Magdeburg l 22,6 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder machten nach Zahlen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bei der Landtagswahl in Thüringen ihr Kreuz bei der rechtspopulistischen AfD. Bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt 2016 war es gut jeder Vierte (25,1 Prozent). Die Zustimmung zur AfD lag damit unter Gewerkschaftern sogar leicht höher als in der Gesamtwählerschaft (24,2 Prozent).

DGB-Chef Reiner Hoffmann, hat sich jetzt beunruhigt über den Trend geäußert: „Dass leicht überproportional viele Gewerkschaftsmitglieder AfD wählen besorgt mich“, sagte er. Das Erstarken des Rechtsradikalismus sei eine echte Herausforderung für die Gewerkschaften. Hoffmann: „Das treibt mich um.“

Die übergroße Mehrheit der Arbeitnehmer traue der AfD allerdings gar nichts zu, betonte der Chef der Dachorganisation der Einzelgewerkschaften. Hoffmann macht unter anderem fehlende Tarifverträge für die Entwicklung verantwortlich. Wer sich Tarifverträgen verweigere, gefährde den sozialen Frieden.

Empfänglich für einfache Antworten

Der DGB in Sachsen-Anhalt teilt die Sorge: „Das Versprechen nach gleichwertigen Lebensverhältnissen ist fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung für viele Menschen noch immer nicht eingelöst“, sagte DGB-Landeschefin Susanne Wiedemeyer. „Da ist Frust programmiert.“ Viele Menschen, die sich benachteiligt fühlen, werden empfänglich für einfache Antworten.“ Zuletzt habe mehr als ein Drittel der Vollzeitbeschäftigten im Land für einen Lohn unter 2200 Euro brutto gearbeitet – in Summe fast 176.000 Beschäftigte.

Die These, dass Gewerkschaftsmitglieder häufiger AfD wählen als der Rest der Gesellschaft hält Wiedemeyer aber zumindest für „nicht vollständig belastbar“. Den leicht höheren Zuspruch von Gewerkschaftsmitgliedern für die AfD im Land erklärt sich Wiedemeyer durch einen überproportionalen Anteil an Männern und Arbeitern in Gewerkschaften im Osten. In Sachsen-Anhalt sind von rund 151 000 Gewerkschaftern rund 57 Prozent Männer. Männer aber stellten die Hauptwählerschaft der AfD, so Wiedemeyer.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verweist auf fehlende Zahlen zum Wahlverhalten ihrer 175 000 Mitglieder in Mitteldeutschland. Eine im Vergleich zum Westen niedrigere Tarifbindung sei aber nicht von der Hand zu weisen, sagte Sprecher Jörg Förster. AfD-Funktionäre erhielten auf Grundlage von Beschlüssen schon jetzt keinerlei Möglichkeit, sich in die Gewerkschaftspolitik einzubringen.

AfD-Landeschef Martin Reichardt sagte: „Die Gewerkschaften reagieren besorgt, weil sie durch die Hinwendung zur AfD ihren Verlust an Glaubwürdigkeit aufgezeigt bekommen.“ Als verlängerter Arm der Sozialdemokratie hätten sie deren Politik mitgetragen, nun bekämen sie die Quittung. Der Leipziger Soziologe Alexander Yendell hatte im Spiegel einen Zusammenhang zwischen Benachteiligung und dem Abschneiden der AfD in Thüringen als Scheinzusammenhang bezeichnet. AfD-Wählern gehe es wirtschaftlich oft gut. Der wahre Grund für das Wählerverhalten seien fremdenfeindliche Einstellungen.