Magdeburg l Manchmal kann nur ein einzelner Gedanke das ganze Leben umkrempeln. So ging es auch Thorsten Jockisch im Jahr 2014. Der Polizeibeamte kam von einer Nachtschicht nach Hause und spürte plötzlich, dass er irgendwie unzufrieden mit sich selbst war. „Ich habe ein bisschen viel gewogen damals“, berichtet der heute 40-Jährige. „Und da habe ich mir gedacht, so kann es nicht weitergehen.“

Der erste Impuls? Klar, eine Runde Joggen. Auch wenn der frühere Fußballer schon immer gut laufen konnte, „ich hab das eigentlich nie gemocht“. Dennoch schnappte sich Jockisch „ein paar olle Laufschuhe“ und war vier Kilometer unterwegs. „Ich war anschließend fix und fertig.“ Dass er heute – nur sechs Jahre später – regelmäßig zehn Mal so viel läuft und bereits an 17 Marathons teilgenommen hat, ist seinem großen Ehrgeiz geschuldet.

Laufen als „regelrechte Sucht“

Als wirklich Gewicht purzelte, investierte der dreifache Vater immer mehr Zeit in ein Hobby, das schnell eine große Leidenschaft wurde. „Mich hat dann das Fieber gepackt und nicht mehr losgelassen. Jetzt ist es eine regelrechte Sucht“, sagt der Cracauer, der aus Seehausen (Börde) stammt. Doch was macht die Faszination an diesem Sport aus? „Ich kann komplett ausschalten, an alles oder an gar nichts denken.“ So hört er auf der Laufstrecke auch keine Musik. Besonders schätzt er natürlich auch die Wettkämpfe. „Das ist immer eine coole Atmosphäre, nette Leute. Das ist alles sehr familiär und macht einfach Spaß.“

Umso schmerzhafter ist es für ihn, dass in der aktuellen Corona-Zeit keine Läufe mehr ausgerichtet werden. „Das fehlt komplett“, klagt er. Dennoch hält Jockisch das nicht davon ab, neue Bestzeiten aufzustellen. Im Mai absolvierte er für sich selbst einen Marathon in unglaublichen 2:55:53 Stunden. „Zum Ende des letzten Jahres habe ich gedacht, ich könnte meine Marathonzeit weiter runterschrauben“, berichtet er. So startete der Bereitschaftspolizist einen Trainingsplan, hat für sein Ziel „trainiert wie ein Ochse“. Allein im März brachte er beachtliche 574 Kilometer auf die Laufuhr.

Gute Erinnerungen an die Altmark

In Tangermünde sollte die neue Bestmarke dann fallen. An den Elbdeichmarathon hat er ja ohnehin nur gute Erinnerungen. In der Altmark hat er im Vorjahr zum ersten Mal die Drei-Stunden-Schallmauer durchbrochen. „Das ist die magische Grenze“, sagt er. „Da will jeder Amateurläufer einmal hin.“ Den dritten Platz in der Gesamtwertung, den er damit erreichte, bezeichnete Jockisch zudem als „meinen bisher größten Erfolg“.

Für die 2020er-Auflage folgte dann aber die Absage. Doch die Enttäuschung beim ehrgeizigen Läufer wich schnell dem Plan, die Bestzeit trotzdem zu knacken. Was ihm im zweiten Anlauf auch gelang.

Schon am Anfang seiner Läuferkarriere war Jockisch unglaublich ehrgeizig. Nur anderthalb Jahre nach seinen holprigen Anfängen meldete er sich für den Magdeburg-Marathon 2015 an. „Eine Kollegin hat gewettet, dass ich es nicht schaffe, in unter 3:30 Stunden ins Ziel zu kommen“, erinnert er sich. „Das war natürlich ein Anreiz.“ Und verhalf ihm auch zu der Anfänger-Fabelzeit von 3:22:45. In den sozialen Medien kommentierte „Jocki“ das Ganze mit dem Hashtag #stolzwiebolle. Auch heute denkt der damals für den SV Inter und heute für den HSV Medizin startende Läufer gerne an diesen Moment im Ziel. „Da geht man an seine Grenzen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Wer das nie gemacht hat, kann das nicht nachvollziehen.“

Einmal zum Aufgeben gezwungen

An diesem Oktobertag hatte ihn endgültig das Lauffieber gepackt. Denn es folgten bis heute etliche Trainingseinheiten, teilweise bei Minusgraden und – für Jockisch am unangenehmsten – bei Wind. Und es folgten eben 16 weitere Marathons. Nur einen einzigen davon hat er nicht beendet. Wiederum in Magdeburg im Jahr 2018. „Das war sehr ärgerlich“, berichtet er von einem Stechen in der Wade, das ihm nach gut zehn Kilometern zum Aufgeben zwang. „Aus Trotz bin ich eine Woche später nach Braunschweig gefahren, da hat die Wade gehalten“, berichtet er lachend von einem seiner vielen erfolgreichen Wettkämpfe.

Im Vorjahr absolvierte er sogar einmal drei Marathons in vier Wochen. Erst Berlin, dann Bremen, dann Magdeburg. „Das war nicht so gesund, aber was willst du machen, wenn die Termine so fallen?“, fragt er und schmunzelt. Risiken sieht er auch bei seinem Trainingsumfang und dem Bestreben, „immer schneller zu werden“ nicht. „Einige sagen immer: Du bist verrückt und machst viel zu viel. Aber ich denke, solange ich keine Beschwerden habe, mach ich das weiter.“

Alles, weil er vor gut sechs Jahren diesen einen Gedanken hatte. Und ihn anschließend das Lauffieber packte.