Kiel, Lübbecke, Berlin, und nun auch Melsungen – diese Fähnchen auf Deutschlands Handball-Landkarte verbinden die Magdeburger in der Analyse mit Grummeln im Bauch. Denn viermal lagen nach überzeugendem Spiel, zum Teil deutlichen Führungen in der ersten Halbzeit und vorbildlichem Kampfgeist bis Ultimo Auswärtssiege in der Luft. Und viermal herrschten am Ende doch nur Enttäuschung und Tristesse. So wie am Sonntag in Kassel, wo dem MT Melsungen noch kurz vor Abpfiff der Ausgleichstreffer gelang.

Magdeburg. Obwohl die Magdeburger nicht gänzlich mit leeren Händen dastanden und zumindest einen Punkt mit nach Hause nehmen konnten, so fühlte sich das Remis gegen Melsungen zunächst doch an wie eine Niederlage. Das konnte man zumindest aus dem desillusionierten Kopfschütteln und den hängenden Schultern der Spieler schließen. Verständlich, wenn man bedenkt, dass der SCM sich nach einer weniger guten ersten Halbzeit ins Spiel zurückgekämpft und dreieinhalb Minuten vor dem Abpfiff sogar noch mit zwei Toren geführt hatte (28:26).

Natürlich sprach Melsungens Trainer Michael Roth von einer "irgendwie gerechten Punkteteilung", zumal seine Mannschaft "die Partie über 50 Minuten dominiert" hatte. Aber auch SCM-Coach Frank Carstens gratulierte dem Gegner im Nachhinein fairerweise zur Punkteteilung, um dann bei seiner Mannschaft den Finger in die Wunde zu legen. "Das war ein hart umkämpftes Spiel. Mit der Abwehr war ich erst in der zweiten Halbzeit zufrieden. Wenn die Torhüterleistung nur annähernd so gut gewesen wäre wie die des Gegners, hätten wir eine Chance ge-habt, doch so war jeder Rückraumwurf drin", so Carstens, der aber auch lobende Worte fand: "Der Angriff lief in der zweiten Hälfte gut. Vor allem über die Konter, wobei ich die fantastische Leistung von Yves Grafenhorst hervorheben muss. Es ist schade, dass trotz der sehr guten Moral meiner Mannschaft der Sieg leider nicht nach Hause gebracht wurde."

Doch die aufbauenden Worte des Trainers werden wohl erst viel später ins Bewusstsein der SCM-Spieler vorgedrungen sein. Zunächst überwog der Frust über den verlorenen Punkt. So auch bei Bartosz Jurecki: "Natürlich bist du da sauer und ärgerst dich, wenn du den Sieg eigentlich schon in den Händen hälst und dann doch noch in letzter Sekunde das Unentschieden hinnehmen musst. Zumal das ja auch nicht das erste Spiel war, wo uns das passiert ist." Aber nachdem er eine Nacht darüber geschlafen habe, "muss ich sagen: besser ein Punkt als keinen – so wie in Berlin, wo wir sehr gut gespielt haben und trotzdem nicht belohnt wurden. Und vielleicht muss man solche Lektionen erst bekommen, um daraus zu lernen und es in der Zukunft besser zu machen", sah der SCM-Kreisläufer die Partie gestern schon ganz anders als kurz nach dem Abpfiff.

Da drohten ihm nämlich kurzzeitig die Sicherungen durchzu-brennen. Aufgebracht und noch voll unter Strom war der Pole zusammen mit Kapitän Fabian van Olphen auf Savas Karipidis zugestürmt. Der Goalgetter (zehn Treffer) hatte nach dem 29:29-Ausgleichstreffer die schnelle Mitte der Magdeburger regelwidrig unterbunden, war dafür aber im Moment des Schlusspfiffes ungestraft davongekommen. "Die Aktion war unsportlich, da kam dann alles zusammen, Enttäuschung, Frust, Ärger, Trauer, und für einen kurzen Moment überlegst du nicht, handelst emotional und spontan. Aber schon nach ein paar Sekunden war alles wieder okay", kommentierte Jurecki die Rauferei nach dem Abpfiff.

Gestern nun richtete er bereits den Blick auf das letzte Spiel des Jahres. "Am Mittwoch gegen Flensburg ist nach ganz langer Zeit die Bördelandhalle nahezu ausverkauft. Und das ist für mich wie für jeden Spieler von uns etwas ganz Besonderes. Wir freuen uns darauf und werden alles geben, um das Spiel zu gewinnen."

Emotional wird es an diesem Abend allemal, denn noch ein weiteres Ereignis wirft seinen Schatten voraus: Ex-Kapitän Steffen Stiebler wird in die "Hall of Fame" des SCM aufgenommen.