Magdeburg l Viel Zeit für die Familie, endlich wieder regelmäßig joggen und auf der anderen Seite viel Ungewissheit bei Bennet Wiegert. Da können die Kinderaugen seiner Töchter noch so groß vor Freude beim Spielen sein und sich der Streckenrekord im Wald von Tag zu Tag verbessern – dem SCM-Trainer fällt es trotzdem schwer, den eigentlichen Handball-Alltag zu vergessen. Nicht zu wissen, wie es auf der Platte weitergeht, ist für den 38-Jährigen so brutal wie ein mit dem letzten Wurf verlorenes Handballspiel.

SCM-Coach will Klarheit

Wiegert ist ein viel zu großer Perfektionist, um alles einfach so auf sich zukommen zu lassen. „Diese Ungewissheit zehrt schon sehr an den Nerven. Deshalb wäre es schön, endlich ein Datum und einen festen Fakt zu haben, wie es weitergeht. Aber vielleicht wissen wir am Mittwoch schon ein bisschen mehr“, verweist Wiegert auf die geplante Telefonkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder.

Während nicht gerade wenige Verantwortliche der Handball-Bundesligisten sich für einen Abbruch der Saison aussprechen, plädiert Wiegert für eine sportliche Lösung. Wiegert: „Anhand der aktuellen Tabelle dann Entscheidungen über Teilnahmen den europäischen Wettbewerben sowie den Auf- und Abstieg zu treffen, halte ich nicht für fair. Aber in der aktuellen Lage geht es vielleicht auch nicht um fair oder unfair.“

Aktuell gelten die Kontaktbeschränkungen bis zum 19. April. Einen Tag danach will die Handball Bundesliga entscheiden, ob die Saison weitergeht oder abgebrochen wird. Für den letzteren Fall soll es sogar schon konkrete Pläne geben, wie dann verfahren wird. Fest steht auf jeden Fall, dass es dann keine Absteiger gibt, die Bundesliga aber durch zwei Aufsteiger (Coburg und Essen) auf 20 Teams aufgestockt wird.

Drei Wochen Training ein Muss

Geht die Saison weiter, soll der Spielbetrieb spätestens am 16. Mai fortgesetzt werden. Wiegert: „Um die Spieler zu diesem Termin mit gutem Gewissen auf die Platte zu schicken, müssten wir aber schon nächste Woche wieder mit dem Training beginnen. Rund drei Wochen braucht man schon, um die Jungs wieder spielfähig zu bekommen. Alles andere wäre ein zu hohes Verletzungsrisiko.“ Kontakte zwischen Trainer und Spielern gibt es aufgrund der Kurzarbeitregelung derzeit nicht.

Die Spieler bekommen lediglich eine automatische Pushup-Nachricht auf ihre Handys, wenn der Coach in seinem Online-Tool fast schon ein bisschen trotzig wieder einen Termin gestrichen hat.

„Normalerweise würde ja am Donnerstag das Heimspiel gegen Ludwigshafen auf dem Programm stehen. Aber auch dafür muss ich jetzt die Löschtaste benutzen, wie schon in den ganzen Wochen zuvor“, bedauert der Coach.

Karten spielen mit den Töchtern

Für Ehefrau Christine sowie die Töchter Lela (5) und Elba (7) sind es dagegen Festtage, weil der Mann und Papa so viel zu Hause ist. Wiegert: „Da meine Frau im Gesundheitsdienst tätig ist und deshalb weiter arbeitet, fühle ich mich wie in der Elternzeit. Und ich bin dabei ganz stolz darauf, dass ich unserer Kleinen in den letzten Wochen das Fahrradfahren beibringen konnte. Bei der Großen sind wir mit Inlinescatern gut dabei.“ Neben dem Toben im Garten wird auch fleißig Karten gespielt. Wiegert: „Uno, das verrückte Labyrinth und Skip-Bo sind dabei die Favoriten.“ Nur die Großeltern haben vor allem über Ostern gefehlt. Wiegert: „Wir halten über Facetime regelmäßig Kontakt. Aber auf Besuche haben wir verzichtet. Da wollen wir kein Risiko eingehen und halten uns an die gesetzlichen Vorgaben.“

Joggen und "Eisbaden"

Anders als im sonst auch hektischen Handball-Alltag mit Training und anderen Terminen, steht jetzt auch regelmäßig leckeres Essen auf dem Tisch. Um die Figur zu halten und fit zu bleiben, hat Wiegert deshalb das Joggen neu entdeckt. „Im normalen Alltag hatte ich dafür kaum noch Zeit. Aber inzwischen bin ich fast täglich so sieben bis neun Kilometer unterwegs. Durch das Tracking auf dem Handy entwickle ich da schon wieder einen ordentlichen Ehrgeiz“, erzählt Wiegert, der sich bei ungefähr zehn Grad auch schon in einen Magdeburger See wagte. Viel lieber würde der Magdeburger Coach aber natürlich mit gewohntem Ehrgeiz und Emotionen den Wettbewerb mit dem Handball verfolgen.