Salzlandkreis l Nachdem der Handball-Verband Sachsen-Anhalt (HVSA) mit seiner fehlenden Positionierung zu einer Absage des letzten Spieltages in der Vorwoche kein gutes Bild abgegeben hat, wählt Präsident Steffen Müller nun in einem Appell an die Landesregierung deutliche Worte. Müller verfasste einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff. Darin geht es nicht nur um die Probleme der Handballclubs, sondern aller Sportvereine in Sachsen-Anhalt.

Die Corona-Pandemie war und ist in aller Munde. Viele können die Entscheidung der Bundes- und der Landesregierung nicht nachvollziehen. Nachweislich gingen keine Infektionsherde von den Sportvereinen aus. Dies bekräftigte ein Großteil der Politiker. Dennoch ruht aktuell wieder der Breitensport, offiziell laut der 2. Änderungsverordnung zur 8. SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung bis zum 30. November. Den Erfolg der jetzt getroffenen Maßnahmen will die Landesregierung nach 14 Tagen überprüfen und eventuell Anpassungen vornehmen.

Amateursport leidet stark unter Maßnahmen

Der Großteil ist der Meinung, dass der Abbruch die einzig logische Erklärung ist. Nur einer tanzt dabei etwas aus der Reihe: „Auch wenn die Gesundheit im Vordergrund steht, kann ich nicht nachvollziehen, warum es wieder der Amateursport ist, der darunter leiden muss. Ich verstehe auch nicht, warum ein solcher Unterschied zwischen den Profiligen und beispielsweise der Sachsen-Anhalt-Liga gemacht wird. Wir nehmen den Sport genauso ernst – der einzige Unterschied ist, dass es in der Bundesliga der Job der Spieler ist und diese Geld dafür kassieren. Mein Verständnis für die Unterbrechung des Spielbetriebes hält sich in Grenzen“, sagt Sebastian Retting, Trainer der Staßfurter Handballer. Im Lager der SG Lok Schönebeck und der TSG Calbe sieht das schon ganz anders aus. Beide Mannschaften entschieden sich dafür, am vergangenen Wochenende keine Spiele mehr auszutragen. Alles passierte im Gespräch mit dem Gegner. Ähnlich lief es auch beim SV Wacker Westeregeln ab, wie Trainer Marcel Pufahl berichtet: „Wir haben uns ohne groß zu zögern dazu entschieden, unsere Heimspiele – insbesondere im Nachwuchsbereich – mit sofortiger Wirkung abzusagen und nicht erst auf das Inkrafttreten der neuen Beschlüsse ab dem 2. November zu warten. Aus unserer Sicht hätte der Spielbetrieb von offizieller Seite aus mit sofortiger Wirkung eingestellt werden müssen, wie es im Fußball durch den FSA der Fall war. Das Coronavirus ist nicht erst ab November ansteckend, sondern war es schon vorher, weshalb es in unseren Augen keine andere Möglichkeit gab. Auch der Trainingsbetrieb wurde direkt eingestellt.“

Allgemein hätten sich die Handballer eine genauere Positionierung des Verbandes gewünscht, auch wenn Andreas Wiese, Trainer des Handball-Sachsen-Anhalt-Ligisten TSG Calbe, genau weiß, wie schwer das ist: „Natürlich entsteht dort ein großer Druck. Jedoch denke ich, es war der richtige Schritt. Die Verantwortung kann und möchte niemand tragen.“ Daher müssen alle erstmal vier Wochen pausieren. „Wir müssen lernen, mit der Pandemie zu leben und nicht von einem in den anderen Lockdown rutschen“, sagt Gunnar Lehmann, der Handball-Abteilungsleiter der TSG Calbe.

Genau diesen Ansatz machten sich die Verantwortlichen des HVSA zunutze. Denn wie im offenen Brief beschrieben, kann München eben nicht mit Salzwedel verglichen werden. Daher fand der offene Brief großen Zuspruch: „Ich stimme dem Ganzen voll zu. Ich glaube, es muss differenziert betrachtet werden. Wenn die Zahlen wieder nach unten gehen in Sachsen-Anhalt, könnten Lockerungen wieder möglich sein“, sagt Wiese.

Das Stichwort: Der Sachsen-Anhalt-Weg. Bereits im Frühjahr prägte Ministerpräsident Haseloff den Begriff. „Wir sind alle sehr traurig und hoffen für unseren Sport, dass der offene Brief des HVSA an unseren Ministerpräsidenten Anklang findet und wir wenigstens das wöchentliche Training unter Hygienemaßnahmen fortsetzen können. Jeder Verein hat sich in den letzten Wochen und Monaten die Mühe gemacht, sein hart erarbeitetes Hygienekonzept umzusetzen. Wir haben uns mühsam etwas aufgebaut, was jetzt einfach wieder eingerissen wurde, obwohl es dafür keinen Grund gab“, sagt auch Hendrik Schmidt, Nachwuchstrainer beim HC Salzland. „Ich befürworte den offenen Brief und denke, dass der Landesverband damit ein gutes Zeichen gesetzt hat. Ob er jedoch eine Wirkung haben wird, da bin ich mir nicht sicher“, schlägt HV Rot-Weiss-Coach Retting in die identische Kerbe. „Die Idee hinter dem offenen Brief finde ich gut, allerdings müsste man dann eine einheitliche Regelung finden, ohne Ausnahmen“, kommentiert derweil Pufahl. „Ich denke auch, dass der Brief nicht viel bringen wird, auch wenn ich voll hinter den Aussagen stehe. Wir hoffen natürlich alle, dass es im Dezember wieder losgeht und der Wellenbrecher hilft“, verdeutlicht Lehmann.

Soziale Kontakte bleiben auf der Strecke

Denn nicht nur der sportliche Aspekt steht im Vordergrund. Vor allem die Arbeitgeber machten sich Sorgen, wie zum Beispiel Mario Kutzer berichtet: „Wir hatten einige Spieler, deren Arbeitgeber nicht wollten, dass sie in ein Gebiet mit hohem Inzidenzwert fahren. Und auch der Salzlandkreis ist aktuell kein ungefährliches Pflaster, wie viele andere Städte und Kreise auch. Deshalb gab es in meinen Augen keine Alternative zur Unterbrechung“, so der Übungsleiter des HV Rot-Weiss Staßfurt II. TSG-Coach Wiese benennt einen weiteren Aspekt: „Die sozialen Kontakte fallen komplett weg. Auch das macht ein sportliches Miteinander aus.“

Auch wenn natürlich alle traurig sind, dass wieder eine Unterbrechung da ist, geht ein Großteil mit der Entscheidung konform. Beim Brief, den HVSA- Präsident Müller verfasst hat, sind sich indes alle einig: Es ist eine gute Sache.