Winterspiele in Italien Aus am ersten Tor: Dürrs Olympia-Finale wird zum Alptraum
Lena Dürr erlebt im Slalom ein weiteres Drama. Ihr zweiter Lauf ist nach weniger als zwei Sekunden vorbei. Der Medaillen-Traum platzt, die Ski-Welt leidet mit. US-Star Shiffrin schlägt derweil zurück.

Cortina d'Ampezzo - Lena Dürr zeigte im womöglich schmerzhaftesten Moment ihrer Karriere wahre Größe. Der Medaillen-Traum der deutschen Skirennfahrerin bei den Olympischen Winterspielen platzte auf dramatische Art und Weise - und im zweiten Lauf schon nach weniger als zwei Sekunden. Doch die Siegerehrung ließ sich die tief enttäuschte 34-Jährige nicht entgehen.
„Das werde ich in meinem Leben nicht mehr sehen, deswegen musste ich schnell rennen“, sagte Dürr, nachdem sie die Fragerunde mit den Journalisten kurz unterbrochen hatte und dann zurückgekehrt war. Bei den Spielen 2030 werde sie nicht mehr dabei sein, kündigte die Münchnerin an. Der Slalom in Cortina d'Ampezzo, den US-Superstar Mikaela Shiffrin mit klarem Vorsprung für sich entschied, war ihr letzter Auftritt unter den Ringen. Er endete in einem Alptraum. Wieder mal. Dürr und Olympia - es ist ein einziges Drama.
Aicher, Neureuther und Co. leiden mit
Als Zweitplatzierte war sie ins Finale des Torlaufs gegangen. Nach den bitteren Enttäuschungen im Slalom von Peking vor vier Jahren und im Riesentorlauf in Norditalien am vergangenen Sonntag wollte sie ihre gute Ausgangsposition diesmal unbedingt nutzen - und fädelte bereits am ersten Tor ein. Eine „Katastrophe“ und der „worst case“ sei das, sagte Dürr. „Aber so ist es jetzt.“
Gefühlt die komplette Ski-Familie schien mitzuleiden. Emma Aicher, die nach zweimal Olympia-Silber in der Abfahrt und in der Teamkombination mit Kira Weidle-Winkelmann diesmal Neunte geworden war, hockte mit einer Sonnenbrille vor den Augen im Ziel und drehte sich entsetzt von den Kameras weg. Ex-Skistar Felix Neureuther schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ihre internationalen Rivalinnen nahmen Dürr, nachdem sie auf ihren Skiern noch schnell den Hang hinuntergerutscht war, in Empfang und trösteten sie.
„Sie ist eine meiner liebsten Wettkämpferinnen aller Zeiten“, sagte Shiffrin, die nach dem Rennen auch viel an ihren 2020 bei einem Unfall verstorbenen Vater Jeff dachte, über Dürr. „Es ist schon schön zu sehen, wer alles mit einem mitfiebert und wer es mir alles gönnen würde. Vielleicht ist es auch das, was es ausmacht“, erklärte die Deutsche selbst unter Tränen in einem ZDF-Interview.
Aus am ersten Tor? Seit 15 Jahren nicht passiert
„Schade Lena, du hättest auch eine von denen sein können“, habe die Schwedin Sara Hector bei der Siegerehrung zu ihr gesagt. So jubelten neben Goldmedaillengewinnerin Shiffrin noch die Schweizer Weltmeisterin Camille Rast über Silber und Hectors Teamkollegin Anna Swenn Larsson über Bronze.
„Man kann es noch gar nicht realisieren hier im Ziel. Da meint man, man bekommt noch einen Re-Run und es geht noch mal von vorne los“, sagte Dürr über ihren schweren Patzer. Aus am ersten Tor - das sei ihr zuletzt vor rund 15 Jahren bei einem unterklassigen Fis-Rennen passiert, meinte sie. Was sie in dem Moment gedacht habe? „Gar nichts. Da ist man einfach blank.“
Ein Olympia-Drama nach dem anderen
Vier Jahre nach dem Olympia-Drama von Peking erlebte Dürr in den Dolomiten nun gleich zwei weitere sportliche Tragödien. In China war sie 2022 als Führende in den zweiten Lauf des Slaloms gegangen und noch auf den undankbaren vierten Rang zurückgefallen. Später holte zwar sie noch Silber mit der Mannschaft, doch das war nur ein kleiner Trost.
In Cortina d'Ampezzo verspielte sie nun sowohl im Riesenslalom, in dem sie am Sonntag Neunte geworden war, als auch im Torlauf gute Medaillenaussichten. Der bislang größte Einzelerfolg der Münchnerin bleibt damit WM-Bronze 2023.
Sie wolle dennoch die positiven Erkenntnisse mitnehmen, meinte die Athletin des SV Germering: Dass sie nach schwachen Wochen im Weltcup wieder so gut dabei sei und mit den Besten der Welt mitfahren könne. Sogar im Riesenslalom.
Das deutsche Alpin-Team beendet die Spiele in Italien damit mit zwei Medaillen. Während die Frauen mitunter famose Fahrten zeigten, gingen die Männer bei ihren Wettbewerben in Bormio wieder mal leer aus.
Slalom-Königin Shiffrin schlägt zurück
Shiffrin krönte sich mit 1,5 Sekunden Vorsprung auf die zweitplatzierte Rast derweil überlegen zur olympischen Slalom-Königin und besiegte damit auch ein Trauma. 2022 in China war sie bei sechs Starts ohne Medaille geblieben. In der Team-Kombination vorige Woche landete sie mit Abfahrts-Champion Breezy Johnson nach einem verkorksten Slalom nur auf Rang vier, im Riesenslalom verpasste sie als Elfte sogar die Top Ten.
Diesmal brillierte die 30-Jährige aber wieder und holte die vierte Olympia-Medaille ihrer Laufbahn. Zweimal Gold bei Winterspielen, vier WM-Titel und 71 Weltcup-Rennen hat die Amerikanerin im Slalom nun schon gewonnen. Die Siegerehrung in Cortina d'Ampezzo genoss die beste Skirennfahrerin der Gegenwart in vollen Zügen. Das ließ sich selbst Lena Dürr nicht entgehen.