Magdeburg l Manche Dinge sind überall auf der Welt gleich. Es ist beispielsweise schön, Freunde auf ein paar Drinks zu sich nach Hause einzuladen. Und es ist … nun ja, potenziell lustig, eine Hausparty zu schmeißen. Doch die kann auch schnell nach hinten losgehen.

Wildfremde in der Wohnung

Denn da kann es schon mal passieren, dass eine Gruppe wildfremder Leuten in die Wohnung kommt, um eine Flasche Rotweinsekt an drei Wänden und der Decke zu verteilen.

Das ist uns vor kurzem wirklich passiert. Davor wusste ich noch nicht einmal, dass es Rotweinsekt überhaupt gibt. Bis das Getränk an den besagten Wänden seine lilafarbene Spur hinterlassen hatte. Es war ärgerlich, ging aber gut aus. Denn einige Monate später – dank der Haftpflichtversicherung und der Tatsache, dass man in Deutschland als Mieter selbst streichen lassen darf – waren die Wände wieder schneeweiß. In London wäre es der blanke Horror gewesen: Haftpflichtversicherungen sind bei uns nicht üblich – und Vermieter sind deutlich strenger.

Bilder in der Besenkammer

Deutsche können sich glücklich schätzen. Während die Rotweinsekt-Flecken an den Wänden prangten und darauf warteten, gestrichen zu werden, musste ich oft an meine Zeit in London zurückdenken. Denn diese Zeit war stets von einer gewissen Angst geprägt. So habe ich einmal einen Immobilienmakler gefragt, ob ich in der Wohnung Bilder aufhängen dürfte. Einen Mietvertrag habe ich daraufhin nie gesehen. Ich zog woanders hin – meine Bilder verstaute ich in einer Besenkammer.

Mieter-Panik in London

Als Mieter in London wird man von der Panik verfolgt, etwas kaputtzumachen. Dass man meistens ein möbliertes Apartment mietet, macht es nicht besser. Denn gibt es noch mehr Sachen, die einem nicht gehören, die man aber beschädigen könnte.

Wer jetzt denkt, dass die Möbel dafür alle tipptopp waren, liegt falsch: Oft war die Qualität denkbar schlecht. Ich habe in Betten mit rollbarem Untersatz geschlafen. Morgens wusste man nie, wohin man sich in der Nacht bewegt hat.

In einer anderen Wohnung war ein winziges Wohnzimmer mit einer riesigen Couch ausgestattet. Dazu gehörten zwei gigantische Couchsessel – allesamt in grellem Grün. Da für all die Möbel im Wohnzimmer nicht wirklich Platz war, brachte ich einen der Sessel im Flur unter. Was dazu führte, dass er als Ablage für Lieferservice-Bestellscheine missbraucht wurde. In derselben Wohnung gab es übrigens weder einen Esstisch noch –stühle. Aber das war schon verständlich. Ich meine, wegen der Riesen-Couch war eh kein Platz mehr in der Wohnung. Habe ich es gehasst? Nicht immer. Einige meiner Vermieter waren sehr nett. Wenn auch nicht nett genug, um den schwarzen Schimmel von der Badezimmerdecke zu beseitigen oder eine WC-Brille zu reparieren, bei der eine Schraube fehlte.

Gemütlich in Magdeburg

Das Ergebnis von derartig schlechten Mietzuständen – mal ganz abgesehen von den horrenden Preisen – ist ein System, bei dem die Mieter ständig kommen und gehen. Es ist nicht ansatzweise vergleichbar mit Magdeburg, wo man es sich als Mieter in seinen eigenen vier Wänden gemütlich machen darf. Durch die strengen Regeln scheint der Kauf einer eigenen Immobilie in London ein noch sehnlicherer Traum zu sein. Etwas, das jeder erreichen möchte, aber nur die wenigsten erreichen. Denn eine eigene Wohnung wirkt sich auf Dauer nicht nur positiv auf den Kontostand aus, sondern bedeutet, dass man ab sofort selbst bestimmen darf.

Das Einzige, das ich an Londoner Mietwohnungen vermisse, ist, dass man sich um den Kauf der Möbel keine Gedanken machen musste. In Deutschland merkt man plötzlich, was alles zu einem Apartment dazugehört. Angefangen bei den Lampen und aufgehört bei dem Halter fürs Toilettenpapier. Eben Dinge, die man nie bei einem Umzug mitschleppen würde. Oder etwa doch?

Paul Kilbey ist gebürtiger Brite und lebt in Magdeburg.

Find an English version of the article here.