Magdeburg l Petra und Jens Heine aus Biederitz im Jerichower Land haben am Freitag die Koffer gepackt, in ihrem XL-Wohnwagen verstaut und sind mit dem 8,50 Meter langen „Adria Astella glam“ zum Bergwitzsee bei Wittenberg aufgebrochen, um dort Pfingsten zu verbringen. Es ist die Premierenfahrt mit dem Hänger. Das Ehepaar kann sich einen Urlaub im Hotel heute gar nicht mehr vorstellen. „Mitten in der Natur zu campen, morgens im Spreewald am Fließ die Bieber zu beobachten oder an der Ostsee mit einem Kaffee am Strand zu sitzen und den Sonnenaufgang zu genießen – einfach herrlich“, schwärmt Petra Heine.“ Camper seien eine große Familie. „Da gilt das Du. Jeder, der neu ankommt, wird mit Handschlag begrüßt, und es wird ersteinmal ein Schwätzchen gehalten.“

Die Familie aus Biederitz steht mit ihrer Liebe zum Campingurlaub nicht alleine da. Die Zahl jener, die vom Hotel- auf einen Vierräder-Urlaub umsattelt, wird größer und größer. So wurden in Deutschland allein zwischen Januar und März 18.241 Reisemobile und Wohnwagen zugelassen. In Sachsen-Anhalt lag die Wohnmobil-Zahl am 1. Januar dieses Jahres bei 6572.

Rekordmarke bei Neuzulassungen

Daniel Onggowinarso, Geschäftsführer vom Caravaning Industrie Verband (CIVD), sagt, dass die Neuzulassungen eine neue Rekordmarke sind. „Und der Trend zur Urlaubsform Caravaning ist weiterhin ungebrochen.“

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Bereits 2018 hatte sich Bestwert an Bestwert gereiht. Die Hersteller klatschen Beifall. Campingfahrzeughersteller „Hymer“ zum Beispiel hat seine Kapazität um fast 20 Prozent erhöht.

Petra Heine campt seit mehr als 20 Jahren. „Ich habe zu DDR-Zeiten mit einem ,Klappfix‘ angefangen“, sagt die 56-Jährige. Über einen spärlich ausgestatteten Wohnwagen „Hobby“ (ohne Toilette), einen „Tec“ (2,50 Meter mit Klo), einen „Fendt“ erfüllten sich die Biederitzer mit dem „Adria“-Wohnwagen einen Traum. „Ein bisschen zwischen Luxus und bekloppt“, schmunzelt sie. Und für diejenigen, die auf dem Weg zu ihren Urlaubs-Hotels sind, prangt am Wohnwagen der Schriftzug: „Früher mussten wir auch ins Hotel ...“

Heimat neu entdecken

„Caravaning ist weg vom altbürgerlichen Image“, sagt CIVD-Chef Onggowinarso. „Deshalb haben auch immer mehr junge Familien Caravaning für sich entdeckt.“ Allerdings bleibt die reisefreudige und finanzstarke Gruppe der Über-50-Jährigen mit Abstand wichtigste Zielgruppe der Branche.

Brit Bieneke verkauft und verleiht Wohnmobile und -anhänger. „Seit etwa drei Jahren geht es in beiden Bereichen steil aufwärts. Ganz gleich, ob Einstiegs- oder Luxusmodelle.“ Gründe dafür sieht sie darin, dass Caravaning in den vergangenen Jahren immer mehr beworben wurde und dass viele Menschen inzwischen Individualreisen Pauschalreisen vorziehen“, sagt die Chefin vom Caravan-Center Harzgeode.

Österreich, Dänemark, die Schweiz stünden ganz oben auf der Ziele-Liste. „Doch die meisten Urlauber erkunden auf vier Rädern die schönsten Gegenden Deutschland. Sie entdecken sozusagen ihre Heimat neu.“

Mehr Infrastruktur und Stellplätze

Was sich die Geschäftsfrau in diesem Zusammenhang wünscht, ist, dass mehr Kommunen ihre Infrastruktur für Caravaning aufrüsten und gepflegte Stellplätze anbieten. „Ein prima Beispiel dafür ist Quedlinburg“, sagt sie.

Petra Heine aus Biederitz weiß aus eigener Erfahrung, dass sich schon einiges getan hat. „Besonders bei den Sanitäranlagen und der Stromversorgung hat sich vieles zum Positiven verändert. Aber das hat natürlich auch seinen Preis.“ Für ein Appel und ein Ei sei ein Stellplatz heute auch nicht mehr zu kriegen. Die XL-Camper müssen zum Beispiel Größenzuschlag bezahlen. Und noch einen Nachteil habe der Boom. „Man muss vorplanen. Denn im Spreewald, an der Ostsee oder anderen landschaftlich schönen Orten ist mit spontanem Losfahren nichts mehr. Zwei Jahre im Voraus buchen, sonst hat man keine Chance.“

Bis heute Abend stehen die Heines mit ihrem Campinganhänger noch am Bergwitzsee. Doch die nächste Tour mit ihrem rollenden Hotel, ausgerüstet wahlweise mit Gas und Elektro, zwei Fernsehern und Fußbodenheizung, ist schon geplant.