Volksstimme: Herr Körner, am Sonntag reist Arminia Bielefeld nach Stendal. Ein Zweitligist trifft auf ein Oberliga-Team. Da sind die Rollen klar verteilt, oder?

Sven Körner: Ja. Ich denke, wir sind der absolute Favorit. (lacht) Nein, die Rollen sind klar verteilt, und wir sind natürlich der krasse Außenseiter. Alles andere wäre ja auch utopisch. Daher gehen wir ganz entspannt an diese Sache ran und versuchen eben ein Highlight für alle Anwesenden zu bieten.

Wie groß ist die Anspannung bei Ihnen und der Mannschaft im Moment?

Die Spieler haben in den vergangenen Wochen schon viel über dieses Spiel gesprochen. Und auch hier innerhalb der Stadt wird man viel damit konfrontiert. Definitiv ist es so, dass es jetzt eine Woche war, wo man das Knistern merkt. Ich bin seit fünf Jahren Trainer hier und wir haben das sukzessive alles aufgebaut auch mit vielen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. Im Schnitt sind das 75 Prozent. Das ist natürlich für jeden einzelnen Spieler das Größte, was bisher passiert ist. Und auch für mich als Trainer. Das Landespokalfinale gegen den FCM war schon schön, aber das setzt jetzt allem noch mal die Krone auf.

In der Liga sind Sie bisher punktlos geblieben. Ist das nicht ein Dämpfer?

Es ist schon so, dass wir uns den Saisonstart ein Stück weit anders vorgestellt haben und auch überhaupt nicht zufrieden sind. Aber wir haben jetzt eine Woche, in der wir an den Liga-Alltag eigentlich gar nicht gedacht haben. Es geht darum, im Training Spaß zu haben, und zu versuchen, die letzten beiden Spiele auszublenden. Um voller Vorfreude in das Spiel gegen Bielefeld zu gehen.

Sehen Sie denn eine Chance, den Favoriten zu ärgern? Und wenn ja, wie?

Unsere Mannschaft besteht komplett aus Amateuren. Die gehen acht Stunden am Tag arbeiten, studieren oder machen eine Ausbildung und trainieren drei- bis maximal viermal die Woche. Arminia Bielefeld ist dagegen eine Profi-Mannschaft. Man träumt vielleicht, aber ich weiß natürlich, dass die Chance weiterzukommen relativ klein ist. Vielleicht, wenn Bielefeld nur mit dem linken Fuß spielen darf. (lacht) Aber ich denke, für uns geht es darum, so lange wie möglich das Spiel offenzuhalten und zu schauen, was passiert.

In welche Richtung tendiert Ihr Plan eher: Voll drauf oder erst einmal das eigene Tor absichern?

Wenn ich jetzt elf Maurer in der Mannschaft hätte, wäre das Tor vielleicht zugemauert. (lacht) Also, es muss die Balance sein. Ich denke, wir werden sehr viel stehen, gut verteidigen, viel gegen den Ball arbeiten müssen. Aber wir wollen Bielefeld schon auch mal attackieren und mutig sein. Das kommt aber auf die Situation an und wie die Mannschaft sich gerade fühlt. Wenn sie sich sicher fühlt und attackieren will, dann soll sie das auch tun. Das muss auf dem Platz von den Spielern alleine kommen. Klar gibt es Phasen, in denen ich als Trainer eingreifen kann, aber es ist immer schwer, bei so vielen Zuschauern dann auch verbal die Mannschaft zu erreichen.

Bielefeld will Ihr Team auf keinen Fall unterschätzen. Ist das vielleicht ein Risiko auf Seiten des Gegners, das Ihnen in die Karten spielen könnte?

Klar ist alles möglich. Die Erfahrung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass Bielefeld im Pokal immer relativ weit kommt. Sie waren vor ein paar Jahren ja auch im Halbfinale. Und ich glaube nicht, dass Bielefeld uns unterschätzt, weil sich der Verein sicherlich auch finanziell einiges über den DFB-Pokal ausrechnet. So wie Stendal auch. Es wäre einfach ein Geldsegen.

Über welche Summen sprechen wir da?

In der ersten Runde bekommt der Landespokalfinalist Amateur eine Antrittsprämie von 115.000 Euro. Profi-Vereine bekommen 150.000 Euro. Für die zweite Runde gibt es dann über 300.000 Euro. Das ist schon viel Geld für Bielefeld und auch für uns. Damit könnten wir im Prinzip drei Saisons absichern. Wir schauen einfach, was passiert. Vielleicht kennt ja nach dem Spiel ganz Deutschland Stendal. (lacht) Das hat viel mit Glück zu tun, aber auch mit harter Arbeit.

Auch wenn Sie nach dem Landespokalfinale vom Zweitliga-Aufstieg des 1. FC Magdeburg profitiert haben, haben Sie sich dieses Spiel schlussendlich doch auch erarbeitet ...

