Magdeburg (dpa/sa) - Einmal im Jahr wertet die Polizei das Unfallgeschehen auf Sachsen-Anhalts Straßen aus. Mit den Erkenntnissen will sie auf besondere Entwicklungen hinweisen, aber auch ihre Strategien anpassen, um vor allem schwere Unfälle zu verhindern. Am Dienstag veröffentlichte Innenminister Holger Stahlknecht die Unfallstatistik für das vergangene Jahr. Eine Übersicht:

ALLGEMEINER TREND: Auf Sachsen-Anhalts Straßen kracht es häufiger, doch weniger Menschen kommen dabei zu Schaden. Rechnerisch gab es 205 Unfälle pro Tag. Das sind 4 mehr pro Tag als noch 2018. Insgesamt summierte sich die Zahl der Unfälle auf mehr als 75 000 (Vorjahr: 73 503). Gleichzeitig verunglückten im Straßenverkehr in Sachsen-Anhalt laut Ministerium so wenig Menschen wie seit 15 Jahren nicht mehr. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der Verletzten um zwei Prozent auf 10 207. 137 Menschen kamen ums Leben, das waren drei weniger als 2018. Auch die Zahl der Schwer- und Leichtverletzten ging zurück.

HAUPTURSACHE: Zum vierten Mal in Folge führen Wildunfälle die Rangfolge der häufigsten Unfallursachen an. Mit rund 15 100 Zusammenstößen registrierte die Polizei zudem gut 1000 mehr als noch 2018. Das entspricht einem Anstieg von vier Prozent. Diese Entwicklung sei nicht auf Sachsen-Anhalt begrenzt, sondern bundesweit zu beobachten, sagte die Verkehrsexpertin des Innenministeriums, Nadine Raabe-Goldermann, der Deutschen Presse-Agentur. Zudem gebe es mit allen Wildtierarten mehr Zusammenstöße als in der Vergangenheit.

Raabe-Goldermann rät daher allen Autofahrern, vor allem in der Dämmerung und außerorts besonders wachsam zu sein. "Wirklich auch mit dem Tempo runtergehen und so hart das ist: nicht ausweichen." Autofahrer sollten versuchen, zu bremsen, aber nicht gegenzulenken, um schwere Folgeunfälle zu vermeiden, sagte Raabe-Goldermann.

RASEN: Unter den besonders schweren Unfällen bleibt die Hauptursache Rasen. Bei jedem dritten tödlichen Unfall sei überhöhte Geschwindigkeit die Hauptursache, sagte Raabe-Goldermann. "Es ist deshalb wichtig, dass wir notorische Raser weiter aus dem Verkehr ziehen, auch wenn darüber regelmäßig geschimpft wird."

Auch Innenminister Stahlknecht appellierte: "Denken Sie hier nicht nur an sich, nehmen Sie Rücksicht, das rettet Menschenleben." Neben den Strafen für erwischte Verkehrssünder bei Blitzer-Kontrollen versucht das Land auch, mit der Kampagne "Schnell, schneller, tot... dagegen haben wir etwas" gegenzuhalten. Obwohl die Kampagne bereits länger läuft, bleibt Rasen schwerwiegende Ursache - wirkt sie nicht?

Verkehrsexpertin Raabe-Goldermann sieht das anders. "Es war von vornherein klar, dass wir viel Spucke und Geduld brauchen, um auch noch den Letzten davon zu überzeugen, dass sich die Risiken nicht lohnen, um zwei oder drei Minuten eher am Ziel zu sein." Die Polizei rolle daher die Kampagne weiter aus. Neben Aufklebern auf Überlandbussen und Polizeiautos gebe es inzwischen auch praktische Geschenke für den Autoalltag, die immer wieder an die Zurückhaltung am Gaspedal erinnern sollen. Neustes Teil in der Kollektion sei ein Duftbaum in Autoform, der auf das Kampagnenmotto verweise.

E-MOBILITÄT: Während die Unfälle mit Radfahrern im Vergleich zu 2018 ungefähr konstant bleiben, schauen Verkehrsexperten besorgt auf die Unfälle mit elektronisch unterstützten Rädern, sogenannten Pedelecs. Es gebe sowohl mehr Unfälle mit den fälschlicherweise oft als E-Bikes bezeichneten Zweirädern und auch mehr Verletzte, zählte Verkehrsexpertin Raabe-Goldermann auf. Zwei Pedelec-Fahrer seien voriges Jahr bei Unfällen ums Leben gekommen und beide seien älter als 75 Jahre gewesen.

Ältere seien besonders gefährdet. "Wir wissen, dass ab 65 die Verletzungsfolgen gravierender werden." Zudem seien Pedelecs mit steigendem Alter attraktiver, weil der Elektromotor als Unterstützung beim Treten der Pedale die schwindende Kraft ausgleiche. "Doch Pedelecs sind schwerer und mit 25 Kilometern pro Stunde auch deutlich schneller als normale Fahrräder." Raabe-Goldermann appellierte, den Umgang mit den elektrisch verstärkten Rädern in Ruhe zu üben und einen Helm zu tragen.

Auch die sogenannten E-Scooter, elektrisch angetriebene Tretroller, will die Polizei künftig stärker in den Blick nehmen. Bisher spielten die erst voriges Jahr erlaubten E-Scooter in der Unfallstatistik kaum eine Rolle, sagte Raabe-Goldermann. Allerdings seien in der kurzen Zeit bereits 85 Strafverfahren eingeleitet worden, weil Fahrer ihre Roller nicht wie vorgeschrieben versichert hatten oder betrunken fuhren. "Viele denken im ersten Schritt richtig, dass sie angetrunken nicht mehr Autofahren sollen, aber denken dann, E-Scooter ginge noch", so die Verkehrsexpertin. Das sei ein Fehlschluss, auch in rechtlicher Hinsicht: Für E-Scooter gelten die gleichen Promillegrenzen wie für Autos.