Wernigerode l Dafür trainiert der Hannoveraner, der Anfang des Jahres nach Bad Harzburg gezogen ist, beim Wernigeröder SV Rot-Weiß. Für die Volksstimme sprach Marco Heide mit dem Sportler.

Volksstimme: Was verschlägt einen jungen Profiboxer von Hannover nach Bad Harzburg?

Das ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte. Ich bin aufgrund meiner Freundin nach Bad Harzburg gezogen. Seit Ende Februar wohne ich mit ihr zusammen.

Welche Trainingsvorteile bietet der Harz aus ihrer Sicht?

Im Harz gibt es viele verschiedene Trainingsmöglichkeiten – vor allem bei Outdoor-Trainings. Das ist vor allem zur aktuellen Corona-Zeit ein Vorteil. Außerdem kann man zwischen den Einheiten zum regenerieren zu einer Talsperre fahren oder einen Spaziergang durch die Natur machen. Das ist auch erfrischend für die Seele.

Wie sind Sie zum Kampfsport gekommen?

Vermutlich wie fast jeder kleine Junge habe ich Fußball gespielt, hatte aber nie große Ambitionen in diesem Sport. Ich habe aber irgendwann mit meinem Vater oder bei den Großeltern vor dem Schlafengehen Boxen geguckt. Zu dieser Zeit waren Felix Sturm und Arthur Abraham erfolgreich. Zu der Zeit haben wir beim Fußball mal am Rande etwas Sparring gemacht und irgendwann waren wir dann in einem Gym.

Warum sind sie von Mixed Martial Arts zum Boxen gewechselt?

Die Frage höre ich häufiger. MMA ist in Deutschland im Kommen. Der Sport wächst auch immer mehr. Ich habe den Sport vier Jahre lang gemacht, aber egal wo ich hinkam, wurde ich sofort in eine Schublade gesteckt, wenn ich gesagt habe, dass ich MMA mache. Viele assoziieren MMA mit Käfigkämpfen. Es hat ein asoziales Image, obwohl das nicht so ist. Viele Jungs, mit denen ich gekämpft und trainiert habe, führen soziale Berufe aus und sind die liebsten Leute, die man kennt. Weil der Sport trotzdem in Deutschland in vielen Gesellschaftsbereichen verrufen ist und mir der Standkampf sehr liegt, habe ich mich entschlossen, den Schritt ins Profiboxen zu gehen. Ich möchte mich jetzt auf den Standkampf fokussieren. Elemente des Bodenkämpfes ziehe ich jetzt nicht mehr in mein Training.

Was können Sie vom MMA zum Boxen mitnehmen?

Das sind mehrere Aspekte. Einer ist das Kämpferherz. Beim MMA sind die Handschuhe kaum gepolstert. Wenn du damit einen Schlag ins Gesicht bekommst, weißt du, was ein Schlag ist. Wenn du da viele Kämpfe und Sparrings gemacht hast, bist du ziemlich abgehärtet. Das kann mir im Boxen sehr helfen. Außerdem werde ich von meiner Beweglichkeit und Beinarbeit profitieren. Beim MMA ist es gang und gäbe, dass man sich viel bewegt, hin und her springt und hin und her pendelt. Die Beweglichkeit im Oberkörper und in den Beinen ist ein Trumpf beim Boxen und das kann ich aus dem MMA mitnehmen.

Was war für Sie der bisher bedeutendste Kampf?

Das war mein MMA-Kampf im September 2019 in Dresden. Das war eine super Kulisse. Ich habe dort in der Margonarena vor 2000 Zuschauern gekämpft. Es gab eine Live-Übertragung, ständig waren Kameras auf die gerichtet. Das war ein Mega-Erlebnis, ein unbeschreibliches Gefühl dort einzulaufen und zu kämpfen. Dann habe ich dort auch noch vorzeitig gewonnen. Für mich waren das viele schöne Erlebnisse auf einmal. Aber ich hoffe, dass in den nächsten Jahren auch noch einige bedeutende Kämpfe hinzukommen werden.

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?

Meine Ziele sind gestaffelt. Ich habe kurz-, mittel- und langfristige Ziele. Das kurzfristige Ziel war um die Deutsche Meisterschaft im Supermittelgewicht zu boxen. Das wird aber aufgrund der Corona-Pandemie nichts. Das ist sehr ärgerlich. Ich brauche noch ein bis zwei Kämpfe, um für den Meisterschaftskampf zugelassen zu werden. Wir hoffen, dass es so schnell wie möglich mit den Kämpfen weitergehen kann. Wenn es weitergeht, wollen wir dieses Jahr noch so viele Kämpfe wie möglich machen – zwei vielleicht auch drei.

Dann möchte ich gleich Anfang 2021 um die Deutsche Meisterschaft boxen. Das mittelfristige Ziel ist, um kleinere internationale Gürtel zu kämpfen. Ich bin 20 Jahre jung und mit 24/25 zählt man noch immer zu den Jungen. Und ich denke, wenn ich mit 20/21 die Deutsche Meisterschaft hole, hat man schon einen wichtigen Meilenstein erreicht. Eine wichtige Sache, die man nicht vergessen darf, ist der finanzielle Erfolg. Der darf perspektivisch nicht ausbleiben. Du kannst den Sport zehn, wenn du Glück hast zwölf Jahre betreiben. Das ist ein begrenzter Zeitraum. Außerdem ist es nicht der gesündeste Sport. Du bekommst viele Schläge gegen den Kopf. Du lässt viel Substanz und irgendwann möchtest du davon einen finanziellen Ertrag haben. Das ist eines der höhergesteckten Ziele.

Planen Sie Kämpfe im Harz?