Klar, man muss schon auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Leistung bringen. Das hat die Mannschaft getan, mit den Gegnern, die sie Runde um Runde hinter sich gelassen hat. Mit Spielen in Sangerhausen, Haldensleben und Zorbau. Sie hat eben zu diesen Zeitpunkten geliefert. Dann ist es auch egal, was andere Mannschaften machen. Denn wenn der FCM eben so eine riesige Saison spielt und uns mit in den DFB-Pokal zieht, dann hat das ja schon auch etwas damit zu tun, dass wir unsere Hausaufgaben erledigt haben.

Als Belohnung steht jetzt ein Spiel vor über 3000 Fußball-Fans bevor, dazu der Medienrummel. Sind das Faktoren, die Ihre Mannschaft verunsichern könnten?

Ich glaube, das wird für jeden das Spiel des Lebens. Wir wissen ja nicht, ob wir es noch einmal in den DFB-Pokal schaffen. Wir haben auch sehr junge Spieler im Kader und all die Sachen, die so drum herum sind, die wird man wahrnehmen. Aber es geht schon darum, sich aufs Spiel zu konzentrieren. Wir werden versuchen, das auszublenden, was sicher nicht einfach ist. Und die Partie trotzdem zu genießen. Das ist eine riesige Erfahrung für alle, davon wird jeder der Spieler, Trainer und Funktionäre noch in Jahren sprechen, dass hier in Stendal mal wieder seit 22 Jahren DFB-Pokal gespielt wurde.

Sie deuten es ja an. Stendal hat eine Pokal-Historie. Wie oft sind Sie in den vergangenen Tagen darauf angesprochen worden?

Ich kenne noch ein paar Spieler von damals, zum Beispiel Markus Hoffmann und Henry Berg. Klar spricht man mit diesen Spielern auch mal, wenn man sie in der Stadt trifft. Und die Fans konfrontieren einen natürlich damit. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt aber nicht in Stendal, weil ich aus Halle an der Saale komme. Es zeigt einfach, was eben auch damals in Stendal möglich war. Wobei man auch sagen muss, dass Stendal 1995 in der 3. Liga gespielt hat und dann gegen einen Zweitligisten gespielt hat. Der Abstand war also nicht so groß, weil damals in Stendal ja auch Profifußball gespielt wurde. Das ist heute nicht mehr der Fall.

Nutzen Sie das Jahr 1995 in irgendeiner Form als besondere Motivation für die Spieler?

Das spielt überhaupt gar keine Rolle. Die Spieler werden sowieso um ihr Leben laufen. Man muss in diesem Spiel keinen Spieler großartig motivieren. Die sind eh schon bis in die Haarspitzen angestachelt, dann würde man sie fast nur noch überdrehen. Als Trainer ist es in der Phase eher wichtig, den Jungs einen Plan mit an die Hand zu geben und dann loslaufen zu lassen.

Aber es wird wie damals in Stendal gespielt. Welchen Stellenwert hat das für Sie? Es gab ja durchaus Bedenken, ob das Spiel aufgrund der Sicherheitsauflagen überhaupt hier ausgetragen werden kann.

Als das Los feststand, mussten wir kurz überlegen: Ist das gut oder ist das schlecht? Ich als Trainer sehe es ein Stück weit positiv, weil Bielefeld ein Traditionsverein ist. Im Umkehrschluss wäre es nicht so gut gewesen, wenn es eine wirklich große Mannschaft geworden wäre – also Bayern oder Dortmund. Wir hätten auch gerne gegen so eine Mannschaft gespielt, aber dann wäre die Partie nicht in unserer Stadt ausgetragen worden. Daher hat uns gut getroffen mit diesem Traditionsverein mit großartigen Fans. Wir freuen uns einfach, dass wir in Stendal spielen können.

Was erhoffen Sie sich von dem Pokalspiel?

Ich würde mich freuen, wenn uns die Zuschauer auch nach der Partie weiter unterstützen. Also auch bei Spielen wie gegen Tennis Borussia, wenn der Bielefeld-Boom nicht mehr da ist. Wir haben eine junge Mannschaft mit regionaler Identifikation. Die Zuschauerzahl hängt auch von unserer Leistung ab, aber es ist definitiv so, dass die Jungs die Unterstützung verdient hätten.

Und was wäre für Sie persönlich das Schlimmste, das am Sonntag passieren könnte?

Das Schlimmste? Es regnet (lacht). Wir haben kein überdachtes Stadion. Nein, ich weiß nicht, da habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Dass jemand im Stadion tot umfällt vor Aufregung, weil wir gewinnen. Nein, Spaß beiseite. Wenn sich jemand schwer verletzt, das wäre nicht gut.