Burg. Mehr als eine Stunde lang war es gestern mucksmäuschenstill in der Aula des Burger Roland-Gymnasiums. 150 Schüler aus der 9. bis 11. Klasse lauschten dem bewegenden Vortrag von Tamara Misch ( 74 ). Sie und ihre Familie wurden im Zweiten Weltkrieg Opfer der verbrecherischen Rassenpolitik der Nationalsozialisten.

Zum wiederholten Mal hatte Anne Düker, Lehrerin für Geschichte und Deutsch, Tamara Misch, die in Naumburg lebt und dort Vorsitzende der Basisgruppe der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten ( VVN / BdA ) ist, nach Burg eingeladen. Auch diesmal wurde sie von ihrem Mann Gerhard ( 74 ) begleitet. Mehr als 50 Jahre sind sie verheiratet.

Während des Vortrages seiner Frau hatte Gerhard Misch nicht nur die Aufgabe, Folien auf den Projektor zu legen. Die Anwesenheit ihres Mannes gab Tamara Misch vielmehr erst die Kraft zum Berichten. Dennoch brauchte die Zeitzeugin immer wieder kurze Pausen, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, den nächsten Satz zu fi nden.

Mehr als 40 Jahre hatte Tamara Misch über ihre Kindheit nicht gesprochen. Jetzt legen ihre persönlichen Erinnerungen ein historisches Zeugnis ab. " Denn es darf nichts vergessen werden ", so die 74-Jährige. Das sei man den Millionen Opfern der nationalsozialistischen Rassenpolitik schuldig.

Zu den ersten Erinnerungen von Tamara Misch gehört, dass ihre Heimatstadt Podhajce 1941, als deutsche Soldaten die Ukraine besetzen, bombardiert wird. Im Rücken der Wehrmacht übernehmen SS und deutsche Dienststellen das Kommando in den besetzten Gebieten. Ziel ist es, die Landstriche weitgehend zu entvölkern, um anschließend Deutsche und " Volksdeutsche " anzusiedeln. " In den Ostgebieten wurden die Rassengesetze und die Rassenideologie der Nazis, die die Welt in Herrenmenschen und Untermenschen einteilte, viel schärfer durchgesetzt als im Reich ", so Tamara Misch. SS und ukrainische Nationalisten ermorden Juden, Polen, Zigeuner. Ihre Vorgesetzen lassen Wodka verteilen. Die Täter sprechen später vom " Blutrausch ".

Die verbliebene slawische Bevölkerung wird selektiert. Ein Teil soll auf den neuen deutschen Gütern Frondienste leisten oder wird zur Zwangsarbeit ins Reich deportiert. Neben diesen Arbeitssklaven sind den Nazis kleinere, nach rassischen Merkmalen ausgewählte Kinder wichtig, aus denen sie Deutsche machen wollen.

1943 muss Tamara Misch zusehen, als ihr Vater erschossen wird. Mutter und Kinder kommen in ein Lager der SS. " Kümmere dich um deine Brüder ", mit diesen Worten verabschiedet sich Tamara Mischs Mutter von ihrer siebenjährigen Tochter und kommt wenig später um. Die Geschwister werden getrennt. Tamara Misch verbringt bis März 1944 sieben Monate in einem Kinderheim der SS in Podhajce. Hier lernen die Kinder die deutsche Sprache und deutsche Lieder. Tamara Misch : " Das Deutschlandlied löst in mir bis heute Angst aus. "

Dann kommt Tamara Misch nach einer " gesundheitlichen und erbbiologischen Prüfung " zu deutschen Pfl egeeltern ins Polnische. Das Ehepaar mittleren Alters, das zuvor in Leipzig wohnte und im besetzten Gebiet angesiegelt wurde, hat bereits einen Pfl egesohn. Zuvor wurde von den deutschen Behörden die Identität des Mädchens verwischt. Nur der Vorname blieb. Nachdem Tamara von ihren beiden Brüdern erzählt hat, lassen die Pfl egeeltern diese suchen und nehmen auch Waldemar und Anatol auf.

Im Januar 1945 fl üchtet die Familie mit ihren vier Pfl egekindern vor der heranrückenden Roten Armee. Endstation ist nach fünf Wochen die Dübener Heide.

Als die Pfl egeeltern 1950 nach Westdeutschland gehen, lassen sie Tamara, Waldemar und Anatol zurück. Sie werden zunächst wieder in Kinderheimen untergebracht. Als Tamara Misch ihren späteren Mann kennenlernt, wird er zum Ersatzvater für die beiden Brüder und unterstützt Tamara Misch, die bereits seit 1943 Ersatzmutter ist.

" Besonders habe ich immer darunter gelitten, dass ich nicht sagen kann, wer meine Eltern sind ", so Tamara Misch. Es gibt keine Namen, keine Fotos. Den Geruch von Grützwurst und Sauerampfersuppe oder das Rauschen des Baches, in dem ihre Mutter die Wäsche spülte – auch solche Kindheitserinnerungen hat Tamara Misch. Doch die Jahre 1943 / 44 überschatten bis heute alles. Und darum wünschte Tamara Misch gestern ihren Zuhörern " ein glückliches Leben ".