Magdeburg l Die Handballer in der Bundesliga werden künftig überwacht. Ein kleiner Chip soll aus jedem Winkel des Spielfeldes spezielle Daten liefern. Wie schnell war der Spieler beim Tempo-Gegenstoß? Wie hart war der Wurf? Wie lange war der Spieler beim Sprung in der Luft? Wer spielte die meisten Pässe, die zu Toren führten? Wer hat wie lange gespielt?

Das und noch viel mehr will das Unternehmen Kinexon aufbereiten, um die Handballspiele noch greifbarer zu machen. Und Basis dafür ist ein Chip, den die Spieler künftig an ihrem Körper tragen müssen.

Chip im Hemd eingenäht

Für die SCM-Handballer galt es dabei zunächst, eine ganz praktische Frage zu klären. Tragen sie den Chip in einer Art BH oder wird er besser ins Unterzieh-Shirt eingenäht? Und die Entscheidung fiel auf die Shirts, weil sich der BH im Spiel unter den Trikots so schlecht tragen lässt.

Während Marko Bezjak und Daniel Pettersson am Dienstag nach dem Training schon mal ausprobierten, wie sich das kleine Plastikteil im Nackenbereich so anfühlt, ließen sich die Torhüter Jannick Green und Tobias Thulin von Graeme Salt erklären, was die neue Technik so bringt. Salt wird als Experte die einzelnen Daten für die Magdeburger aufbereiten.

Großes Interesse an Echtzeit-Daten

Federführend ist die Firma Kinexon, die von der Handball-Bundesliga den Zuschlag für die Einführung der neuen Technologie bekam. Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, meint: „Der Bedarf, Daten in Echtzeit verfügbar zu machen, ist enorm und wird wachsen. Damit erschließen wir Fans, Medienpartnern und Sponsoren zusätzliche Blickwinkel und neue Erlebniswelten. Handball wird dadurch noch transparenter und anfassbarer.“

Mittels Echtzeit-Tracking sollen die Trainer über die entsprechenden Daten per Computer sogar direkt während der Spiele informiert werden. Dadurch könnten die Verantwortlichen beispielsweise bezüglich der Belastung auch sofort Einfluss nehmen. Für die TV-Zuschauer will Sky die interessantesten Daten in den Pausen und nach den Spielen aufbereiten.

Werbung für den Handball

„Für die Entwicklung unserer Sportart ist das auf jeden Fall positiv. Und die Trainer können die Belastung noch besser analysieren“, sagt auch Pettersson. Bezjak ist indes zurückhaltender. „So viele Geheimnisse wird es sicher nicht geben. Dass wir beispielsweise 2000 bis 3000 Meter pro Spiel laufen, ist bekannt“, erklärt der Slowene. Und Torwart Green meint: „Für die Sportart ist das sicher interessant. Uns Torhütern bringt das eher weniger. Es sei denn, man könnte auch die Art der Würfe, ob Sprungwurf oder aus der Hüfte, analysieren.“

Wettbewerbsverzerrung durch verschiedene Bäll

SCM-Trainer Bennet Wiegert verspricht sich von dieser Technik grundsätzlich sehr viel für die Sportart, ist aber noch ein bisschen skeptisch. Und das hat mit den unterschiedlichen Bällen zu tun. Um Daten wie die Wurfdistanz, Wurfgeschwindigkeit oder Ballbesitz zu erfassen, muss der Chip in dem Spielgerät eingesetzt sein. Diese speziell entwickelte Ballblase gibt es bisher aber nur in den Bällen des Herstellers Select. Der SCM spielt allerdings mit Kempa-Bällen. Und dieser Ausrüster hat seine Produkte noch nicht mit diesem entsprechenden Chip versehen.

Wiegert findet das schwierig: „Zusätzliche Daten sind für unseren Sport immer gut. Aber da nur wenige Mannschaften über Bälle mit einem Chip verfügen und dadurch viel mehr Daten bekommen, ist das schon eine Art von Wettbewerbsverzerrung. Und damit habe ich durchaus ein Problem.“

Nur sechs Teams mit einem Chip im Ball

Tatsächlich sind es sechs Mannschaften, die mit Select-Bällen spielen und dadurch auch spezielle Wurfbilder von ihren Spielen erhalten können: die Rhein-Neckar Löwen, DHfK Leipzig, Bergischer HC, TBV Lemgo, HSG Wetzlar und TSV Hannover-Burgdorf.

Doch während es in der Fußball-Bundesliga durch die DFL einen einheitlichen Spielball von Derbystar gibt, tragen die Handball-Clubs ihre Heimspiele mit den Bällen ihres jeweiligen Ausrüsters aus. Und dafür gibt es feste Verträge, die nicht von heute auf morgen kündbar sind. Wiegert: „Kempa ist dabei, seine Bälle jetzt auch mit dem entsprechenden Chip auszustatten.“

Aber auch das braucht seine Zeit. Und Geduld. HBL-Pressesprecher Oliver Lücke: „Wir versprechen uns von dieser Technik sehr viel. Die jeweiligen Hallen sind alle mit dem notwendigen Equipment ausgestattet. Aber wir sind erst am Beginn. Da wird es sicherlich noch das eine oder andere Problem geben, bis alles reibungslos funktioniert.“

Und wichtiger als Laufdaten oder Sprunghöhe, als Ballbesitz oder Passgenauigkeit, sind auch im Handball immer noch Tore und Siege.