Kämpfe im Harz sind nicht unrealistisch. Aber in kommender Zeit ist erstmal nichts geplant. Ich denken, wenn man hier den ein oder anderen Kampf gemacht hat und einen Namen in der Region hat, dann ist es auch nicht verkehrt, hier eine Veranstaltung zu machen. Die Community im Boxen ist im Harz relativ groß. Und es würde bestimmt einige boxverrückte Leute aus dem Harz herkommen. Natürlich muss man schauen, wie man die Veranstaltung finanziert, ob man den ein oder anderen Sponsor findet. Sicherlich ist das für die Zukunft eine Option.

Wie sieht in der Corona-Zeit Ihr Boxtraining aus? Was sind die Unterschiede zum regulären Training?

Es gibt schon einen Unterschied. Man kann nicht mit allen Trainingsmitteln trainieren. Wir trainieren aktuell draußen. Wir trainieren auf Sportplatz, machen Pratzentraining, Schattenboxen, Zirkeltrainings. Versuchen, so fit wie möglich zu bleiben. Dann trainiere ich noch zu Hause. Ich habe mir ein paar Gewichte bestellt, mit denen ich Kraft und Schnellkraft notdürftig trainiere. Außerdem gehe ich Laufen. Ansonsten übe ich mit meinem Trainer zwei Mal pro Woche draußen und mache mit ihm ein paar technische Sachen. Sparring ist aktuell aufgrund der Kontaktbeschränkungen ausgeschlossen.

Warum fiel Ihre Wahl für das Training auf den Wernige­röder SV Rot-Weiß?

Kurz bevor ich nach Bad Harzburg gezogen bin, habe ich einen Facebook-Post in den einschlägigen Gruppen im Harz veröffentlicht und habe einen Sponsorenaufruf abgesetzt. Das war noch vor dem großen Ausbruch der Corona-Pandemie. Daraufhin schrieb mich Christian Lange, ein ehemaliger erfolgreicher Amateur-Boxer aus dem Harz und Trainer beim WSV, an und fragte, ob man zusammenarbeiten könnte.

Wir haben uns getroffen, ausgetauscht und nun trainieren wir seit 2,5 Monaten zusammen und wollen gemeinsam einige große Ziele erreichen. Grundsätzlich trainiere ich auch lieber mit Amateuren. Einige denken, dass das Niveau nicht so hoch, wie bei den Profis ist. Erstens verinnerlicht man dort die klassische Boxschule, außerdem sind sie meistens im Wettkampfmodus und disziplinierter als die Profis. Die meisten Profis lassen sich nach den Wettkämpfen ein wenig gehen oder sind vor den Wettkämpfen auch nicht zu 100 Prozent fit. Klar trainiere ich auch mit Profis, aber die Amateure sind erfolgshungriger und bissiger im Sparring.

Wo sehen Sie ihre Stärke, woran müssen Sie noch arbeiten?

Mein Herz, ich habe schon Kämpfe und Sparrings gedreht, wo man gesagt hat, dass ich die eh verliere. Ohne Herz, brauchst du auch nicht kämpfen. Aus meiner Sicht ist das ein großer Trumpf, dass ich mich nie aufgebe und versuche, in jeder Situation des Kampfes immer noch das bestmögliche herauszuholen. Ein weiterer Vorteil ist meine Reichweite bei 1,95 Meter Körpergröße, ich kämpfe im Supermittelgewicht bis 76 Kilogramm in einer recht niedrigen Gewichtsklasse. Ich kann meine Gegner mit der Führhand treiben. Ich kann dadurch verhindern, dass mir die Gegner zu nahe kommen und den Kampf spielend gestalten. Die Gegner müssen sich meinem Kampfstil anpassen und nicht andersrum. Ich denke, dass das eine große Stärke ist. Da ich aus dem MMA komme, gibt es im klassischen Boxen noch den ein oder anderen Punkt, den ich verbessern muss – beispielsweise eine stabile Doppeldeckung. Die gibt es im MMA so nicht. Daran arbeiten wir aber hart.

Haben Sie ein sportliches Vorbild? Was zeichnet dieses Vorbild aus Ihrer Sicht aus?

Ich habe niemand, wo ich sage, „ich will so werden, wie der“. Natürlich gibt es aber Sportler im MMA oder Boxen, an denen man sich orientiert. Ich gucke mir sehr viele Boxveranstaltungen an. Ich versuche mich auch da, weiter zu bilden. Auch wenn man nur Kämpfe schaut, lernt man ein Stück dazu. Mein Vorbild was sportlichen Ehrgeiz und Trainingsfleiß angeht, ist mein Vater. Einfach auch aufgrund seiner Disziplin, der er mir vorgelebt hat. Im Allgemeinen haben mich meine Eltern und Großeltern sehr geprägt. Sie haben mir mitgegeben, dass man viel investieren und dafür arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Erfolg muss erarbeitet werden.

Gegen wen würden Sie gerne einmal boxen?

David Benavidez ist aktuell WBC-Weltmeister im Supermittelgewicht und ist auch noch sehr jung. Ich habe mit 20 Jahren noch sehr viel vor mir, trainiere jeden Tag, um mich zu verbessern und würde eines Tages gerne gegen Benavidez boxen. Das ist noch ein sehr langer Weg, aber Träume muss man haben.

Wo möchten Sie in fünf Jahren stehen?

In fünf Jahren habe ich noch immer einen Großteil meiner Karriere vor mir. Mit 25 Jahren würde ich gerne unter den Top 200 der Welt stehen. Ich denke, dass das Ziel sehr realistisch ist. Wenn ich in fünf Jahren zu den besten 200 gehöre, den Deutschen Meistertitel und ein paar internationale Gürtel geholt habe, kann ich mich in den folgenden fünf Jahren für die großen Kämpfe in Position bringen.