Magdeburg l Ans Aufhören denkt der Leichtathlet des HSV Medizin aber noch lange nicht. Joachim Engelhardt sitzt in der Wohnküche seines Hauses im Stadtteil Hopfengarten. Der Blick geht durch das große Fenster in den Garten. Die Vorfrühlingssonne scheint. Eigentlich der richtige Moment, um im Garten zu werkeln. Doch hat der 76-Jährige dafür keine Zeit. Es gilt den 40. Hopfengartenpokallauf vorzubereiten. Dessen Zieleinlauf liegt keine 300 Meter entfernt von seinem Haus in der Hamsterbreite, durch die der Lauf natürlich auch führt.

Der Jubiläumslauf beschäftigt Magdeburgs „Laufpapst“ rund um die Uhr, wenn er nicht selbst als Läufer unterwegs ist, so wie am vergangenen Sonnabend bei den deutschen Hallenmeisterschaften der Senioren in Halle oder tags darauf beim Aufgalopp der diesjährigen Landeslaufcup-Serie in Demker.

Zwei Tage für 500 Hefte

Dort in der Altmark wollte Engelhardt eigentlich auch die Broschüre zum diesjährigen Hopfengartenpokallauf verteilen. Doch daraus wurde nichts. Beim letzten Korrekturlesen fiel auf, dass auf der Titelseite ein falsches Datum gedruckt war. Der Laufchef wusste sich aber zu helfen, ließ kleine Heft-etiketten mit dem richtigen Datum anfertigen, klebte die per Hand auf: „Da habe ich zwei Tage für die 500 Hefte gebraucht.“

Dabei wäre es vor drei Jahren beinahe vorbei gewesen mit den Aktivitäten des sportlichen Seniors und wohl auch dem Hopfengartenpokallauf. Beim Befestigen des Start-Ziel-Banners für den 37. Lauf 2016 stürzte Engelhardt von einer fünf Meter hohen Leiter auf den Bürgersteig, zog sich u. a. eine doppelte Beckenringfraktur zu, lag vier Wochen in der Uniklinik. Noch im Krankenbett schwor er sich: „Es wird künftig kein Start-Ziel-Banner mehr geben. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich von der Leiter gefallen war. Für mich wäre es unerträglich gewesen, einen Sportfreund so leiden zu sehen.“

Schon früh auf der Mittelstrecke unterwegs

Gelaufen ist Engelhardt schon während der Schulzeit in seiner Geburtsstadt Sonneberg gern. Seine Vorliebe für die Mittelstrecke entdeckte er während des Studiums an der Bergakademie in Freiberg. Bei DDR-Studentenmeisterschaften in Senftenberg startete der gebürtige Thüringer Engelhardt gegen Manfred Matuschewski, 1962 und 1966 Europameister über die 800 Meter, und Jürgen May, Weltrekordler über die 1000 Meter. „Das war für uns auf Lehmstampfboden damals natürlich etwas ganz Tolles“, so der spätere Wahlmagdeburger, der die 1500 Meter damals in 4:02 Minuten absolvierte. „Ich war immer Mittelstreckler“, erklärt Engelhardt, „weil ich nie die Ausdauer trainiert habe, da ich vielleicht zu wenig Geduld hatte.“

Mit seiner 2017 verstorbenen Gattin Brunhilde, früher als Schwimmerin und Fechterin aktiv, verschlug es Engelhardt Ende der 1960er Jahren beruflich nach Gommern, bezog er in der Magdeburger Schilfbreite eine Wohnung. Hier wurden die Kinder Katrin, Conrad und Bettina geboren, hier schloss sich der einstige Mittelstreckler dem heutigen HSV Medizin an und gehörte zu den Mitbegründern der Abteilung Leichtathletik der damaligen HSG und der Laufbewegung in der Elbestadt. Und natürlich zu den Mitbegründern des Hopfengartenpokallaufes.

Selbst ein Sturz hielt ihn nicht auf

Doch auch selbst ist Joachim Engelhardt nach wie vor läuferisch aktiv, absolvierte achtmal den Rennsteiglauf, startete 38 Mal beim Harzgebirgslauf. Damit war 2016 nach dem folgenschweren Sturz von der Leiter erst einmal Schluss. Doch der passionierte Läufer gab nicht auf, begann an der Seite seiner Frau wieder behutsam draußen zu laufen. „Der Hintergrund war, dass habe ich natürlich meiner Frau nicht erzählt, ich wollte im Oktober beim Harzgebirgslauf dabei sein. Ich hatte gemeldet, wollte das 38. Mal in Folge starten.”

So wurde ein Familientreffen im Harz zum Ausgangspunkt für die 38. Teilnahme des Mannes. „Ich sagte, ich wolle die Starter vom HSV Medizin betreuen und selbst eine Wanderung über fünf Kilometer unternehmen“, beschreibt Engelhardt seine sportliche Wanderung mit Start und Ziel in Wernigerode-Hasserode.

Auch ein Unfall kann ihn nicht aufhalten

„Da mir das niemand ausreden konnte, wurde mir ein Enkelkind zur Seite gestellt. Bergab rannte ich dann mit Unterstützung meines Sohnes Conrad, ging aber die letzten Meter nur noch im Schritttempo. Es war eine Qual. Beobachter haben gesagt, das war nicht unbedingt eine Werbung für den Laufsport.“

Im vergangenen Jahr absolvierte Engelhardt alle zwölf Etappen des Landeslaufcups, will 2019 alle 13 mitmachen. Fehlen wird der Mittelstreckler bei den Senioren-Landesmeisterschaften am letzten Mai-Wochenende. Am 25. Mai steigt nämlich der 40. Hopfengartenpokallauf, tags darauf will Engelhardt als Wahlhelfer bei der Europa- und Kommunalwahl agieren.