Volleyball

Der große Traum lebt weiter

Die Volleyballerin aus Schönebeck, Lisa Stock, wechselt von Dresden nach Erfurt.

Von Von Enrico Werner

Schönebeck l Viel Zeit hat Lisa Stock eigentlich nicht. Die 22-jährige Volleyballerin pendelt gerade viel zwischen den Städten hin und her. Sie muss viel planen, organisieren. Dinge in die richtigen Bahnen lenken. Telefonieren, reden, Umzugskartons ein- und wieder auspacken. Rein ins Auto, raus aus dem Auto. Knapp 220 Kilometer sind es zwischen Dresden und Erfurt. Nicht nur einmal ist Lisa Stock diese Strecke in den vergangenen Tagen und Wochen abgefahren. Da waren die zwei Tage zwischendurch in ihrer alten Heimat Schönebeck eine Erholung. Natürlich hat sie auch da Medien-Termine, aber beim Treffen im Café an der Elbe wirkt sie relaxed. Sie nimmt sich Zeit, um die große sportliche Veränderung in ihrem Leben zu erklären. Um zu erklären, warum sie nicht mehr beim Volleyball-Aushängeschild Dresdner SC spielen wollte und vor zwei Wochen lieber einen Vertrag beim Erstliga-Aufsteiger SWE Volley-Team Erfurt unterschrieb.

Mit 13 Jahren zog Stock, die ihre ersten Volleyball-Schritte bei Pädagogik Schönebeck gemacht hatte, bereits nach Dresden, um ihren großen Traum zu verwirklichen: Volleyball-Profi zu werden. Und die Trophäensammlung liest sich schon in jungen Jahren stattlich. Dreimal in Folge deutscher Meister mit dem Dresdner SC, Pokalsieger 2016, dazu 46 Spiele in der Junioren-Nationalmannschaft. Stock hat einen eigenen Wikipedia-Artikel. Bald wohl 8000 Likes bei Facebook auf ihrer privaten Fanseite. Läuft alles prima, oder? Würde man meinen. Zufrieden war Lisa Stock trotzdem nicht. Die 1,68 Meter große Libera ist ehrgeizig und sie hatte ein Problem. „Ich habe nicht so oft gespielt“, sagt sie. Und das nicht erst in der vergangengen Saison, sondern seit vielen Jahren schon. Das schürt Unzufriedenheit. Immer war sie nur die zweite Wahl hinter der niederländischen Nationalspielerin Myrthe Schoot. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, wenn Stock trotzdem ihre wenigen Minuten Einsatzzeit bekommen hätte pro Spiel, um von der 27-Jährigen zu lernen. Doch die meiste Zeit bekam sie nicht mal das. Stock klingt ein bisschen verbittert. „Mir war die Lust auf Volleyball vergangen“, sagt sie. Es brauchte schon besondere Umstände, damit die 22-Jährige zu Einsätzen beim Abonnement-Meister DSC kommt. Als sich Schoot verletzte, kam sie zu sieben Einsätzen in der Bundesliga, drei im DVV-Pokal und drei in der Champions League. Es lief gut. Höhepunkt war der 3:0-Sieg in der Champions League gegen Baku. Stock bezeichnet das als „Schlüsselspiele“. Sie überzeugte, spielte prima, die Fans forderten sie auch für die nächsten Spiele.

Wie wenig der Trainer Alexander Waibl ihr vertraute, zeigte sich vielleicht darin, dass der DSC, statt für den Übergang nur auf Stock zu setzen, mit der Belgierin Valérie Courtois eine weitere Klasse-Libera verpflichtete. Stock musste zurück auf die Bank, ohne Chance auf Einsätze. Natürlich ist die Volleyballerin dem DSC auch dankbar. Schließlich vermittelte ihr der Verein eine Ausbildung als Bauzeichnerin, stellte ihr Wohnung, Auto und gab ihr die Möglichkeit, Fuß zu fassen in der ersten Liga. Doch sportlich lief es für Stock eben nicht. Viele Gespräche hatte sie mit Waibl geführt, sich Unterstützung und Rat geholt. Immer mit dem Versprechen, dass sie ihre Minuten bekommen wird. „Es wurde immer zu mir gesagt, dass ich nicht ins kalte Wasser geworfen werde“, erzählt Stock. Es ist üblich, dass junge Nachwuchsspieler bei klaren Spielständen zu Einsätzen kommen. Ohne Druck können die Sportler in Ruhe auf hohem Niveau Erfahrungen sammeln. Stock konnte das nicht und wurde dann doch nach der Verletzung von Schoot ins kalte Wasser geworfen. Man versteht also die Unzufriedenheit Stocks. Und man versteht, warum sie sich verändern wollte. „Im Kopf hatte ich schon mit Volleyball abgeschlossen. Meine Ausbildung wurde wichtiger.“ Sie wollte ganz aufhören mit Volleyball. „Die Luft war raus. Ich hätte nichts mehr dagegen gehabt, mit Volleyball aufzuhören. Das wäre vielleicht auch ein schönes Leben, nur zu arbeiten.“

Stock wagt den Spagat zwischen Volleyball-Profi und Arbeit. Schon vor den Playoffs im Frühjahr hatte sie den Verantwortlichen beim Dredner SC ihren Entschluss mitgeteilt. „Sie waren geschockt, haben es dann aber hingenommen.“ Und da kommt sie dann auch nicht drumherum, auch Kritik zu üben am alten Verein. „Dresden hatte nicht viel dafür getan, mich zu halten.“ Und ganz genereller Natur: „Ich denke auch, dass junge Nachwuchsspieler kaum eine Chance haben beim Dresdner SC.“ Das hat sie ja am eigenen Leib erfahren. Lisa Stock jedenfalls war verbittert, frustriert, down. Der Traum lebte nur noch auf Sparflamme. Doch dann bekam Stock ein Angebot. In Erfurt gibt es in der nächsten Saison einen neuen Volleyball-Erstligisten. Beim SWE Volley-Team Erfurt ging auch das Gerücht rum, Stock sei unzufrieden, dass sie weg wollte. Da fragten die Verantwortlichen an. „Sie haben sich sehr bemüht. Ich brauchte aber zwei bis drei Tage, um mir das durch den Kopf gehen zu lassen. Es war keine leichte Entscheidung.“ Aber dann sagte sie zu. Ihr gefiel das Konzept. „Das ist ein relativ junges Team“, sagt sie. Und: „Ich bin die einzige Libera.“ So könnte das Versprechen der Einsätze nicht nur ein Lippenbekenntnis sein. Stock könnte eine gemischte Rolle als Anführerin und Spielerin einnehmen, die wichtige Erfahrungen sammelt.

Ihre Ausbildung kann sie in Erfurt fortsetzen. Dazu trifft sie auf bekannte Gesichter. Mit Luise Wolf und Michaela Wessely hat sie bereits in Dresden zusammengespielt. Auch Selma Hetmann trifft sie wieder. „Mit ihr hatte ich mir einst ein Internatszimmer geteilt“, erzählt Stock lächelnd. Am 1. August beginnt die Ausbildung in Erfurt, am 15. August dann das Training. Dann hat sie die Zelte in Dresden abgebrochen. Wichtig ist aber vor allem eines: Das Lisa Stock wieder sportlich glücklich wird. Privat ist sie das sowieso. Ihr Freund zieht mit nach Erfurt. „Aus Liebe“, wie er sagt. „Wir leben ihren Traum.“ Lisa Stock sitzt daneben und nickt. Es ist der Traum der Schönebeckerin, ein Volleyball-Profi zu sein.