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Sommerschulvortrag Juden lernten für das Leben in Palästina

Wie sie auf das Leben in Palästina vorbereitet worden sind, berichtete Antje Reichel vom Havelberger Prignitzmuseum bei einem Sommerschul-Vortrag.

Von Susanna Kramarz 12.07.2019, 13:00

Wust/Havelberg l Junge Juden, die in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Palästina auswandern wollten, mussten erst eine Menge lernen. Denn dort, wo später der neue Staat Israel gegründet werden sollte, war in den ersten Jahren vor allem praktisches Können gefragt: Landwirtschaft, Tierzucht und -verwertung, Hauswirtschaft und Handwerk, echte Pionieraufgaben. Zu diesem Zweck entstanden in ganz Europa Siedlungen, in denen diese Fähigkeiten für ein Jahr erlernt wurden, bevor die Ausreise nach Palästina genehmigt wurde. Nordöstlich von Havelberg in einem ehemaligen Jagdgehöft, das dem jüdischen Anwalt Siegfried Freund gehörte, entstand im Jahr 1934 eine derartige „Hachschara-Siedlung“ (Hachschara ist hebräisch und heißt „Vorbereitung“) mit acht Hektar Land, Ställen, Werkstatt und Gewächshäusern. Bis 1940 wurden hier, so berichtete Antje Reichel, etwa 350 Jugendliche und junge Erwachsene auf das Leben in Palästina vorbereitet. Da die Bewohner ja auswandern wollten, war die Siedlung genehmigt, und es war den Havelbergern auch erlaubt, Lebensmittel aus der Siedlung zu kaufen.

Die Gemeinschaften in diesen Hachschara-Siedlungen waren nach sozialistischem Ideal aufgebaut. Nach dem Lernjahr ging man in Gruppen nach Palästina und führte das gemeinschaftliche Leben in den Kibbuzim (Mehrzahl von Kibbuz) fort: Bis heute sind die israelischen Kibbuzim zumeist ländliche Kollektivsiedlungen in Selbstverwaltung.

Bereits 1938 kam es allerdings anlässlich der Novemberpogrome auch in der Havelberger Hachschara-Siedlung zu Festnahmen und schweren Verwüstungen. Alle Bewohner der Siedlung, die bis 1940 nicht ausgewandert waren – die Einreise nach Palästina wurde in dieser Zeit durch die britische Verwaltung massiv eingeschränkt –, wurden 1941 in die Vernichtungslager deportiert.

Keiner von ihnen hat überlebt. Die jüdischen Besitzer des Jagdgehöfts wurden 1942 gezwungen, Haus und Land für einen geringen Betrag zu verkaufen, allerdings war zu diesem Zeitpunkt die rechtmäßige Besitzerin, Else Freund, bereits nach Auschwitz deportiert, sie wird mit einem Todesdatum vom 23.7.1943 in den Sterbebüchern von Auschwitz geführt. Das Anwesen fiel an die Stadt Havelberg. Noch während des Krieges wurden hier russische Zwangsarbeiter untergebracht, nach dem Krieg diente es zunächst als Unterkunft für Flüchtlinge und wurde später von der Forstverwaltung bewirtschaftet. Nach 1989 wurden die Eigentumsverhältnisse geklärt und Haus und Grund wurden über die Jewish Claims Conference an die heutigen Besitzer verkauft.