Körber-Stiftung ist das entstandene Bild so gelungen, dass sie einen der mit 500 Euro dotierten dritten Preise erhält.

Genthin ist dabei ein besonderer Fall: Ursprünglich gab es mit dem 1963 gegründeten „Carnevals Club Waschmittelwerk“ nur einen Klub in der Stadt, angedockt an den größten Arbeitgeber. Mit Satire über das System hantierte der CCW aber allenfalls vorsichtig. Grund war die engmaschige Überwachung durch den Staat, hat Jeany herausgearbeitet. Die SED-Oberen wussten um die anarchische Kraft des Faschings. Vor Auftritten musste der Club der Stasi die Büttenreden vorlegen. Während der Sitzungen saßen IM im Publikum. Lange nach der Gründung 1963 blieb es so bei Andeutungen – bis zu einem denkwürdigen Auftritt 1974.

Drei Büttenredner trugen damals einen vom Protokoll abweichenden Text vor. Was in den Saal gerufen wurde, daran erinnert sich auch der Ehrenvorsitzende Erhard Hölzel nicht mehr. Die Folgen aber waren gravierend: dem Club drohte Auftrittsverbot.

Karnevalsclub seit 1976

Der Riss ging so tief, dass „die jungen Wilden“ ausscherten. 1976 gründeten sie den Genthiner Carneval Club (GCC), außerhalb des Waschmittelwerks. Im Ablauf weniger traditionell, glichen die Sitzungen hier eher Revueshows. Vor allem aber waren sie systemkritischer. „Ganz Paris träumt von der Liebe“ titelte der GCC etwa zum 750. Jahrestag der Gründung von Berlin – ein Motto hart an der Grenze des Erlaubten.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum die Genthiner dem GCC selbst am 11. November ’89 die Treue hielten. Der CCW indes ging nach der Wende durch schwere Zeiten. Nach Massenentlassungen im Waschmittelwerk wurde der Club aufgelöst und erst 1998 wiedergegründet.

Jeany war damals noch nicht einmal geboren. Wie viele ihrer Mitschüler gehört sie trotzdem zu den Gästen der Sessionen beider Clubs. Dabei kommt sie auch schon mal im Kostüm, etwa als „Bezaubernde Jeany“. „Der Fasching prägt Genthin bis heute“, sagt Jeany. Die Karnevalssitzungen gehörten heute zu den wenigen Terminen im Jahr, an denen noch etwas los sei in der Stadt.