Frankfurt/Main (dpa) - Die Fußball-Bundesliga pausiert, der Termin für die EM in diesem Sommer wackelt, und auch über die Olympischen Spiele in Tokio wird fleißig spekuliert. Dem Sport steht angesichts der Coronavirus-Pandemie eine riesige Herausforderung bevor.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann spricht im Interview der Deutschen Presse-Agentur über die Entscheidungen des Fußballs, die Austragung der Spiele in Japan sowie Qualifikationshürden auf dem Weg dorthin:

Der Profi-Fußball hat sich mit schnellen Maßnahmen zuletzt schwergetan. Wie haben Sie diese Hängepartie in den vergangenen Tagen wahrgenommen?

Alfons Hörmann: Da spielen die wirtschaftlichen Konsequenzen sicher eine entscheidende Rolle, und es fällt naturgemäß nicht leicht, auf die gewohnten Einnahmen zu verzichten. Bei der hochdynamischen Entwicklung der Situation in den vergangenen Tagen ist es auch alles andere als einfach, so weitreichende Entscheidungen jeweils sehr schnell zu treffen. Wir sind froh, dass nun aber auch im Fußball die Vernunft gesiegt hat und die Entscheidungen jetzt doch so klar getroffen worden sind.

Rund 750 Millionen Euro drohen dem Profi-Fußball zu entgehen. Sollten nicht auch hoch bezahlte Profis zur Kasse gebeten werden - in Form eines Corona-Solidaritätszuschlages oder Fonds?

Hörmann: Das liegt natürlich nicht in unserem Entscheidungsbereich, aber diese Idee macht durchaus Sinn. In einer derartigen Krise, wie wir sie jetzt haben, ist unter anderem auch eine hohe Eigenverantwortung und ein hohes Maß an Solidarität, insbesondere bei den Vorbildern unserer Gesellschaft, gefragt. Deshalb sehe ich die Topverdiener im Sport nun schon in einer besonderen Verantwortung, ihren Vereinen und deren Mitarbeitern aktiv zu helfen. Und es wäre auch ein deutliches Signal, wenn wir die Pfleger, die Krankenschwestern und die Ärzte aktiv unterstützen und damit all diejenigen, die nun Höchstleistungen bis in den Grenzbereich des Zumutbaren zu erbringen haben. Auf deren Wohl muss sich unser aller Blick nun richten!

Welche Maßnahmen hat der DOSB konkret bereits getroffen oder angeschoben, um die Auswirkungen der Krise für den deutschen Sport zu begrenzen?

Hörmann: Wir sind in ständigem Austausch mit den entsprechenden Experten, vor allem mit unserem Olympia-Arzt Professor Doktor Bernd Wolfarth, um vor allem die aktuell notwendigen Maßnahmen zur gesundheitlichen Sicherheit sofort zu kommunizieren. Darüber hinaus stehen wir natürlich im engen Austausch mit unseren Mitgliedsorganisationen und legen täglich neu fest, was zu tun und zu lassen ist. Dabei orientieren wir uns als größte Bürgerbewegung mit 27 Millionen Mitgliedschaften an dem, was die Politik für unser Land als generelle Zielstellung ausgibt. Deshalb liegt im Moment der Fokus darauf, das aktuelle Krisenmanagement der Bundesregierung bestmöglich zu unterstützen und als Sportdeutschland aktiv und verantwortungsbewusst dazu beizutragen, die Pandemie zu verlangsamen. Natürlich nehmen wir parallel dazu auch die Auswirkungen auf Vereine und Verbände intensiv in den Blick und arbeiten an konkreten Lösungen.

Der gesamte Amateursport, auch alle Kinder- und Jugend-Sportgruppen müssen aussetzen. Wie wirkt sich das auf Kindergesundheit und sportliche Leistungsentwicklung aus?

Hörmann: Da wird es sicher negative Auswirkungen geben, aber im Moment ist das Allerwichtigste, die Pandemie zu verlangsamen und damit die Gesundheit der Bevölkerung zu sichern. Die Frage der sportlichen Entwicklung ist in Zeiten wie diesen völlig nebensächlich!

Viele Sportler sind noch nicht für Olympia qualifiziert. Wie schätzen Sie diese Situation ein und wie kann darauf reagiert werden?

Hörmann: Das ist ein Problem, das ich als einfach lösbar einschätze. Die Nominierungskriterien für das Team Deutschland können entsprechend flexibel angepasst werden, sofern Qualifikationswettkämpfe nicht voll umfänglich stattfinden. Zudem wird auch das IOC mit der Anpassung von Qualifikationen darauf reagieren. Das ist sicher die derzeit kleinste Sorge, die uns beschäftigt.

Für wie realistisch halten Sie, dass Tokio 2020 wie geplant am 24. Juli eröffnet wird?

Hörmann: Spekulationen helfen uns dazu nicht weiter, sondern wir sollten in vollem Umfang auf das IOC vertrauen, das sehr eng mit der Weltgesundheitsorganisation WHO zusammenarbeitet. Letztlich wird in einigen Wochen eine klare Entscheidung zu treffen sein. Dies vor dem Hintergrund, ob die weltweite Situation der Corona-Pandemie eine verantwortliche Umsetzung zulässt oder eben nicht.

Öffentlich wird bereits harsch die IOC-Linie kritisiert. Können Sie verstehen, dass das IOC über vier Monate vor dem Start derzeit noch versucht, die Ruhe zu bewahren?

Hörmann: Ich habe Verständnis für diese Kritik, aber auch für die aktuelle Vorgehensweise des IOC in der Form, dass eben Schritt für Schritt zu prüfen ist, was in einer solch schwierigen und einmaligen Situation zu tun oder zu lassen ist. So oder so ist das eine sehr weitreichende Entscheidung, weil die weltweite Sportfamilie massiv davon betroffen sein wird. Dies vor allem im wirtschaftlichen Sinne, und es wird in den kommenden Monaten wohl vielen einmal mehr bewusst werden, welch entscheidende Rolle der organisierte Sport – international und national – für die Entwicklungen in der Welt spielt.

ZUR PERSON: Alfons Hörmann (59) ist dem 7. Dezember 2013 der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Von 2005 bis zur Übernahme des DOSB-Spitzenamtes war er Präsident des Deutschen Ski-Verbandes.

DOSB-Mitteilung

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